Über Nacht verschwunden

Diese vier stehen für das Schicksal Zigtausender Tschetschenen, die sich 2013 auf den Weg nach Westeuropa machten. Unser Bild entstand im Juni 2013 in der Gemeinschaftsunterkunft Waldau. Alchasur (inzwischen 6) und sein Schwesterchen Medina (3, links) sind wieder in Tschetschenien. Die Kinder rechts - das Geschwisterpaar Ferdous (6) und Mochamed (7) - sind nach Informationen unserer Zeitung inzwischen in Dänemark. Bild: ca

Am Morgen waren die Betten leer. Die Spindtüren standen auf. Die Regale waren halb ausgeräumt. Über Nacht verschwanden die zwei Frauen Makka und Petima mit ihren sechs Kindern aus dem Asylbewerberheim in Waldau. Nur mit dem Nötigsten. "Einfach weg", staunt Vermieterin Käthe Zilbauer. "Keiner hat sie gehen gehört."

Weiden. (ca) Für Käthe Zilbauer ist das alles ein großes Rätsel. So nette Frauen, so hübsche Kinder. Die Kleinen hatten schon eine Odyssee hinter sich, als sie im Juni 2013 in Waldau (Kreis Neustadt/WN) ankamen. 4000 Kilometer. Tschetschenien - Weißrussland - Polen - Deutschland. In ganz anderem Licht erscheint jetzt, dass das sechsjährige Mädchen Ferdous im Kindergarten noch erzählt hat, dass "Männer kommen und uns abholen". Man dachte an ein Nachkriegstrauma. Möglicherweise war es ein Abschied.

Makka und Petimat, Tante und Nichte, fürchteten die Abschiebung nach Polen. Wer Deutschland über einen sicheren Drittstaat erreicht, wird gemäß Dublin II in dieses Land zurückgeschoben. Zigtausende Tschetschenen haben bei der Einreise vom weißrussischen Brest in das polnische Terespol ihre Finger auf den Scanner gelegt. Die Fingerabdrücke werden in der Datenbank Eurodac gespeichert. Egal, wohin die Tschetschenen reisen, Eurodac verrät ihre Eingangstür in den Westen. Eurodac hält sie "gefangen" in Polen. Nur: Da wollen die meisten gar nicht sein. Von Polen droht die Abschiebung nach Russland. Ausgerechnet.

Der "gelbe Brief"

"Alle haben Angst vor dem gelben Brief", sagt die Weidener Übersetzerin Marina Alieva. Mit solchen Einschreiben kündigt das Bundesamt für Migration die Abschiebung an. "Diese Leute haben in Tschetschenien ihr Letztes verkauft. Alles, was sie haben. Haus. Möbel. Schmuck. Alles", sagt Marina Alieva: "Um sich ein Leben in Westeuropa zu kaufen."

Es war wie ein Spuk. 2013 kam es zu einem krassen Anstieg von tschetschenischen Asylbewerbern in Deutschland. Schon zum Halbjahr meldete das Innenministerium 10 000 Anträge. Im Vorjahr waren es insgesamt 3000. Erklären konnte sich das niemand. Freilich hat Tschetschenien zwei Kriege hinter sich. Aber die liegen Jahre zurück. Und natürlich leidet das Volk unter dem Despoten Ramsan Kadyrow, dem von Moskau protegierten Präsidenten. Aber auch das nicht erst seit gestern. Nach erstem Rätselraten ermittelte Berlin den Auslöser des Exodus: Schleuser-Agenturen lockten mit Geschichten vom "goldenen Westen". In Deutschland seien Einwanderer willkommen. Es warte ein Stück Land für jeden, dazu ein Begrüßungsgeld von 4000 Euro. Die Gerüchte fielen im krisengeschüttelten Nordkaukasus auf fruchtbaren Boden. Tausende machten sich auf den Weg.

Bis Polen kann jeder Tschetschene mit dem Zug mehr oder weniger durchfahren. Schafft er den Grenzübertritt nach Polen, kennt Bundespolizist Franz Völkl aus Waidhaus die Fortsetzung. 66 Tschetschenen in zwölf Taxis hat die Bundespolizei Waidhaus allein von April bis Oktober 2013 von der A6 bei Waidhaus geholt. Meist Familien mit vielen Kindern. Die Eltern erzählen alle in etwa das Gleiche. Im polnischen Aufnahmelager Terespol seien sie von Schleusern angesprochen worden: "Was wollt ihr hier? Geht nach Deutschland oder Frankreich. Da könnt ihr ein schönes Leben haben."

Drahtzieher vor Gericht

Die Schleuser kassieren 500 Euro pro Angehörigen. Das macht 2000 Euro pro vierköpfige Familie. Einen kleinen Anteil bekommen polnische Taxifahrer für die Fahrt. Sie sind die kleinen Fische im System. Große Fische stehen ab Mittwoch, 17. Dezember, in Weiden vor Gericht. Den "Fünf Bärtigen" wird der Prozess gemacht. Es handelt sich um fünf Tschetschenen, wohnhaft im Großraum Berlin. Ihnen wird vorgeworfen, über 175 Landsleute (davon fast 100 Kinder) von Polen nach Deutschland geschmuggelt zu haben. Von einer "federführenden Ebene" spricht eine Beamtin der ermittelnden Bundespolizeiinspektion für Kriminalitätsbekämpfung in München.

Zum Teil führte die Fahrt über die A6 bei Waidhaus. Das war die Ausweichroute, nachdem die Bundespolizei in Frankfurt/Oder die Transitstrecke A12 im Frühjahr 2013 dichtgemacht hatte. Aber auch auf der A6 ist der Kontrolldruck groß. "Wir haben im Durchschnitt vier bis fünf Streifen draußen", sagt Franz Völkl. Parallel fahndet die PIF, die Inspektion Fahndung der Landespolizei.

Papa in Haft

Die Tschetschenen hatten sehr viele ganz kleine Kinder dabei, erinnert sich Völkl. Im Schrank der Bundespolizei Waidhaus steht sogar Babynahrung bereit. "Wir achten wirklich sehr darauf, dass diese Menschen gut behandelt werden." Aber Gesetz ist Gesetz: Und so wurden die tschetschenischen Familien oft getrennt. Der Vater kam in Abschiebehaft nach Nürnberg oder Mühldorf. Die Mutter wartete mit den Kindern in einem Gasthof in Weiden oder Umgebung auf die Entscheidung über die Rückführung. Diese Praxis hat der BGH im Juni 2014 bis auf weiteres gestoppt: Die Familien werden zurzeit gemeinsam nach Zirndorf gebracht.

Viele wollen eigentlich ohnehin weiter nach Westen. Deutschland ist Transitland. In Frankreich und den Benelux-Staaten gibt es größere Ansiedlungen von Tschetschenen. Petimat aus Waldau und ihre Kinder (6, 7 und 10 Jahre) sind nach weiteren gescheiterten Asylanträgen in Dänemark gestrandet. Angeblich im Kirchenasyl. Petimat sagt: Ehe sie zurückkehre nach Tschetschenien, bringe sie sich um.

Ihre Tante Makka hat aufgegeben. Sie ist mit ihren Kindern (3, 6, 18) die 4000 Kilometer retours und in Tschetschenien offiziell wieder eingereist. Diese Entscheidung hat sie nach Auskunft von Angehörigen bitter bereut. "Das Haus ist niedergebrannt. Sie ist bei einer Cousine untergeschlüpft. Sie hat große Probleme."

So gute Schülerinnen

Käthe Zilbauer ist indessen drauf und dran, ihr Herz wieder an Flüchtlingskinder zu hängen. Sie schwärmt von "unseren Iranern", die auf das Kepler-Gymnasium gehen. Und von den neuen Tschetschenen, die eingezogen sind: Deren große Tochter (15) sei eine so angenehme Schülerin, dass sich eine ehemalige Lehrerin aus Vohenstrauß für einen Ausbildungsplatz als Kinderpflegerin stark macht. Polizeioberkommissar Völkl kennt das aus seiner Heimatgemeinde Waldthurn: "Bei uns sind auch alle integriert. Eines Tages müssen sie gehen. Menschlich ist das schlimm."

___

Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/asyl
Weitere Beiträge zu den Themen: Themen des Tages (14863)November 2014 (8193)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.