Verdrängen und gehorchen

Der ehemalige SS-Offizier Oskar Gröning (94) gestand seine Mitschuld am Holocaust ein. Er bat nicht um Vergebung, denn das stehe ihm angesichts der "Dimension des Leids" nicht zu. Bild: dpa

Im Lüneburger Auschwitz-Prozess geht die neue Erklärung des früheren SS-Mannes kaum über die erste hinaus. Doch die Aussage bietet einen Einblick in eine Geisteshaltung mit grauenvollen Folgen.

Bei den Nebenklägern und ihren Anwälten im Lüneburger Auschwitz-Prozess überwiegt die Enttäuschung. Nach der schon vor Wochen angekündigten neuen Aussage des früheren SS-Mannes Oskar Gröning hatten sie mehr erwartet. "Herumgeeiere" nennt Thomas Walther die von der Verteidigerin Susanne Frangenberg verlesene Erklärung des 94-Jährigen. Walther vertritt mit einem Kollegen mehr als 50 der über 70 Nebenkläger in dem Verfahren. Es geht um Beihilfe zum Mord in mehr als 300 000 Fällen. Aus juristischen Gründen ist die Anklage auf die sogenannte Ungarn-Aktion im Sommer 1944 beschränkt.

"Kleiner Anteil" an Morden

"Mir ist bewusst, dass ich mich durch meine Tätigkeit in der Häftlingsgeldverwaltung am Holocaust mitschuldig gemacht habe, mag mein Anteil auch klein gewesen sein", heißt es in der Erklärung Grönings am Mittwoch verliest. "Auch wenn ich unmittelbar mit diesen Morden nichts zu tun hatte, habe ich durch meine Tätigkeit dazu beigetragen, dass das Lager Auschwitz funktionierte. Dies ist mir heute bewusst."

Zuvor hat als wohl letzte Zeugin die Auschwitz-Überlebende Irene Weiss ausgesagt - aus deren Familie nur noch eine Schwester das Lager überlebt hat. Noch einmal werden die unmenschlichen Zustände während der Transporte geschildert, das Grauen im Lager.

Fast reglos sitzt Gröning zwischen seinen beiden Anwälten. Zwei Sanitäter haben den sichtlich geschwächten und auf einen Rollator gestützten Greis zur Anklagebank begleitet. Zu Prozessbeginn im April hat er noch selbst gesprochen und eine moralische Mitschuld übernommen. Er räumte ein, das Geld der Verschleppten gezählt und nach Berlin weitergeleitet zu haben. Erneut verweist er auf seine Versetzungsgesuche und darauf, dass er nur vertretungsweise an der Rampe des Lagers eingesetzt gewesen sei. Gröning wurde 1942 nach Auschwitz versetzt.

Holocaust-Mechanismen

Doch auch wenn es zu den Vorwürfen nicht viel Neues gibt, so beschreibt die Erklärung psychologische Mechanismen im Holocaust. "Es fand bei mir eine Verdrängung statt, die mir heute unerklärlich ist. Vielleicht war es die Gewohnheit, Tatsachen so zu akzeptieren, wie sie auftraten, um sie später zu verarbeiten. Vielleicht war es aber auch die Bequemlichkeit des Gehorsams, zu dem wir erzogen waren und der Widersprüche nicht zuließ", versucht Gröning zu erklären. Dieser anerzogene Gehorsam habe verhindert, die "tagtäglichen Ungeheuerlichkeiten" als solche zu registrieren. 70 Jahre danach ist er ratlos. "Es ist nach heutigen Maßstäben nicht zu fassen."

Gröning entschuldigte sich für die Verwendung von SS-Formulierungen. Er habe nicht bedacht, wie furchtbar dies auf die Zeugen wirken musste. Die Opfer selbst habe er vor Gericht bewusst nicht um Vergebung gebeten. Dies stehe ihm angesichts der Dimension des Leids nicht zu.
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