Wie Bayern die Krise meisterte

Sind die heutige Fluchtwelle aus dem Mittleren Osten und die Vertreibung der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar? Ein Blick zurück zeigt, dass die Belastung für die einheimische Bevölkerung damals ungleich höher war als heute.

Ein nicht enden wollender Strom von Flüchtlingen, Angst vor wachsender Kriminalität, Fremdenfeindlichkeit. "Die Flüchtlinge müssen hinausgeworfen werden, und die Bauern müssen dabei tatkräftig mithelfen", sagt ein Redner bei einer aufgeheizten Kundgebung.

Eine Pegida-Demonstration im Herbst 2015? Mitnichten. Diese Sätze fallen am Osterfeiertag 1947 auf dem Bauerntag in Traunstein, mit großem Presseecho. Der Redner ist Jakob Fischbacher, Mitgründer der Bayernpartei und des Bayerischen Bauernverbands. Ihn treiben der Hass und die Angst vor Überfremdung: Er schimpft über "Blutschande". Gemeint sind Heiraten zwischen bayerischen Bauernburschen und zugewanderten Frauen - "diese geschminkten Weibsen mit lackierten Fingernägeln". Das findet den Weg in die Hamburger Redaktion des "Spiegel", der ausführlich berichtet.

Es bedienten sich so viele Fremde an den bayerischen Futterkrippen, klagt einige Monate später Fischbachers Parteifreund Andreas Schachner in einem Brief, "dass Pogrome nötig wären, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen."

Die Massenflucht vor der Roten Armee und die anschließende Vertreibung der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa brachte 1944 und 1945 knapp 700 000 Flüchtlinge nach Bayern, 1946 folgten etwa 800 000 Menschen. Insgesamt nahm Bayern bis 1950 1,8 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene auf; ein Bevölkerungszuwachs um knapp 30 Prozent und Vielfaches der heutigen Flüchtlingszahlen. Zum Vergleich: 2014 wurden knapp 26 000 Asylbewerber in Bayern untergebracht, heuer waren es bis Ende September etwa 110 000.

Alltag voller Mängel

Und anders als heute waren Massenflucht und Vertreibung für die einheimische Bevölkerung mit schweren Belastungen und Einschnitten verbunden. "Größere und viele kleinere Städte waren schwer zerstört, die Wirtschaft lag darnieder, und die Versorgung in den städtischen Zentren war zusammen gebrochen", sagt der Historiker Thomas Schlemmer, Spezialist für die bayerische Nachkriegsgeschichte am Münchener Institut für Zeitgeschichte. "Der Alltag war geprägt von allgegenwärtigem Mangel. Da kam es natürlich zu Verteilungskämpfen."

Denn für die Flüchtlinge gab es nicht genug Platz. "Wohnungsbeschlagnahme, Einquartierung und andere Zwangsmaßnahmen führten zu schweren Verwerfungen", sagt Schlemmer. Verhasst bei vielen Einheimischen war der "Lastenausgleich": Die Vertriebenen erhielten Wiedergutmachung für ihr verlorenes Eigentum im Osten - widerwillig bezahlt von der einheimischen Bevölkerung, die oft selbst schwere wirtschaftliche Verluste erlitten hatte. Die Zahler mussten die Hälfte ihres Vermögens abgeben, gestreckt über dreißig Jahre.

Nach siebzig Jahren ist weitgehend in Vergessenheit geraten, wie ungeheuer schwierig die Integration der Vertriebenen war. Auf die heutige Bevölkerungszahl umgerechnet, würde dies bedeuten, dass 3,8 Millionen deutschsprachige Neubürger zwangsweise nach Bayern umsiedeln müssten, und die Kosten durch eine fünfzigprozentige Vermögensabgabe den Einheimischen aufgebürdet. Möglicherweise würde dann sogar die CSU einmal eine Landtagswahl verlieren.

Zudem war die Bevölkerung damals Fremde noch nicht gewohnt. Die Sudetendeutschen standen den Bayern vergleichsweise nah, nicht jedoch Ostpreußen, Schlesier oder die deutschen Minderheiten vom Balkan. Die beiden großen christlichen Konfessionen einte nicht die Ökumene, sondern trennte eine tiefe Kluft. "Es kamen bewusste Protestanten in fast hundertprozentig katholische Gegenden", sagt Schlemmer. "Eine evangelisch-lutherische Frau zu heiraten, konnte dazu führen, dass zwei Familien gesprengt wurden."

Andere Voraussetzungen

Doch trotz der katastrophalen Voraussetzungen gelang die Integration - sehr viel besser, als notleidende Bürger und Politiker das in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu hoffen wagten. Ein ganz wesentliches Element war naturgemäß, dass die damaligen Flüchtlinge und Vertriebenen ungeachtet aller Anfeindungen und Diskriminierung Deutsche waren und über ein vergleichbares, in vielen Fällen sogar höheres Bildungsniveau verfügten als die Einheimischen. Ein weiterer Faktor: Zwang. Weder Bürger noch bayerische Behörden hatten ein Mittel des Widerstands gegen die Anordnungen des Alliierten Kontrollrats.

Vermögen umverteilt

Und der Boom der 1950er-Jahre erleichterte die Integration enorm: "Die Bedeutung des Wirtschaftswunders ist dabei überhaupt nicht zu überschätzen", sagt Historiker Schlemmer. "Auch die Sozialpolitik hat eine Rolle gespielt. Durch Umverteilung von Vermögen wurde es den Vertriebenen ermöglicht, eine neue Existenz aufzubauen." Es habe jedoch auch viele gegeben, "die vom Verlust der Heimat sowie von Flucht und Vertreibung traumatisiert waren und nie wieder auf die Füße gekommen sind".

Und heute? Als Muster für die aktuelle Situation taugen die aus der Not geborenen Zwangsmaßnahmen der Nachkriegsgeschichte sicher nicht. Wohnungsbeschlagnahmen und fünfzigprozentige Vermögensabgabe sind undenkbar. Doch sind die Ausgangsvoraussetzungen heute um ein Vielfaches günstiger als 1945. Und die erfolgreiche Integration der Vertriebenen zeigt zumindest, dass auch zunächst ganz unmöglich erscheinende Aufgaben gemeistert werden können.
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