TV-Redakteur und Gag-Schreiber: Interview mit Autor Jens Westerbeck zu seinem satirischen Roman ...
Der ganz normale Wahnsinn der Medienbranche

Autor Jens Westerbeck. Bild: Gunnar Gust, Berlin
Vor nicht allzu langer Zeit hätte man Jens Westerbecks neuen Roman "Aftershowparty" als extrem witzige, aber weitgehend realitätsferne Mediensatire kategorisiert. Heute kann man sich da nicht mehr so sicher sein. Die Hauptprotagonisten des Buchs: ein versoffener Klatsch-Reporter, ein dekadenter TV-Moderator, der gnadenlose Chefredakteur der Boulevardzeitung "Blatt" und eine junge Verlagschefin, die einen Riesen-Konzern geerbt hat - Ähnlichkeit mit bekannten Persönlichkeiten sind beabsichtigt. Der 37-jährige Ostwestfale Westerbeck hat als kreativer Kopf an mehr als 100 Fernsehsendungen mitgewirkt, unter anderem bei "Gottschalk Live", arbeitete sechs Monate lang als Texter bei der "Bild"-Zeitung oder als Gag-Schreiber für Comedians wie Atze Schröder.

Wann entstand die Grundidee für "Aftershowparty"?

Jens Westerbeck: Als ich bei "Gottschalk Live" anfing. Ich habe im Rahmen meiner Redakteurstätigkeit für diese Sendung zum ersten Mal die "Maschinerie Fernsehen" in all ihrer gelegentlichen Unbarmherzigkeit kennen gelernt. Dadurch bekam ich Inspiration für mein Buch.

Wie authentisch ist dessen Inhalt?

Westerbeck: Das gleich vorweg: Dieser Roman soll keine Abrechnung mit der TV-Welt sein, als die es immer wieder mal bezeichnet wurde. Einige der Protagonisten, die recht offensichtlich von mir portraitiert und charakterisiert worden sind, haben das allerdings so verstanden. Trotzdem ist mein Buch - in all seiner Härte und dem darin beschriebenen Wahnsinn - sehr nah dran, was die Medien-Realität betrifft.

Der Grundtenor von "Aftershowparty" ist die Devise: Prominente können in der Öffentlichkeit durch einflussreiche Medien mit einer einzigen Schlagzeile fertiggemacht werden. Harald Glööckler, Andreas Türck oder Jörg Kachelmann sind nur die bekanntesten Vertreter, die sinnbildlich für meine Theorie stehen. Boulevardmedien lieben den Thrill, Menschen fertig zu machen! Gegen diese Entwicklung habe ich meine Parodie verfasst. Trotzdem sollte der Leser nicht alles für bare Münze nehmen. Manches ist einfach nur Slapstick.

Wie hat Deutschlands größte Boulevard-Zeitung "Bild" auf Ihren Roman reagiert?

Westerbeck: Die war nicht sehr amüsiert. Aber da mein Buch als Roman deklariert ist, hat sie keine Möglichkeit, juristisch dagegen vorzugehen.

Wie haben sich die Medien Ihrer Ansicht nach in den vergangenen Jahren verändert?

Westerbeck: Es gibt inzwischen diese Ängstlichkeit der Medien-Macher, etwas Neues zu wagen. Alles ist grauenvoll schnell und schnelllebig geworden. Durch diesen Umstand sinkt die Qualität. Ein seriöser Journalist kann Ereignisse heutzutage doch kaum noch zu- und einordnen, weil er immer auf alles sofort reagieren muss, da die Internet-Gemeinde ihm stets einen Schritt voraus ist. Ziemlich grässlich, finde ich...

Das Verhältnis zwischen Wahrheit und Lüge in der Öffentlichkeit spielt eine entscheidende Rolle im Roman. Wie weit haben die sich medial inzwischen einander angenähert?

Westerbeck: Man fühlt sich auch durch seriöse Medien immer weniger seriös informiert. Stattdessen geht die Gier nach Skandalen und Quote und der Erstberichterstattung von Ereignissen weiter und weiter.

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Westerbeck: Nein, tut es nicht. Das Aufmerksamkeitspotenzial der Konsumenten liegt aktuell bei neun Sekunden, ob er an einer Story dran bleibt oder nicht. Für die ernsthafte Kommunikation zwischen Medien und Interessiertem ist schlicht kein Platz mehr.

Jens Westerbeck: "Aftershowparty", Paperback, Verlag Heyne Hardcore, 304 Seiten, 14,99 Euro.
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