Windige Geschäftsleute eine Gefahr für die Giraffen

Giraffen leben südlich der afrikanischen Sahara-Wüste. Die Pflanzenfresser lieben die Blätter des Akazienbaums, aber auch junge Triebe anderer Bäume und Gras. Bullen werden knapp sechs Meter hoch, weibliche Tiere sind kleiner. Außer Löwen werden Raubtiere Giraffen kaum gefährlich, da sie sich bei Angriffen mit Hufschlägen zu wehren wissen. Archivbild: dpa

Kaum ein anderes Tier ist so typisch für Afrika wie die Giraffe. Doch jetzt droht ihr das gleiche Schicksal wie vorher schon Elefanten und Nashörnern. Denn Wunderdoktoren versprechen, aus dem Knochenmark Medizin gegen Aids zu brauen.

Ihre unverwechselbare Silhouette gehört zu den afrikanischen Savannen wie die Kängurus zu Australien: Die Giraffe ist mit ihrem bis zu zwei Meter langen Hals das höchste Tier der Erde. Mit elegantem, schwebendem Gang durchstreift sie seit Urzeiten die weiten Ebenen des Kontinents - und wer einmal in ihre sanftmütigen, langwimprigen Augen geschaut hat, ist der Faszination der Giraffe unwiderruflich erlegen. In Tansania gilt sie als Nationaltier - und doch ist der Bestand der mächtigen Wiederkäuer ausgerechnet in dem ostafrikanischen Safari-Paradies massiv bedroht.

"In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Giraffen drastisch zurückgegangen", sagt die Deutsch-Namibierin Marlies Gabriel, die im tansanischen Arusha-Nationalpark zusammen mit ihrem Mann eine Lodge betreibt und sich aktiv um den Naturschutz in der Region bemüht. Rund um den Mount Meru und die blauen Momella-Seen waren die Paarhufer noch bis vor wenigen Jahren ein gewohnter Anblick.

Angeblich Mittel gegen HIV

Heute müssen Besucher des Parks länger suchen, um eines der Tiere zu finden. Hauptgrund ist wie so oft die Wilderei. "Giraffen können relativ leicht getötet werden, es reicht eine Kugel oder es werden Drahtschlingen eingesetzt, in denen sie sich mit dem Hals oder einem Fuß verfangen", heißt es auf der Webseite der "Giraffe Conservation Foundation" (GCF). Die 2009 gegründete Stiftung ist bis heute die einzige Organisation, die sich ausschließlich dem Schutz des Großsäugers und seines Lebensraumes widmet.

Während es noch halbwegs einleuchtend erscheint, dass ein so riesiges Tier einer Familie viel Fleisch zum Überleben bietet, hat sich nun ein gefährlicher Irrglauben über angebliche Heilkräfte verschiedener Körperteile der Giraffen eingeschlichen. "Immer mehr Leute glauben, dass das Knochenmark der Tiere Aids heilen kann", erklärt Reiseführer Peter, der zwischen dem Meru-Massiv, dem Kilimandscharo und dem Amboseli-Ökosystem an der Grenze zu Kenia eine drastische Abnahme der Giraffen-Population beobachtet hat. GCF-Experten sagen, dass ein Kilo Knochenmark bis zu 120 Dollar (105 Euro) einbringt.

Es ist nicht das erste Mal, dass windige Geschäftsleute auf Kosten von Tieren angebliche Wundermedizin, Potenzmittel und Statussymbole verscherbeln. Die Jagd auf die Stoßzähne der Elefanten und das Horn der Nashörner haben beide Arten an den Rand des Aussterbens gebracht.

"Nicht gefährdet"

Giraffen, die in 21 Ländern Afrikas vorkommen, sind derweil auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als "nicht gefährdet" eingestuft. Dies trage dazu bei, dass die Pflanzenfresser im öffentlichen Bewusstsein als unbedroht angesehen würden, so die GCF. "Ein Rückgang der Giraffenpopulation um 40 Prozent innerhalb der letzten 15 Jahre zeigt jedoch, dass Schutzmaßnahmen wichtiger sind denn je." Wurde die Zahl der Giraffen 1998 noch auf 140 000 geschätzt, so lag sie im Jahr 2012 laut GCF bei weniger als 80 000 Individuen. In manchen Regionen, die traditionell als Giraffengebiete betrachtet wurden, sank der Bestand gar um 65 Prozent.

Würden Giraffen aussterben, ginge damit eine der bekanntesten Arten der Welt verloren. Bereits bei den alten Römern waren die gefleckten Säuger beliebt. Damals glaubte man allerdings noch, dass es sich um eine Mischung aus einem Kamel und einem Leopard handele - daher rührt der wissenschaftliche Name "Giraffa camelopardalis".

Verlust des Lebensraums

Neben der Wilderei macht den Tieren die Ausweitung menschlicher Ansiedlungen zu schaffen. "Zeugen vor Ort haben uns vom Abschlachten der Tiere durch die lokale Bevölkerung berichtet. Die Menschen wollen wohl ein Zeichen für ihre Landnutzung setzen", sagt Marlies Gabriel. Auch im Tierparadies Serengeti weiter nördlich seien von Besuchern bereits Berge toter Giraffen dokumentiert worden. Tansania zählt trotz einiger Fortschritte weiter zu einem der ärmsten Länder der Welt. Viele Bewohner sind deshalb mehr an der Landwirtschaft und an Weideflächen interessiert als am Naturschutz.

Für die wilden Tiere der Region ist das derweil eine Tragödie. "Unter dem ersten Präsidenten Julius Nyerere in den 1960er und 1970er Jahren stand auf das Wildern einer Giraffe die Todesstrafe", sagt Gabriel. "Deshalb ist es umso erschreckender festzustellen, dass die Tiere nun langsam verschwinden."
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