Victoria Schwartz stellt Buch über inszenierte Internet-Liebe vor - Selbst auf Täuschung ...
Albtraum statt Traummann

Traummann oder Betrüger? Im Internet gibt es immer wieder perfekt inszenierte Täuschungen. Einige wollen kein Geld, sondern Zuneigung. Am Anfang war Kai der perfekte Mann. Er war klug, aufmerksam, sah gut aus und schickte auch ohne Anlass Geschenke. Die Internet-Liebe von Victoria Schwartz schien zu schön, um wahr zu sein. So war es auch: Denn hinter Kai steckte eine Frau. Schwartz war auf eine Täuschung reingefallen.

Die Hamburgerin selbst verwendet dafür den Begriff Realfake. Sie machte den Fall öffentlich, sprach bei "Stern TV" darüber und berät inzwischen andere Betroffene. Am Dienstag erschien ihr Buch "Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde" bei Blanvalet. Darin wird deutlich: Solche digitalen Fantasiefiguren sind oft so geschickt gemacht, dass sogar Internetprofis lange keinen Verdacht schöpfen. Und: Bei diesem Typ Fälschung geht es nicht um Geld - anders als etwa bei jüngsten Vorwürfen gegen einige Dating-Plattformen, Profile angeblicher Frauen erstellt zu haben, um Nutzer zu bezahlpflichtigen Kontakten zu bewegen. "Ein Realfake will Gefühle wecken, echte Emotionen hervorrufen und genießt die positive Zuwendung und Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird", erklärt Autorin Schwartz. Geld oder Nacktfotos verlangte die Person hinter Kai nie - stattdessen bekam Schwartz teure Geschenke. Natürlich nur per Post.

Foto als Beweis

Einen Verdacht, dass mit ihrer Internet-Liebe etwas nicht stimmt, hatte die Hamburgerin, als sie Kai in seiner angeblichen Heimatstadt besuchen wollte - und den Namen nicht auf der Klingel fand. Einen Beweis, dass ihr Geliebter sich nicht wie behauptet in Deutschland aufhielt, lieferte schließlich ein Foto, das er ihr schickte: Darauf waren im Hintergrund amerikanische Steckdosen zu erkennen. Das ganze Ausmaß des Betruges erfuhr Schwartz erst später: Die Fotos des Surfers waren die eines Amerikaners - die Bilder hatte allerdings jemand von dessen Profil geklaut. Auch der angeblich beste Freund von Kai oder seine Geschwister - hinter all den Profilen steckte eine einzige Person: eine Psychologin aus den USA. Sie fühlte sich, so erzählte sie es zumindest einem "Neon"-Journalisten, zu Frauen hingezogen. Die homophoben Südstaaten zwangen sie demnach aber, ihre Neigung auf diesem Wege auszuleben.

"Ich würde nicht sagen, dass das aus purer Boshaftigkeit passiert", sagt Andreas Schmitz von der Uni Bonn. Der Soziologe hat das Ausmaß von Täuschungen auf Singlebörsen analysiert. Hintergrund sei häufig "das Auseinanderdriften von Wunsch und Möglichkeit". Unter Umständen lebten Internet-Betrüger über falsche Identitäten auch verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit aus. Eine Rolle könne aber auch die Macht spielen, die sie über ihre Opfer hätten. "Das kann für die Person eine psychische Befriedigung bedeuten."

Zu viel investiert

In einigen Fällen, so erzählt Schwartz, hätten Opfer den Betrug trotz Hinweisen darauf jahrelang mitgemacht. Soziologe Schmitz erklärt das so: "Wenn Sie an einem Auto zehn Jahre rumgeschraubt haben, wollen Sie es auch nicht weggeben." Opfer hätten das Gefühl, zu viel Zeit und Gefühle investiert zu haben, um den Kontakt abzubrechen. "Zwar ist die vorgetäuschte Existenz einer Person ein uraltes Phänomen", schreibt Internet-Visionär Sascha Lobo im Vorwort zu Schwartz' Buch. Tatsächlich gibt es diese Form von Fakes schon lange. "Aber das Netz und speziell die sozialen Medien haben es sehr einfach gemacht, Fantasiefiguren zu erschaffen." Zugleich sei es normal, sich online zu verlieben.
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