"Welt aus den Fugen geraten"

Die Fenster im Dachgeschoss dieses Hauses in Wallenfels sind mit Schafen und Schmetterlingen aus Papier geschmückt. In dem Gebäude hatte die Polizei die sterblichen Überreste von acht Säuglingen gefunden. Bild: dpa

"Viele haben das Gefühl, ihre Welt ist völlig aus den Fugen geraten", sagt Bürgermeister Jens Korn am Volkstrauertag über die Menschen in Wallenfels. In dem oberfränkischen Städtchen waren acht Babyleichen entdeckt worden. Die Mutter sitzt in Untersuchungshaft.

Traurige Gewissheit nach dem Fund von acht Babyleichen in Oberfranken: Die Mutter der Säuglinge hat ein weitreichendes Geständnis abgelegt und sitzt inzwischen wegen Verdacht des mehrfachen Mordes in Untersuchungshaft. Die Frau habe eingeräumt, einige Säuglinge lebend geboren und anschließend getötet zu haben, sagte eine Polizeisprecherin am Samstag.

Gegen die Frau erging Haftbefehl, die Staatsanwaltschaft wirft ihr Mord in sieben Fällen vor. Das spiegele den derzeitigen Ermittlungsstand wider, sagte die Sprecherin. Unklar ist noch, ob man der Frau auch den achten Fall zur Last legen kann.

Enger zusammenrücken

Auch am Sonntag herrschte in der Kleinstadt im Frankenwald Trauer und Fassungslosigkeit. Erst seien die Menschen im Ort durch die toten Säuglinge aufgewühlt worden, dann sei es in Paris zu den schrecklichen Terrorakten gekommen, sagte Bürgermeister Jens Korn (CSU) bei einer Ansprache zum Volkstrauertag. "Viele haben das Gefühl, ihre Welt ist völlig aus den Fugen geraten", sagte er in der Zeremonie, die Kirche, Vereine und Kommune traditionell gemeinsam veranstalten. Er hoffe dennoch, dass durch all die Trauer in Wallenfels auch etwas Positives entstehe: "Dass wir noch enger zusammenrücken und dass wir noch mehr aufeinander achtgeben."

Auch gegen den Ehemann, von dem sich die 45-Jährige erst vor kurzem getrennt hatte, bestehe ein "gewisser Tatverdacht", sagte die Polizeisprecherin weiter. Er sei vernommen worden, aber derzeit auf freiem Fuß. Unbestätigten Medienberichten zufolge hatte das Paar sowohl mit gemeinsamen Kindern als auch mit Kindern aus früheren Beziehungen jahrelang in Wallenfels gelebt.

Die Frau war am Freitagabend gegen 19.45 Uhr in einer Pension in Kronach festgenommen worden, nur etwa 15 Kilometer vom Fundort der acht Leichen in Wallenfels entfernt. Am Samstag war die Frau vernommen worden und legte schließlich ein Geständnis ab. Ein 55 Jahre alter Mann, der bei der Frau war, kam wieder auf freien Fuß. Gegen den derzeitigen Lebensgefährten der Frau habe sich der Tatverdacht nicht erhärtet, hieß es in einer Mitteilung des Polizeipräsidiums Oberfranken und der Staatsanwaltschaft Coburg.

Todesursache unklar

Unklar ist nach wie vor, wann die Kinder jeweils starben. Die Leichen waren am Freitag nach Erlangen zur Obduktion gebracht worden. Ein Ergebnis erwartet die Polizei erst Anfang der Woche. Offen ist zudem, wer der Vater der Kinder ist. Auch hier setze man auf Erkenntnisse der Rechtsmediziner, sagte die Polizeisprecherin.

In der Nacht zum Freitag hatten die Ermittler in der kleinen Stadt Wallenfels zunächst die sterblichen Überreste von sieben Babys entdeckt. Am Freitagnachmittag fanden sie dann eine weitere Säuglingsleiche. Die Leichen der Kinder waren in Handtücher und Plastiktüten gewickelt. Die tatverdächtige Frau hatte bis vor kurzem in dem Haus gelebt. Das beschauliche Städtchen im Landkreis Kronach stand unter Schock. Zum Zeichen der Trauer stellten Menschen an dem Haus Kerzen, Kuscheltiere, Blumen und Engel aus Porzellan ab.

Eine Anwohnerin in Wallenfels hatte am Donnerstag den Notruf gewählt, nachdem sie in der Wohnung die sterblichen Überreste eines Säuglings gefunden hatte. Daraufhin entdeckte die Polizei dort sieben weitere Babyleichen. Die Leichen werden nun untersucht, um zu klären, wann und wie die Babys zu Tode kamen.

Mehr aufeinander achten

Um Kindstötungen wie in Oberfranken zu vermeiden, müssten Nachbarn und Freunde aus Sicht des Münchener Psychologen Klaus Neumann noch mehr aufeinander achten. "Das Umfeld der Frau ist nicht geeignet gewesen, um das zu verhindern", sagte Neumann. "Das ist ein psychisches Schicksal, das sehr, sehr schlimm ist." Die Frau habe offenbar niemanden gehabt, dem sie sich in dieser Situation habe anvertrauen können. Neumanns Schlussfolgerung: "Wir müssen mehr aufeinander Acht geben, miteinander reden und Möglichkeiten schaffen, solche Konfliktsituationen zu vermeiden."
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