Verwöhnt und unsozial?

Jedes vierte Kind in Deutschland ist ein Einzelkind. Kontakt zu anderen bekommen sie nur außerhalb der Familie. Dafür müssen sie die Liebe ihrer Eltern nicht teilen. Dass sie deshalb verwöhnte Egoisten sind, ist nicht erwiesen.

(dpa/KNA) Jedes vierte in Deutschland lebende minderjährige Kind ist ein Einzelkind. Wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mitteilte, waren von den im vergangenen Jahr gezählten insgesamt 13 Millionen minderjährigen Kindern 26 Prozent Einzelkinder. Nach Angaben der Statistiker wuchsen etwa 47 Prozent der minderjährigen Kinder mit einem weiteren minder- oder volljährigen Kind im Haushalt auf, 26 Prozent hatten zwei oder mehr Geschwister. Das Statistikamt legte seine Zahlen mit Blick auf den Weltkindertag am Sonntag vor.

Laut Statistik lebten in den neuen Bundesländern 2,3 Millionen minderjährige Kinder, in den alten 10,7 Millionen. In den Großstädten mit mehr als 500 000 Einwohnern betrug der Anteil minderjähriger Einzelkinder 30 Prozent, in Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern lag er bei 24 Prozent. Aus Einzelkindern werden nach Ansicht von Wissenschaftlern aber keine Einzelgänger. "Nichts spricht dafür, dass Einzelkinder egoistischer sind als andere", sagt Professor Sabine Walper, stellvertretende Direktorin des Deutschen Jugendinstituts München.

Fehlt es Kindern ohne Geschwistern an sozialen Kontakten?

Aus Sicht Walpers ist das ein Vorurteil. In aller Regel bemühten sich Eltern besonders darum, dass ihr Kind möglichst früh mit anderen Kindern zusammenkommt. "Diese anderen Formen des sozialen Ausgleichs tun mindestens das Gleiche."

Sind Einzelkinder einsam?

Walper sagt: "Nicht mehr oder weniger als andere Kinder." Auch ohne Geschwister seien Kinder ja nicht allein. Ob sie Bindungen zu anderen Menschen entwickelten, sei neben der Zuwendung zu Hause stark von der Persönlichkeit abhängig. Und in welches soziales Klima sie kommen, etwa in Schule oder Kindergarten.

Werden sie zu sehr verwöhnt?

Nach Angaben der Wissenschaftlerin gibt es Studien, wonach Einzelkinder ihre Eltern als besonders stark zugewandt erleben. Sie würden häufiger nach ihrer Meinung und nach ihrem Befinden gefragt. Unter mehreren Geschwistern verteile sich diese Zuwendung schon mehr. Aber: "Das heißt nicht unbedingt, dass diese Kinder stärker verwöhnt werden." Allerdings werde manchmal zu wenig eingeübt, dass die Kinder nicht immer alles sofort bekommen könnten.
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