Verirrt bei der Sinnsuche

Warum wird ein "Ramadan-Muslim" zum Salafisten? Und kommen mit den Flüchtlingen auch Terroristen des "Islamischen Staat" nach Deutschland? Experten sollten dem Innenausschuss Antworten geben.

Es ist den Politikern ein Rätsel. Warum nur schließen sich immer mehr junge Menschen den radikalislamischen Salafisten an? 130 Anhänger hatte die Gruppierung 2010 in Bayern, heute sind es 600. Warum ziehen junge Männer an der Seite der Terrormiliz IS in den syrischen Bürgerkrieg? Warum machen sich vermehrt auch junge Frauen dahin auf? Und wieso sind das hier geborene Deutsche? Rund zwei Drittel der in Deutschland radikalisierten Jugendlichen haben laut Bundeskriminalamt keinen Migrationshintergrund.

Oft nur Zufall

Um Antworten zu finden, haben sich die Abgeordneten eine Reihe von Experten in den Innenausschuss des Landtags geladen. Deren Antwort ist in der Quintessenz verblüffend simpel: Es sind junge Menschen auf der Sinnsuche, die den Islamisten auf den Leim gehen. So wie sich andere den Rechtsradikalen anschließen. Oft ist es nur der Zufall, von welchem Rattenfänger sie sich verführen lassen. Das Internet mit seinem leichten Zugriff auf weltumspannende Propaganda wirkt dabei wie ein Brandbeschleuinger. Nach der Erfahrung von Claudia Dantschke von der Berliner Hayat-Beratungsstelle für Deradikalisierung liegen die Ursachen für den Einstieg in die islamistische Szene im privaten Bereich. Im Prinzip könne es jede Familie treffen, sagt sie.

Besonders gefährdet seien aber Jugendliche aus extrem autoritären Elternhäusern und aus "supertoleranten Familien". Die einen suchten die Geborgenheit der salafistischen "Ersatzfamilie", die anderen feste und in ihren Augen sinnstiftende Strukturen. Der Islam diene nur als Vehikel. "Wer sich hier radikalisiert, ist in der Regel ein theologischer Analphabet", erklärt Dantschke.

Ali Oumghar vom bayerischen Verfassungsschutz sagt es so: "Sie kommen in Kontakt mit dem Islam, haben aber keine Ahnung vom Islam." Das nutzten die Salafisten aus. Denn wer im Internet "Islam" googele, komme ganz schnell auf die Propaganda-Seiten der Radikalen. Über diese finde die Selbstradikalisierung der Betroffenen statt, die den Salafismus dann fälschlicherweise für "den" Islam hielten. Der Direktor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa, Mathias Rohe, spricht von einer "verheerenden extremistischen Propaganda", die vor allem mit Unterstützung der arabischen Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabiens, weltweite Verbreitung finde. Dieser müsse man "endlich energisch entgegentreten".

Für mehr Unterstützung wirbt Mohamed Abu El-Qomsan, der Landesbeauftragte des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Die muslimischen Gemeinden würde gerne verstärkt als Partner im Kampf gegen radikale Islamisten zur Verfügung stehen, doch fehle es dafür an den Strukturen. "Wir brauchen ein Netzwerk der Imame gegen Salafismus und Extremismus", betont er. Oft seien die Imame aber nicht geschult, um sich in ihren Predigten gegen die islamistische Propaganda zu stellen. Mangels Erfahrung falle es ihnen auch schwer, gefährdete Jugendliche direkt anzusprechen. Ein Einfallstor für Radikale sei zudem die Gefängnisseelsorge. Hier würden falsche Prediger als Anwerber für die Islamisten agieren.

Kein großer Masterplan

Als Gegenstrategien empfehlen die Experten Bildung, Beratung und Aufklärung, attraktive Aussteigerprogramme und eine Sensibilisierung aller gesellschaftlichen Gruppen. "Wir müssen viele kleine Rädchen drehen, den großen Masterplan gibt es nicht", erklärt Rohe und fordert vor allem die stärkere Einbeziehung der gemäßigt islamischen Gemeinden in die Bekämpfung der Radikalen.

Diesen komme dabei eine Schlüsselrolle zu, es fehlten ihnen aber die Ressourcen und die Strukturen. "Da gibt es keine Diözesanverwaltung oder ein Landeskirchenamt", zieht Rohe den Vergleich. Hilfreich wäre die Anerkennung als Glaubensgemeinschaft und ein bisschen finanzielle Hilfe des Staates.
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