Wut und Fassungslosigkeit

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (von links) und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (beide SPD) zeigten sich am Wochenende entsetzt über das Aus für die Verhandlungen mit Griechenland. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besprach mit US-Präsident Barack Obama die Lage. Bilder: dpa

Das griechische Verwirrspiel sorgt in der deutschen Politik für Frust und Ratlosigkeit. Vizekanzler Gabriel sagt eine Israel-Reise ab, die Kanzlerin schweigt. Schwarz-Rot will an einem Strang ziehen - am Zug sind aber nun Athen und EZB.

Die kleine Regierungsmaschine Global 5000 ist startklar für den Vier-Stunden-Flug nach Tel Aviv. Doch um kurz vor 9 Uhr am Sonntagmorgen, drei Stunden, bevor Sigmar Gabriel von Berlin-Tegel nach Israel abheben will, bläst er die Reise ab. Wie hätte das auch ausgesehen - während sich in den europäischen Hauptstädten alles um das Griechenland-Drama dreht, hätte der deutsche Vizekanzler und SPD-Chef am Montag in einem Kibbuz bei Tel Aviv einen Kinderspielplatz eröffnet.

Kurz nach der Absage hängt Gabriel am Telefon. Die SPD-Spitze beräten. Einhellige Meinung: Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras habe Europas ausgestreckte Hand ausgeschlagen, die Partner "verarscht". Dabei sei das Angebot der Geldgeber großzügig gewesen. Noch am Samstagmorgen hatte Gabriel Athen grundsätzlich zugestanden, das Volk zu befragen. Als Gabriels Sätze live im Deutschlandfunk zu hören sind, war ihm noch gar nicht richtig bewusst, dass Syriza-Chef Tsipras die Griechen zum Nein in der Frage zur EU-Rettungsofferte aufruft. Entsprechend geladen sind nun in der SPD selbst treue Tsipras-Versteher. Die griechische Regierung gilt im Kreis der Euro-Finanzminister als "verbrannt", das Vertrauen zu Tsipras & Co. ist zerstört.

Blick auf die EZB

Gebannt schauen alle auf die nächsten Tage. Die Banken in Griechenland bleiben vorerst geschlossen, möglicherweise auch die Börse in Athen. Die Europäische Zentralbank (EZB) entschied am Sonntag, die Notkredite für griechische Banken auf dem Stand von rund 90 Milliarden Euro einzufrieren.

Das drastischste Szenario, dass die Bank nach Scheitern der Gespräche zwischen Athen und seinen Gläubigern die Hilfen streichen würde, trat nicht ein. Der französische Premier Manuel Valls hatte zuvor die Währungshüter davor gewarnt, die Rettungsleine für Athen zu kappen: "Es ist das griechische Volk, das leidet." Kanzlerin Angela Merkel telefonierte am Abend mit US-Präsident Barack Obama. Beide Seiten hielten es für äußerst wichtig, alles zu unternehmen, um einen Weg zu finden, der es Griechenland erlaube, innerhalb der Euro-Zone Reformen umzusetzen und Wachstum zu erzielen, teilte anschließend Weiße Haus mit. Bestätigt werden am Sonntag "Bild"-Informationen, dass Merkel für heute die Spitzen der im Bundestag vertreten Parteien zu einem Treffen eingeladen hat. Unionsfraktionschef Volker Kauder warf der griechischen Regierung vor, ihr Land ins Chaos zu führen. "Das Ganze trägt doch absurde Züge", sagte er zur "Bild"-Zeitung (Montag).

Die Regierung selbst will erst einmal versuchen, Verwerfungen auch an den Märkten klein zu halten. In der Krise wollen Union und SPD geschlossen agieren. Die Lage - neben Griechenland auch das Flüchtlingsdrama und Erfolge von Rechtspopulisten in einigen EU-Ländern - sei zu ernst für taktische Spielereien.

Sorge vor Wähler

Doch Gabriel treibt die Sorge um, dass bei den Wählern hängenbleiben könnte, die Union sei der harte Hund, der das Geld zusammenhalte, eine sozialromantische SPD aber habe zu viel Verständnis für Tsipras Links-Rechts-Regierung gezeigt. So landete vor ein paar Tagen Gabriels Athen-"Bashing" als Aufsatz in der "Bild"-Zeitung. Und Johannes Kahrs, der Chef des konservativen Seeheimer Kreises, bringt die Lage drastisch auf den Punkt: "Tsipras hat sich verzockt. Er war der historischen Aufgabe nicht gewachsen. So ein Scheiß passiert, wenn Linke&AfD regieren."
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