Westböhmische Galerie platzt aus allen Nähten

Die Westböhmische Galerie in Pilsen ist die wichtigste Kulturinstitution der Stadt. Untergebracht in zwei mittelalterlichen Gebäuden - darunter den gotischen Fleischbänken - fehlt es allerdings an Platz. Direktor Roman Musil spricht im Interview über seine Ambitionen.

Herr Musil, Sie arbeiteten als Kunsthistoriker bereits an der Nationalgalerie in Prag und im Kulturministerium - vor allem in der Abteilung Kunst des 19. Jahrhunderts. Wie sind die Arbeitsbedingungen im Vergleich dazu in Pilsens Westböhmischer Galerie?

Musil: Ich habe große Freiheit als Leiter der Galerie. Was ich mir vorgenommen habe, konnte ich umsetzen. Den Bezirk, Träger des Museums, empfinde ich als starken Partner, der die Sanierung dieses Gebäudes, des Ausstellungs- und Vortragssaals sowie teilweise auch der Fleischbänke vorangetrieben hat.

Hier hat Roman Koucky, ein führender Prager Architekt, der mit zwei großen Preisen ausgezeichnet wurde, 2009 seine Handschrift hinterlassen. Seine Architektur basiert auf "runden Ecken", die keine Schatten werfen. Wir haben zudem mit Robert Novak zusammengearbeitet, den führenden tschechischen Grafiker, der das Logo der Galerie entworfen hat. Dafür hat der Bezirk auf meine Initiative hin das entsprechende Budget zur Verfügung gestellt.

Wie man hört, bräuchte die Westböhmische Galerie dringend eine Erweiterung?

Musil: Wie meine Vorgänger bin auch ich bestrebt, den Neubau zu realisieren. Wir bekamen von der Stadt unterhalb der Fleischbänke ein attraktives Grundstück. Wir haben Ende 2009 einen Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich 98 tschechische Architekturbüros beteiligten - Sieger des Wettbewerbs waren 2012 zwei Brünner Architekten, Tomas Pilar und Ladislav Kuba.

Aber daraus wurde nichts ... Ist der Neubau endgültig vom Tisch?

Musil: Wir warten. Er wurde verschoben, Hoffnung habe ich noch. Der Neubau war einer der wichtigsten Argumente bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt.

Können Sie den Verantwortlichen Hoffnung auf eine wenigstens teilweise Refinanzierung durch den Betrieb machen?

Musil: Man spricht heute über Kreativwirtschaft. Anlässlich der Kulturhauptstadt wurden viele Galerien gebaut. Wenn es gelingt, dass ein Gebäude zum Grund wird, um nach Pilsen zu kommen, ist es auch für die Wirtschaft gut.

Wenn man in der Erwartung kommt, ähnlich wie in der Regensburger Ostdeutschen Galerie eine repräsentative Auswahl von Kunst aus Westböhmen zu sehen, ist man vielleicht etwas enttäuscht - es ist nur Platz für Einzelausstellungen?

Musil: Die Fleischbänke und dieses Haus hier haben ihren Reiz, sind aber mittelalterliche Gebäude unter Denkmalschutz und bieten nicht genügend Platz. Obwohl wir über sehr wertvolle Sammlungen - vom Mittelalter über das 19. Jahrhunderts bis zur Moderne - verfügen, können wir keine Dauerausstellung zeigen.

Ist der Auftrag der Westböhmischen Galerie ähnlich gelagert wie bei der Ostdeutschen - die Sammlung von Kunst bestimmter geografischer Provenienz?

Musil: Nein, auch wenn ein wichtiger Teil die Kunst Westböhmens ist. Die Sammlung des 19. und 20. Jahrhundert umfasst das Beste, was die damalige Tschechoslowakei zu bieten hatte. Übrigens war "Die moderne Galerie" 1994 in der Regensburger Ostdeutschen eine der ersten von mir kurierten Ausstellungen - unter deren damaligen Leiter Lutz Tittel in Kooperation mit dem Adalbert-Stifter-Verein. Auch zur heutigen Chefin Agnes Tietze oder zu den Mitarbeitern Gabriela Kasková und Gerhard Leistner gibt es gute Kontakte. Bei unserer Ausstellung "München - leuchtende Kunstmetropole" war die Ostdeutsche einer der drei wichtigsten Partner. Wir überlegen seit einiger Zeit, ein großes Gemeinschaftsprojekt zu realisieren.

Was umfasst Ihre Sammlung?

Musil: 10 000 Exponate vom 14. Jahrhundert bis heute. An Hand der bestehenden Sammlungen stellen wir unser Ausstellungsprogramm zusammen. Früher lag der Schwerpunkt auf der Gotik West- und Südböhmens, aber auch Nürnbergs und anderer Kunstzentren Bayerns. Neu ist der Fokus auf das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts - das erarbeiten wir zusammen mit führenden Instituten, wie der Nationalgalerie Prag, dem Institut für Kunstgeschichte an der Karlsuniversität und dem Institut für Kunstgeschichte an der Akademie der Wissenschaften.

Kurz nachdem ich die Leitung übernommen habe, haben wir auch eine Architektursammlung gegründet. Wir fungieren nun als einzige Kulturinstitution, die Architektur sammelt und ausstellt - Pläne, Fotografien, Modelle und Memoiren. Deshalb sind auch die Interieurs des großen jüdischen Jugendstil-Architekten Adolf Loos unter unser Regie.

Wie meistern Sie die Herausforderung der Einlagerung?

Musil: Ein Teil des Entwurfs des Neubaus beinhaltet ein Depot. Das ist einer der Gründe, warum es gut wäre, den zu realisieren.

Wie haben sich die Besucherzahlen im Kulturhauptstadtjahr verändert - was waren die erfolgreichsten Ausstellungen bis jetzt?

Musil: "Leuchtendes München", "Gottfried Lindauer" und "Risiko der Loyalität". Das Highlight ist aber Lindauer, weil die Ausstellung für ein breites Publikum attraktiv ist. Sie zeigt bedeutende Maori, Persönlichkeiten, die eine bedeutende Rolle in der Geschichte Neuseelands spielten. Diese Menschen haben eine enge Beziehung zu ihren Vorfahren. Die Ausstellung zeigt eine untergegangene Welt, die nicht mehr existiert - eine sehr andere als unsere. Zu jedem Porträt gibt es eine Beschreibung, welche Funktion der Mann hatte, welche Tätowierung was bedeutet.

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Das Interview lesen Sie in voller Länge auf

http://www.oberpfalznetz.de/pilsen2015
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