Wie der gebürtige Nabburger Raimund Kottwitz die Nacht des Attentats erlebt
Maries Geburtstag in der Trauer von Paris

Am Tag danach in leeren Straßen: Raimund Kottwitz, ein gebürtiger Nabburger, schildert in einem Telefonat mit dem Medienhaus Der neue Tag die Nacht des Pariser Attentats. Bild: hfz
Nabburg/Paris. (cv) Marie, die 63-jährige Lebensgefährtin von Raimund Kottwitz, hatte am Samstag Geburtstag: An dem Tag, an dem sich die Zahl der Opfer immer höher auf nahezu 130 schraubte. Der gebürtige Nabburger genoss gerade mit der Ärztin einen Konzertabend in der Philharmonie, als Terroristen in Paris ein Blutbad anrichteten.

Als das Morden begann

Raimund Kottwitz lebt inzwischen einen Teil des Jahres in Paris. Aufgewachsen ist er mit sechs Geschwistern in Nabburg, im Kottwitz-Haus in der Regensburger Straße. Der 65-Jährige hatte seinen Lebensmittelpunkt in Wölpinghausen bei Hannover. Inzwischen ist der Elektroingenieur im Ruhestand, wohnt in der Rue d' Aboukir, unweit der Seine.

Am Freitag hatte der Wahl-Pariser in der Philharmonie ein wunderbares Erlebnis: Fatoumata Diawara und Roberto Fonseca, eine Sängerin aus Mali und ein Jazzpianist aus Havanna, gaben ein Konzert. Während "Clandestine", eine Hommage an Bootsflüchtlinge, erklang, "begann das Morden in Paris". Im Konzert noch ahnungslos, ist danach der Terror gegenwärtig. Blicke aufs Handy, erste Meldungen von den Attentaten. Normalerweise geht das Paar nach dem Konzert-Abo mit Freunden essen. Davon ist keine Rede mehr. "Wir wollten nur nach Hause", erzählt Raimund Kottwitz in einem Telefonat mit dem NT. Ein Taxi, das war ihm zu unsicher. "Die Metro ist überschaubarer." Eine Station war wegen einer Schießerei gesperrt. "An der nächsten Station Reamur Sebastopol verließen wir die Metro und sind mit klarem Blick in alle Richtungen zurück in unsere Wohnung". Angst, Trauer? Das gesamte Ausmaß des Anschlags der IS-Terroristen an acht Plätzen ist noch nicht bekannt. In der Nacht versucht Raimund Kottwitz, an Informationen zu kommen. Zum Freundeskreis zählt eine französische Journalistin. Für die vielen unbekannten Opfer stellt das Paar im stillen Gedenken Kerzen ins Fenster. Am Samstag dann die Meldungen: Nahezu 130 Todesopfer, 300 Verletzte, davon ein Drittel in Lebensgefahr. Bei Kottwitz macht sich auch Wut breit: "Wut darüber, wie man junge Menschen dazu bringen kann, ein derartiges Blutbad anzurichten und auch Wut darüber, "dass man das Gemetzel in der Konzerthalle Bataclan fast vier Stunden lang geschehen ließ".

Als Marie am Samstag Geburtstag hat, fährt Raimund Kottwitz mit dem Rad zum Place de Nation. Dort stand das Auto mit den Geburtstagsgeschenken. Der Boulevard Voltaire - hier befindet sich das Bataclan - war gesperrt. Augenzeugen gaben Interviews. Ein Leichenwagen fuhr weg. Unweit des Place des Nation gab es erneute Absperrungen, Spurensicherung. Metallteile lagen auf dem Trottoir. "Ich dachte erst an Geschosskugeln, aber dann nagelneue verzinkte Muttern? Warum neue Schrauben und dann so viele? Nur langsam ließ mein Verstand zu, das Unbegreifliche zu begreifen. Es war die Füllung eines Kamikaze-Sprenggürtels."

"Wachsam und achtsam"

Trotz allem, das Alltagsleben von Raimund Kottwitz hat sich nicht verändert. "Doch es liegt beklemmendes Gefühl in der Luft". Er wird "wachsam, achtsam sein". Bleibt das Paar in Paris? Wohl, so lange Lebensgefährtin Marie noch berufstätig ist. Dann denken beide über einen Altersruhesitz in Maries katalonischer Heimat nach.
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