Von der Einkaufstüte in den Müll

Gekauft sind sie schnell: Viele Kleidungsstücke, die aussortiert werden, wurden zuvor sogar nie getragen, sagt nun eine Studie von Greenpeace, die von Wegwerfartikeln spricht. Bild: dpa

Milliarden von Kleidern liegen ungetragen in den Schränken. Gerade gekaufte Tops wandern in den Müll. Greenpeace sagt: Kleidung ist zum Wegwerfartikel geworden.

Wer die deutsche Konsumgesellschaft beobachten will, muss nur zum Berliner Alexanderplatz gehen: Überall Schüler mit Bergen von Tüten von Billigketten. Im Internet kostet das T-Shirt mit 7 Euro so viel wie eine Pizza. Schuhe gibt es für 16 Euro. Manches ist in Deutschland so billig, dass die Kunden in den Läden die Sachen noch nicht einmal anprobieren. Gerade gekaufte Tops wandern manchmal schon nach kurzer Zeit in den Müll, weil die Farbe falsch war oder die Nähte aufgehen.

Frauen: 118 Kleidungsstücke

Dazu passt, was Greenpeace gerade in einer Studie herausgefunden hat: Bekleidung ist zum Wegwerfartikel geworden. Von den 5,2 Milliarden Kleidungsstücken in deutschen Schränken würden 40 Prozent sehr selten oder nie genutzt, heißt es. Frauen besitzen im Schnitt 118 Kleidungsstücke (ohne Strümpfe und Unterwäsche), Männer 73 Teile. Fast die Hälfte der Befragten hat in den vergangenen sechs Monaten Kleider weggeworfen.

Und: Kaum jemand lasse Kleidung ausbessern, so die Studie. Wobei längst nicht nur Billigware schnell verschleißt. Auch wer teure Mode kauft, kann nicht sicher sein, dass Form und Farbe lange halten. Mehr als die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen war nach der Umfrage der Umweltorganisation noch nie beim Schuster. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) der Befragten sortieren Kleidung aus, weil sie ihnen nicht mehr gefällt. Mode sei zum Wegwerfartikel wie Einweggeschirr verkommen, kritisiert Kirsten Brodde von Greenpeace.

"Wir können wirklich von einem Werteverfall sprechen", sagt auch Claudia Banz, die für das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe die Schau "Fast Fashion" kuratiert hat. In der Ausstellung geht es um die Schattenseiten der Mode. 90 Prozent der Kleidung für den amerikanischen und europäischen Markt wird danach in Billiglohnländern wie China, Indien oder Vietnam produziert. Entwicklungshelfer beobachten die Folgen: Landwirtschaftliche Flächen werden für Baumwolle genutzt, nicht für Lebensmittel. Traurige Schlagzeilen machte 2013 ein verheerender Brand in einer maroden Textilfabrik in Bangladesch. Vielen Käufern wurde da erst richtig bewusst, was der westliche Konsum anrichten kann.

Günstig fühlt sich gut an

"Da muss ein neues Bewusstsein her", sagt Kuratorin Banz. "Wenn etwas günstig ist, fühlen wir uns gut." Da setze die Werbung sehr geschickt an. Schulen und Bildungseinrichtungen seien beim Thema Nachhaltigkeit gefragt. Doch Kleidertausch-Partys sieht Banz kritisch: Diese weckten auch nur das Bedürfnis, mehr zu haben. Die Ausstellung "Fast Fashion" hat aus ihrer Sicht einen Nerv getroffen. "Man merkt, dass es die Menschen berührt." Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie sieht das Thema naturgemäß anders. "Die Leute kaufen viel und haben die Schränke voll", sagt Sprecher Hartmut Spiesecke. Von einer Wegwerfmentalität will er jedoch nicht sprechen. "Wenn ich eine Socke mit einem Loch habe, stopfe ich sie nicht." Es gebe Leute, die auf das Geld achte. Mancher, der billig einkauft, hat einfach nicht mehr zum Ausgeben. Wer mit der Mode gehe, sortiere eher mal etwas aus.

Zu Gute kommt das Aussortieren gerade den Flüchtlingen in Deutschland. In den Kleiderkammern lagern Berge von Textilien, die mal mehr, mal weniger zu den Neu-Ankömmlingen passen. Es ist auffällig viel Frauenkleidung darunter.
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