Traditionelle Veredelungsindustrie wandert nach Südostasien und China ab - Enormer Reformbedarf ...
Globalisierung trifft auch Europas südlichstes Ende

Deutschland und die Welt
26.10.2004
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Gegen den eisigen Wind der Globalisierung schützt auch kein mediterranes Klima mit etwa 330 Sonnentagen. Obwohl auf dem Inselstaat Malta der Mindestlohn nur umgerechnet etwa 130 Euro in der Woche beträgt, wanderten Textilindustrie, Brillenhersteller oder Autozulieferer längst nach Südostasien und China ab, wo der Arbeiter noch weniger kostet. Auf dem kargen Eiland im Mittelmeer ließen Bogner und Moden Frey ebenso fertigen wie Rodenstock. "Malta ist großer Konkurrenz durch die Gesamtglobalisierung ausgesetzt. Es wird nicht einfach, das hohe industrielle Niveau zu halten", sagt Georg Merten, Botschafter Deutschlands auf Malta.

Einer der größten Arbeitgeber auf der Insel ist mit rund 700 Beschäftigten der Spielzeughersteller Playmobil aus Zirndorf bei Nürnberg.

Seit dem besonders von der Jugend begeistert gefeierten EU-Beitritt am 1. Mai dürfen sich die knapp 400 000 Malteser auch offiziell als Europäer fühlen, was an den akuten Problemen allerdings wenig ändert. Weil die Beitrittsländer aus Osteuropa noch um einiges ärmer sind, fällt die Strukturhilfe aus Brüssel mit zunächst 120 Millionen Euro - gestreckt auf drei Jahre - bescheiden aus.

Dabei ist das Straßennetz arg verbesserungsbedürftig, und schlichtweg eine Katastrophe stellt die Entsorgung dar. Der Müllberg im Süden hat es fast zur höchsten Erhebung Maltas gebracht, und wer die tiptop gepflegten Resorts der großen Luxushotels verlässt, kann sich schaudernd ein Bild davon machen, mit welcher Gleichgültigkeit die Malteser ihre Landschaft vermüllen. Hier hätte Umweltminister Jürgen Trittin ein ideales Betätigungsfeld nicht nur mit seinem Dosenpfand, sondern gleich auch mit einer saftigen Abgabe auf alle Plastikflaschen, die ungeniert selbst die letzte Felsenklippe verschandeln.

Poseidon sei Dank, umspülen die felsigen Küsten stete Wellen, welche die kaum vorgeklärten Abwässer so rasch und fast vollständig verdünnen, dass der Tourist am Meeresgestade über eine hohe Wasserqualität staunt. Mit über 1200 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Malta mit Abstand das dichtestbesiedelte Land Europas. Statt mit den begrenzten Ressourcen sensibel zu haushalten, feiert eine hemmungslose Zersiedelung der Landschaft Hochkonjunktur. Der südliche Teil der Insel gleicht einer einzigen Stadt. Dass der Tourismus seit dem Jahr 2001 rückläufig ist und offensichtlich ein Überangebot an Hotels besteht, verwundert nicht. Industrialisierung verträgt sich nicht mit Fremdenverkehr.

In guten Jahren steuerte der Tourismus ein Drittel zum Bruttosozialprodukt Maltas bei. Die künstlich überbewertete maltesische Landeswährung macht die Insel für Besucher nicht ganz billig. Der Schwerpunkt liegt heute auf Sprach- sowie Bildungsurlaub mit den Zeugnissen einer 7000-jährigen Geschichte. Kulturelle Spuren haben zuletzt die Johanniter-Ritter hinterlassen.

Hohes Haushaltsdefizit

Aufgrund seiner strategischen Lage bildete Malta schon immer eine Brücke zwischen den Kontinenten Asien, Afrika und Europa. Die jeweiligen Großmächte umkämpften das felsige Eiland, und die Eroberer alimentierten in der Folge die Insulaner. Mit einem Anteil von 44 Prozent der Beschäftigten ist der Staat der größte Arbeitgeber, beträchtlich fallen Haushalts- und Handelsbilanzdefizit aus. Reformbedarf - inklusive Privatisierung - besteht reichlich, wenn die Malteser das Ziel erreichen wollen, in wenigen Jahren der Euro-Zone beizutreten.