Von Geburten "überrascht"

Die 32 Jahre alte Angeklagte wird von ihrem Anwalt und einem Anwaltsgehilfen mit einer Jacke verdeckt. Ihr wird vor Gericht die Tötung ihrer beiden Babys vorgeworfen. Bild: dpa

Die Schwangerschaften will sie nicht bemerkt haben. Ihre Söhne seien plötzlich und tot zur Welt gekommen. Das sagte die Mutter der beiden im vergangenen Jahr in Kühltruhen gefundenen Babyleichen vor Gericht. Die Anklage wirft ihr zweifachen Totschlag vor.

Die zierliche Angeklagte wird von ihrem Verteidiger hinter einer Jacke verdeckt in den Gerichtssaal geführt. Dort warten Fotografen und Kamerateams auf die 32-Jährige. Erst als der Vorsitzende Richter der Siegener Schwurgerichtskammer das Blitzlicht-Gewitter stoppt, wird die Jacke heruntergenommen. Kurz darauf verliest der Staatsanwalt die Anklage: Die aus Siegen in Nordrhein-Westfalen stammende Doktorandin soll im September 2013 und im August 2014 ihre beiden neugeborenen Kinder getötet haben.

Alkohol und Tabletten

Die Frau habe die Kinder entweder "aktiv auf medizinisch nicht nachweisbare Weise erstickt" oder sie sei durch Unterlassen für den Tod der Babys verantwortlich, fasst Staatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss seine Anklage zusammen. Von den Schwangerschaften und Geburten habe niemand etwas mitbekommen. Drei Tage nach der zweiten Geburt entdeckte die Großmutter eine der Babyleichen in ihrer Kühltruhe.

Die Angeklagte zeigt kaum eine Regung, antwortet nur knapp auf Fragen zur Person. Mehr will sie zum Auftakt des Prozesses nicht sagen. Dafür verliest ihre Verteidigerin eine Erklärung im Namen ihrer Mandantin: Sie habe die Schwangerschaften selbst nicht bemerkt, auch ihr Umfeld und ihr Lebensgefährte hätten nichts mitbekommen. Sie sei von den Geburten "überrascht" gewesen, habe Krämpfe gehabt, die sie für Regelbeschwerden hielt. Dass ihre Regel ausblieb, habe sie nicht auf die Idee gebracht, schwanger zu sein. Sie habe das auf ihren Tabletten- und Alkohol-Konsum zurückgeführt. Teilweise habe sie bereits morgens drei Schmerztabletten mit Schnaps zerkaut und geschluckt. "Ich habe so viel wie möglich getrunken, es gab keine Grenzen." Das sei bis zu einem Liter Schnaps gewesen.

Baby in Toilettenschüssel

Am 3. September 2013 habe sie sich schlecht gefühlt und ein Bad in ihrer Wohnung in Bonn genommen. Nachdem sie das Wasser abgelassen habe, habe sie Krämpfe bekommen. "Und dann lag das Kind in der Wanne. Es war gräulich-blau und hat sich nicht bewegt und keine Geräusche gemacht." Später habe sie das Neugeborene und die Nachgeburt in eine Tüte verpackt und in ihre Kühltruhe gelegt. Die zweite Geburt habe sie ebenfalls überrascht. Am 7. August 2014 bekam sie erneut Krämpfe, kurz darauf sei das Neugeborene in die Toilettenschüssel gefallen. Auch dieses Kind habe sie für tot gehalten. Den Leichnam habe sie im Eisschrank ihrer Großmutter versteckt.

Das Gericht will zur Aufklärung des Sachverhaltes 22 Zeugen und sieben Gutachter hören. Heute wird der Prozess fortgesetzt.
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