"Versagen der Justiz"

Mit Oskar Gröning muss sich im Auschwitz-Prozess ein 94-Jähriger für Taten verantworten, die 71 Jahre her sind. Aus gutem Grund, wie die Anwälte der Nebenklage mit Blick auf Opfer, Überlebende und das lange Versagen der deutschen Justiz meinen.

Im Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning haben Anwälte der Nebenklage eine höhere Strafe gefordert, als von der Staatsanwaltschaft beantragt. Dreieinhalb Jahre Haft reichten angesichts der Dimension der Verbrechen in Auschwitz nicht aus, sagte der Anwalt Christoph Rückel am Mittwoch vor dem Lüneburger Landgericht. Die Anwältin Suzan Baymak-Winterseel beantragte gar, den früheren SS-Mann wegen Mordes in Mittäterschaft zu verurteilen. Der heute 94-Jährige muss sich bisher wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen verantworten.

1977 ahnungslos

Die Nebenkläger-Anwälte widersprachen zudem der Staatsanwaltschaft, nach deren Ansicht bis zu 22 Monate der Strafe wegen einer rechtswidrigen Verzögerung des Verfahrens als bereits verbüßt gelten könnten. Gröning habe nach seinen eigenen Worten gar nicht gewusst, dass bereits 1977 gegen ihn auch als Täter ermittelt wurde, sagte Baymak-Winterseel in ihrem Plädoyer. "Er dachte, er würde nur als Zeuge vernommen."

Gröning wird vorgeworfen, im Frühjahr 1944 Spuren der Massentötung an ungarischen Juden verwischt zu haben, indem er half, an der Bahnrampe in Auschwitz-Birkenau das Gepäck der Deportierten wegzuschaffen. Der frühere Buchhalter hat eine moralische Mitschuld an den Verbrechen eingestanden und eingeräumt, das Geld der Ankommenden entgegengenommen und verbucht zu haben. Eine direkte Beteiligung an den Morden streitet er aber ab.

Der Nebenklage-Vertreter Cornelius Nestler kritisierte erneut ein "jahrzehntelanges Versagen der deutschen Justiz". Nach der auch damals geltenden Rechtslage hätte Gröning viel früher angeklagt werden müssen. Ein SS-Mann habe allein durch seine Anwesenheit in Auschwitz die Verbrechen dort befördert und sei deshalb Mittäter. "Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte", sagte der Strafrechtsprofessor. "Herr Gröning hat mitgemacht, und deswegen wird er wegen Beihilfe zum Massenmord verurteilt werden. Viel zu spät."

70 Nebenkläger

Dass dem gesundheitlich angeschlagenen 94-Jährigen 71 Jahre nach seinen Taten der Prozess noch zugemutet wird, halten die Anwälte auch mit Blick auf ihre Mandanten für gerechtfertigt. Von den mehr als 70 Nebenklägern haben 14 vor dem Gericht als Zeugen ausgesagt - die meisten von ihnen sind Auschwitz-Überlebende. Für sie sei es von herausragender Bedeutung gewesen, über das unsägliche Leid und Unrecht sprechen zu können, betonte einer der Anwälte.

Die Nebenkläger-Anwälte erhofften sich, dass sich Gröning noch einmal äußert. "Die Nebenkläger erwarten ein Zeichen", sagte Baymak-Winterseel. Der Prozess wird am Dienstag kommender Woche mit weiteren Plädoyers der insgesamt 13 Nebenkläger-Anwälte und von Grönings Anwälten fortgesetzt.
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