Wolfgang S. (68), angeklagt des Millionenbetrugs, will "einiges klarstellen"
Einst Hippie auf Ibiza, heute Opa in Haft

Er redet gern und überzeugend. Nur vor Gericht darf er das auf juristischen Rat nicht. In einem Interview holt er sein Gesprächsdefizit auf. Alles wahr - oder nur gut erfunden? Bild: Götz

In der Justizvollzugsanstalt am Almesbacher Weg beginnt die Besuchszeit. Wolfgang S. (68), angeklagt des Millionenbetrugs, will seine 60 Minuten nutzen, um "einiges klarzustellen". Vor Gericht hat er bislang geschwiegen. Dem NT gibt er ein Interview - in ungewöhnlicher Umgebung.

Weiden. Wer ist dieser Mann eigentlich? Wolfgang S. hat Familienbilder mit in den Besucherraum gebracht. Schnell ist der kleine Holztisch bedeckt mit Fotos. In seinem Leben kommen fünf erwachsene Kinder von 34 bis 48 Jahren zusammen: zwei leibliche Töchter im Rheinland (eine unehelich, die zweite aus erster Ehe). In Spanien hat er zwei Töchter einer spanischen Lebensgefährtin adoptiert. Dazu kommt ein Stiefsohn von seiner jetzigen Frau Marta. "Ich habe immer alle gleich behandelt. Ich bin ein Familienmensch." Alle fünf hätten solide Berufe. Der Sohn sei Sachverständiger für die Justiz in Madrid.

Fotos vom Enkel

Auch Marta hat ein aktuelles Bild geschickt. Eine dunkelhaarige Schönheit. Die 58 Jahre sieht man ihr nicht an. Sie ist geboren in Rio - die Mutter Brasilianerin, der Vater Spanier - und habe ab ihrem zehnten Lebensjahr in Spanien gelebt. "Sehen Sie Ihre Augen? Sie weint viel." Auf dem Arm hält sie ein Baby. "Einer meiner Enkel." Seine Frau lebt inzwischen nicht mehr im Haus in Santa Ponca auf Mallorca. Sie ist bei einer von Wolfgang S.' Adoptivtöchtern an der Costa Brava untergekommen. Geld ist ein Problem. Wolfgang S. hat nichts für Notfälle zurückgelegt: "Ich wusste ja, dass das Geld kommt. Ich bin immer volles Risiko gegangen."

Das Geld. Dieses Thema lässt sich nicht vermeiden. Während sich rundum die Besuchertische mit jungen Häftlingen, ihren Freundinnen und Kumpels füllen, erinnert sich Wolfgang S. an seine Kindheit. Geboren 1946 in Starnberg, aufgewachsen mit Blick auf Schloss Berg am Ostufer des Starnberger Sees. Großvater Franz mütterlicherseits betreibt dort nach dem Krieg den ersten Kiosk beim Seehotel. Als Wolfgang S. zehn Jahre alt ist, zieht die Familie ins Rheinland nach Eschweiler bei Aachen. Sein Vater Wolfgang ist Architekt und Künstler, Großvater Artur war in Sanssouci mit Goldmalereien beauftragt. "Die Kreativität habe ich von ihnen." Und von allen den Namen: Wolfgang Artur Franz.

Nach der Mittleren Reife lernt Wolfgang S. Schaufenstergestalter. "Ich habe bei großen Modehäusern gearbeitet, auch für das Team 77 in Düsseldorf." Die Eltern hätten es gern gesehen, wenn er Architektur studiert hätte. Er ist Anfang 20 und will die Welt sehen. "Es kam die große Hippie-Zeit. Wir waren Revolutionäre. Peace. Vietnam." 1966 geht Wolfgang S. nach Formentera. "Ich war einer der ersten Hippies von Ibiza." Er erzählt von Partys in der "Virgin-Disco". Die Eltern schicken als Aufpasser den großen Bruder Peter hinterher, der schon mit 19 zum Militär ging. Später war Peter Hubschrauberpilot bei der Bundeswehr. "Wir waren wie Tag und Nacht, aber wir haben uns gut verstanden."

Als Wolfgang S. genug gefeiert hat, reicht das Geld noch für Tickets bis Straßburg. Dann ruft er zu Hause an. Der Vater holt ihn im VW Käfer am Straßburger Bahnhof ab. "Er hat die ganzen 600 Kilometer bis Aachen nichts geredet." Die Mutter empfängt ihn gnädiger. "Hart im Nehmen. Sie ist eine Ostpreußin." Ihre Familie aus Tilsit (hinter Königsberg) verlor durch den Krieg den Familienbetrieb, eine Molkerei. Bis zum 90. Lebensjahr sei die Mutter Vorsitzende eines Ostpreußen-Vereins gewesen. Sie lebt heute noch. Bis zu seiner Haft sei die 93-Jährige wohlauf gewesen. "Ich habe jeden zweiten Tag mit ihr gesprochen." Seine Tochter aus Aachen habe ihm jetzt geschrieben, dass sich ihr Zustand verschlechtere.

Kurzum: "Ich hatte ein super Elternhaus." Nach dem Ibiza-Abenteuer habe er sich als Schaufenstergestalter selbstständig gemacht und im Messebau gut verdient. Mit der Eröffnung von Jeansshops will er es mit 24 zum "jüngsten Umsatzmillionär in Nordrhein-Westfalen" geschafft haben: "Jeans waren etwas völlig Neues." In Folge der Rezession geht er 1972 an die Costa Brava, wo er mit einem Freund einen Motorbootverleih hochgezogen habe. Er macht das Kapitänspatent. "Wir haben Yachten überführt und vermietet."

In Empuriabrava (Katalonien) sei er schließlich am Verkauf von 6000 Parzellen für eine Ferienvillensiedlung beteiligt gewesen. "Angelegt wie in Miami: mit der Yacht bis zum Haus." Zufall: Genau hier traf er sich Jahrzehnte später mit dem Hauptgeschädigten im aktuellen Betrugsprozess, der dort ein Ferienhaus besitze.

1989 lässt sich Wolfgang S. auf Mallorca nieder und eröffnet seine erste Trading-Firma "Dimes". "Wir haben neun Millionen Umsatz pro Jahr gemacht." Womit? "An- und Verkauf, Börse." Aus Kuba sei dann ein Angebot gekommen, in den Tabakhandel einzusteigen. "Wir haben uns gefragt: Warum machen wir nicht unsere eigenen Zigaretten? Und wir haben unsere eigenen Zigaretten produziert." Überwiegend in Mexiko. Marta, die er auf einem Flug kennenlernt und 1997 heiratet, habe ihn noch 2006 nach Mexiko begleitet.

Ansonsten sei seine Frau in keinster Weise in seine Geschäfte involviert. Eine Eintragung als Partner sei nur zu ihrer Absicherung erfolgt, "wenn mit mir etwas sein sollte". Wolfgang S. widerspricht den Aussagen einer Kripobeamtin, seine Firmen würden nicht mehr existieren. "Sie sind nur stillgelegt." Die Firmen in Costa Rica habe er 2012 zugesperrt. Dort arbeitete am Ende sein Bruder Peter mit, der Weihnachten 2011 verstorben ist. Auch in Santo Domingo (Dominikanische Republik) habe er eine Tabakfabrik betrieben. "50 Container Verkauf pro Jahr."

Tabakanbau in Simbabwe

2002 sei er schließlich in Simbabwe ins Tabakgeschäft eingestiegen. Man habe Rohtabak für Zigarettenfabriken geliefert. Sein Geschäftspartner George Moyo betrieb eine Tabakplantage, bis er im Zuge der Tausenden von gewaltsamen Farmbesetzungen 2002 ermordet worden sei.

Der Erlös aus dem Simbabwe-Geschäft sollen die 27 Millionen Dollar sein, von denen vor dem Landgericht Weiden die Rede ist. So viel? "Mit Tabak können Sie noch viel mehr Geld machen." Die Summe sei über einen Mittelsmann in bar nach Johannesburg geschafft worden. "Er hat Jahre gebraucht, das in Johannesburg in eine Bank reinzubringen." Als es 2006 soweit war, sei er mit seinem damaligen Partner Günter D. nach Südafrika geflogen - und mit leeren Händen zurückgekehrt. Auch Benson Moyo, Sohn des getöteten Farmers, habe sein Erbe noch nicht. Über Günter D. entstand der Kontakt zu einem Finanzberater aus Amberg und damit zu den Geldgebern in der Oberpfalz.

"Was ich geflogen bin! Immer meinem Geld hinterher." Es fällt schwer, Wolfgang S. zu folgen. Er dämpft ein wenig die Stimme, wenn es um die Geschäfte geht. Und im Besucherraum reden inzwischen ein Dutzend Besucher und Häftlinge gleichzeitig. Jeder will seine Minuten an diesem Samstagnachmittag nutzen. Am Tischchen nebenan wird der scheue Versuch unternommen, sich ein wenig näher zu kommen. Das Geld sei über Hongkong, die Schweiz "und so weiter" in New York gestrandet. Dort sitzt es laut Wolfgang S. fest. Das ist allen Prozessbeteiligten inzwischen hinlänglich bekannt.

"27 Millionen kannst du im Jahr vier Mal, fünf Mal verdoppeln", sagt Wolfgang S. Daher sei die Summe inzwischen höher. "65,8 Millionen Dollar liegen fest bei Clearing House." Den CEO dieser New Yorker Bank, James Aramanda, habe er über Moyo kennengelernt. Immer wieder sei er von Bank und Staat zu Gebühren und Steuerzahlungen aufgefordert worden. Dafür habe er das Geld seiner Geldgeber verwandt. Sollte Clearing House behaupten, keinen Kunden seines Namens zu führen: "Dann ist das doch normal. Das werden alle sagen." In einem Brief an den NT schreibt S.: "Wenn man gegen Banken kämpft, um sein Geld zurückzubekommen, arbeitet man gegen Mächte, die zigmal größer sind."

Einen großen Feind sieht er im Anwalt des Bruders des Hauptgeschädigten. Der Bayreuther Jurist leitete am 18. April 2013 die Verhaftung in die Wege. Wolfgang S. sagt, dass er bei den Geschädigten als "Sündenbock für die eigenen Schweinereien" herhalten solle. Die Firma ist von den Brüdern inzwischen verkauft worden. Pech, meint der Angeklagte. "Am 25. April wäre das Geld ausgezahlt worden." Darauf beharrt der 68-Jährige. "Ich weiß, dass die Millionen kommen. Ich warte, was die nächsten Wochen passiert."

Es ist 13.59 Uhr. Die 18 Monate Untersuchungshaft sind für ihn "Folter": ein "Einsiedlerleben", in dem er depressiv werde. Der Justizvollzugsbeamte klopft mit dem Zeigefinger auf die Armbanduhr. "Herr S., Sprechzeit ist um."
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