Vor 25 Jahren öffnete die Grenze bei Selb
Erdwälle und Zäune sind Vergangenheit

Wer auf der Strecke zwischen Asch und Selb unterwegs ist, kann sich an sanftem Hügelland erfreuen, das bis zum Horizont reicht. BIld: dpa
 
Das Gemeinschaftsabfertigungsgebaeude am deutsch-tschechischen Grenzuebergang Selb-Asch nutzten Polizei und Zoll beider Länder gemeinsam. BIld: dpa (Archiv)
Selb. (dpa) Wer die paar Kilometer vom oberfränkischen Selb nach Asch in Tschechien fährt, merkt nichts mehr von der Teilung Europas. Schnurgerade führt die Staatsstraße 2179 zum Tax-Free-Shop, zur Tankstelle, zum Gartenzwerg-Verkaufsstand, zum Spielcasino und zum Wellness-Center auf tschechischer Seite. Kaum vorstellbar, dass hier vor 25 Jahren kein Durchkommen war: Grenzzäune, Wachtürme und Erdwälle hatten die jahrhundertealten Verbindungen zwischen der Region Selb und dem Egerland gekappt. «Es hat an dieser Grenze sogar Tote gegeben», sagt der Selber Stadtheimatpfleger Dieter Arzberger.

Selb-Asch gehörte zu den wenigen Grenzübergängen zwischen Bayern und der Tschechoslowakei, die nach der Machtübernahme der Kommunisten 1945 tatsächlich nicht mehr passiert werden konnten. Zeitweise reisten der Uni Passau zufolge mehr als eine Million Menschen pro Jahr zwischen West-Deutschland und der Tschechoslowakei. Aber Selb-Asch «war dicht», wie Arzberger es formuliert. Nur Güterzüge durften fahren.

Bis am 1. Juli 1990 der Eiserne Vorhang für die Menschen auch hier fiel. «Ich gehörte zu denen, die sich zu Fuß aufgemacht haben nach Asch», erinnert sich Selbs Oberbürgermeister Ulrich Pötzsch. Neugierig seien die Bewohner des Grenzlandes gewesen, sie hätten das jeweilige Nachbarland erkundet, «das für sie in den vergangenen Jahrzehnten weiter weg gewesen war als der Rest der Welt», sagt Arzberger. Ein Schwarz-Weiß-Foto vom 1. Juli zeigt einen langen Zug, der sich Richtung Asch bewegt - die Menschen haben Kinderwägen dabei, manche Fahrräder. Man blickt in lächelnde Gesichter.

Die sichtbaren Spuren der Teilung sind getilgt. Wer auf der Strecke zwischen Asch und Selb unterwegs ist, kann sich an sanftem Hügelland erfreuen, das bis zum Horizont reicht. Zäune oder Wälle gibt es längst nicht mehr. Seit Tschechien 2007 zum Schengen-Raum gehört, entfallen auch die Grenzkontrollen.


Wobei freilich Schleierfahnder und der Zoll höchst aktiv sind in der Region. Der Grenzübergang gilt als Einfallstor für die gefährliche und sich in ganz Deutschland rasant ausbreitende Droge Crystal Meth, die in tschechischen Laboren zusammengemischt, auf Märkten heimlich verkauft und über die Grenze geschmuggelt wird.

Die Zahl der beschlagnahmten Menge steigt von Jahr zu Jahr. Die Mitarbeiter des Hauptzollamts Regensburg, das im bayerisch-tschechischen Grenzraum aktiv ist, fanden 2014 sieben Kilogramm Crystal Meth - das sind zwölf Prozent mehr als im Vorjahr.

Von Selb aus ist man schnell auf der Autobahn 93, dann auf der A9. Praktisch für die Schmuggler, um rasch ins Landesinnere zu kommen. Für das Image der 15 000-Einwohner-Stadt ist das nicht förderlich, wenngleich OB Pötzsch auf die Erkenntnisse der Strafverfolgungsbehörden verweist: Keinesfalls werde Crystal Meth in der Grenzregion massenweise konsumiert. Die Dealer seien vielmehr in die Großstädte unterwegs. Aber werden sie nahe Selb geschnappt, komme das in die Kriminalitätsstatistik der Stadt.

Die Schlagzeilen rund um Crystal Meth in der Grenzregion sind ein neuerliches Problem für eine Kommune, die immer wieder zu kämpfen hat: An der Stadtgrenze Selbs war für ein paar Jahrzehnte die westliche Welt zu Ende. Auch die DDR-Grenze lag nur wenige Kilometer entfernt. Die Schönheit Bayerns erschloss sich am Tegernsee oder an der Zugspitze - Selb war tristes Grenzland. Die Porzellanindustrie, die Selb im 19. Jahrhundert zum Blühen gebracht hatte, erlebte seit den 1980er Jahren dramatische Einbrüche. Der Bevölkerungsschwund im Nordosten Oberfrankens hat auch Selb erfasst. Dass Häuser und Läden leerstehen, ist unübersehbar.

Dennoch ist Rathauschef Pötzsch optimistisch: «Die Talsohle haben wir durchschritten.» Die verbliebenen Betriebe der Porzellanindustrie stünden gut da, zudem könne man etliche andere erfolgreiche Industriebetriebe vorweisen: «Wir sind weg von der Monostruktur.» Die Arbeitslosenquote liege um die fünf Prozent, mit den Gewerbesteuereinnahmen sei man zufrieden. Behördenverlagerungen würden die Stadt zusätzlich beleben.

Die Betriebe in Selb setzten auf Mitarbeiter aus Tschechien. Dies zeige, dass die Region enger zusammenwachse, sagt Pötzsch. Tatsächlich sieht man auf den Straßen etliche Autos mit tschechischen Kennzeichen. Die Menschen aus dem Nachbarland arbeiten nicht nur hier, sie kaufen auch im Supermarkt ein - Milchprodukte etwa sind auf deutscher Seite billiger.

Ende des Jahres sollen zwischen Selb und Asch auch wieder Züge rollen. Der Reiseverkehr war 1945 eingestellt worden. Mit dem Lückenschluss zwischen den Grenzorten wird eine rasche Zugverbindung zwischen Hof und Cheb (Eger) geschaffen. Derzeit laufen die Bauarbeiten, die dafür notwendigen 8,5 Millionen Euro kommen maßgeblich von der EU und vom Bund, aber auch von den Kommunen der Region. «Dafür haben wir viele Jahre gekämpft», sagt Pötzsch. Die stillgelegte Gleisstrecke sei zwar nur drei Kilometer lang - «doch die Symbolik ist enorm».

Das sieht auch Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) so: «Ich freue mich, dass die Regionen diesseits und jenseits der Grenze in diesem Jahr noch enger zusammenwachsen werden.» Dass nach 70 Jahren wieder Personenzüge zwischen Selb und Asch rollen können, sei genauso bedeutend wie vor 25 Jahren die Öffnung der Straße für den Grenzverkehr.

Offiziell feiern will Selb den Jahrestag der Grenzöffnung am 3. Oktober - dem Tag der deutschen Einheit. Berühungsängste zwischen Oberfranken und Tschechen habe es von Anfang an nicht gegeben, sagt Pötzsch. Im vergangenen Jahr haben Selb und Asch eine Kooperation der Feuerwehren vereinbart. Doch der Oberbürgermeister will noch mehr: Ihm schwebt ein gemeinsames Gewerbegebiet vor, auch bei der Gesundheitsversorgung kann er sich eine engere Verzahnung vorstellen: «Wir haben noch viele Ideen.»
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