Zurück im Traumland China

Auf dem Land unterstützen die Jesuiten Schulen und Schüler. Sie sollen zumindest ein gewisses Maß an Bildung bekommen. Damit sie nicht wie ihre Väter Teil des Heeres vom mehr als 150 Millionen Wanderarbeiter werden müssen. Die Jesuiten haben derzeit rund 600 Stipendien vergeben Bilder: Jesuitenmission (2)

Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Jahr 1949 sind die Jesuiten aus ihrem Traumland geflogen. Doch sie sind längst nach China zurückgekehrt. Im Verborgenen wächst eine neue Generation.

"Hosen, Hemden, Uhren, Schuhe, selbst Ihr neues I-Phone 6 kommen aus China", sagt der Jesuit aus dem kommunistischen Land und betont: "Ob es Ihnen gefällt oder nicht: China beeinflusst die ganze Welt." Und, das macht sein Bericht deutlich, die Jesuiten wollen China beeinflussen. Missionieren, das was die ersten Jesuiten nach China trieb, ist dem Orden heute nicht erlaubt.

Sie gehen einen anderen Weg, in Anlehnung am Matteo Ricci, den ersten Missionar der Jesuiten in China. Die Pater wollen "Freunde sein, die Menschen lieben und ihnen dienen", sagt ein führender Jesuit aus China bei einem Vortrag über die Arbeit seines Ordens in Nürnberg. Das bedeutet: Sie setzen auf Bildung und vor allem Hilfe für diejenigen, die an den Rand Gesellschaft gedrängt werden. Das waren in den 1980er und 1990er Jahren die Leprakranken, heute ist es zunehmend die wachsende Zahl HIV-infizierter und an Aids erkrankter Menschen. Die Hilfsorganisation der Jesuiten, die Casa Ricci Social Services in Macau, die seit zwei Jahren offiziell als Wohlfahrtsorganisation registriert ist, unterhält mehr als 50 Programme in elf Provinzen.

Mehr als 2000 Leprakranke

Die Jesuiten betreuen mehr 2000 Leprakranke, etwa 300 HIV-infizierte Erwachsene und 15 mit HIV infizierte Kinder. Nur ein Tropfen. "Egal, wie viel sie haben, es ist nie genug", sagt der Pater mit Blick auf das Elend in China und erzählt, dass sie zu Beginn der Betreuung der Aidskranken nicht ausreichend Geld hatten, um Kinder und Erwachsene medizinisch zu versorgen. Die Jesuiten mussten wählen. "Ich habe tagelang gebetet, und mich dann für die Kinder entschieden", erzählt er. Sie hätten dank der Arzneien damals eine Lebenserwartung von weiteren 30 Jahren gehabt, die Erwachsenen nur von zehn. "Es war so schmerzhaft. Es war eine Entscheidung, die einige zum Streben verurteilte ", sagt er, und ihm ist anzusehen, dass er diese Gewissensqualen noch heute mit sich herumträgt. Eine Entscheidung nach dem Kriterium "Glück der größten Zahl" ist mit christlicher Ethik nicht vereinbar.

Chinesen, allen voran die Behörden, könnten nicht verstehen, warum sich Menschen selbstlos anderen verschreiben, diese pflegen und ihnen helfen. Viele würden eine versteckte Agenda vermuten. Zwar sind alle Jesuiten ebenfalls Chinesen, aber mit dem Papst haben sie letztlich eine ausländische Autorität, der sie folgen. Häufig gelinge es nur deshalb ein Projekt zu starten, weil die Organisation eine Befristung auf zwei Jahre anbiete. Auch danach blieben trotz aller Offenheit Zweifel: "Jetzt, wo wir Freunde sind, kannst du uns doch sagen, warum ihr wirklich hier seid", zitiert der Jesuit eine Frage, die sie vielfach zu hören bekommen.

Der Chinese, Katholik in dritter Generation, hebt die großen Gegensätze hervor: "China ist ein kommunistischer Staat, zugleich aber ein kapitalistisches System und vor allem die größte Volkswirtschaft der Welt." Und es gebe dramatische Einkommensunterschiede. Während das Monatseinkommen auf dem Land 23 Euro betrage, verdienten Wanderarbeiter rund 400 Euro im Monat. Gleichwohl könnten diese von ihrem Lohn nie eine der Wohnungen, die sie den Großstädten bauen, kaufen.

Interesse aus Westen

Den Jesuitenorden belastet bei seiner Arbeit vor allem die große Unsicherheit. Bei allen Projekten sind sie auf das Wohlwollen der Behörden angewiesen. Eine rechtliche Basis gebe es nicht. Hin und wieder heiße es: "Danke wir haben genug gelernt. Ihr könnt jetzt wieder gehen." Die einzelnen Brüder in China, zwischen 20 und 30 sollen es sein - "Wir können ihre Zahl nur schätzen", sagt der Jesuit -, belaste weniger die Angst vor Verfolgung oder die Tatsache, dass sie nicht in einer Gemeinschaft, sondern einzeln leben müssten. Das größte Problem sei, "dass sie sich nicht zur ihrem Jesuiten-Sein bekennen könnten", erzählt er.

Nachwuchsprobleme haben sie dennoch nicht. Und bei den jungen Jesuiten in Europa und anderswo ist China längst wieder ein Traumland, ganz so wie in der Zeit der Ordensgründung.
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