Zeitgeist oder Werbeaktion?

Jugendliche und ihre Handys sind meistens unzertrennlich. Das Jugendwort "Smombie", eine Kreuzung aus "Zombie" und "Smartphone", nimmt Dauer-Display-Gucker auf die Schippe. Bild: obs/E-Plus Gruppe

Alle Jahre wieder wird das "Jugendwort des Jahres" verkündet. Alle Jahre wieder wird debattiert, ob Jugendliche wirklich so reden. Der diesjährige Gewinner war nicht einmal in der Jury allen bekannt.

Das neue "Jugendwort des Jahres" stiftet Verwirrung bei Jugendlichen und selbst bei denen, die den Begriff zum Sieger gekürt haben. Es spielt auf die Abhängigkeit von Smartphones an und heißt: "Smombie". "Nie gehört!", sagt der 18 Jahre alte Friedrich Roderfeld, Mitglied der Bundesschülerkonferenz. Er ist damit nicht alleine.

Nach Angaben der Jury ist das Wort, das am Freitag in München im Auftrag des Langenscheidt-Verlags gekürt wurde, eine Kombination aus Smartphone und Zombie. Es beschreibt jemanden, der von seiner Umwelt nichts mehr mitbekommt, weil er nur noch auf sein Smartphone starrt. "'Smombie' ist mein absolutes Lieblingswort", erklärt Jurorin Ilknur Braun. "Es beschreibt punktgenau die heutige Selbstverständlichkeit vieler Menschen im Umgang mit dem Smartphone."

Werbung für ein Lexikon

Seit 2008 lässt der Langenscheidt-Verlag das "Jugendwort des Jahres" küren, um für das Lexikon "100 Prozent Jugendsprache" zu werben. Und alle Jahre wieder entbrennt eine Debatte darum, ob Jugendliche denn wirklich so sprechen. Eine Ausnahme bildet da der Satz "Läuft bei dir", der im vergangenen Jahr gewann und von dem der ein oder andere junge Mensch tatsächlich sagte, er komme hin und wieder in seinem Alltag vor.

"Ich halte von der ganzen Aktion nicht so viel - außer dass sie eine extrem gelungene Marketing-Aktion ist, zu der man Langenscheidt nur gratulieren kann", sagt der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Peter Schlobinski. "'Smombie' drückt zumindest einen gewissen Zeitgeist aus, weil man ja immer wieder sieht, dass Jugendliche auf ihr Smartphone fixiert sind. Das Wort hat vielleicht eine gewisse Symbolwirkung, scheint mir aber nicht weit verbreitet zu sein." Schlobinski bezeichnet "Smombie" als "Eintagsfliege". Er habe nach "Jugendwort"-Wahlen seine Studenten immer wieder gefragt, ob sie das Wort schon einmal gehört hätten, sagt der Sprachwissenschaftler der Uni Hannover. Das Ergebnis: "80 oder 90 Prozent hatten das Wort nicht im Sprachgebrauch, die meisten kannten es nicht einmal." Schlobinskis Einschätzung ist deutlich: "Diese Aktion zeichnet aus, dass sie mit der Sprache von Jugendlichen nichts zu tun hat."

"Earthporn" auf Platz zwei

Jetzt ist der Durchschnitts-Student vielleicht auch schon etwas zu alt für "Jugendsprache". Aber selbst Jugendliche, die in diesem Jahr in der "Jugendwort"-Jury saßen, kannten das Wort "Smombie" überhaupt nicht. "Ich habe noch nie in meinem Leben davor das Wort gehört", sagt der 16-jährige Roman Lochmann, der zusammen mit seinem Zwillingsbruder Heiko als "Die Lochis" eine beachtliche Youtube-Fangemeinde um sich versammelt hat. Sein Bruder und er hätten für den zweitplatzierten Begriff "Earthporn" (etwa: Erd-Porno, für: schöne Landschaftsbilder) gestimmt. Dieser sei in sozialen Netzwerken deutlich weiter verbreitet als der unbekannte "Smombie". (Angemerkt)
Weitere Beiträge zu den Themen: Weltgeschehen (20753)November 2015 (9608)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.