Zwei Wahrheiten, ein Schicksal

Sylvia L., die Pflegemutter von Chantal, zu Beginn des Prozesses im Landgericht Hamburg. Bild: dpa

Drogen, Verwahrlosung und Fahrlässigkeit sollen zum Tod der elfjährigen Chantal geführt haben - zumindest wenn es nach der Anklage geht. Zum Prozessauftakt hagelt es Schuldzuweisungen an die Pflegeeltern. Doch die Verteidigung will auf Freispruch plädieren.

Im Blitzlichtgewitter der Fotografen verdeckt Sylvia L. ihr Gesicht mit einem grauen Kapuzenpulli und einem rosa Schal. Neben ihr sitzt regungslos ihr Ex-Partner Wolfgang A., der seine schwarze Kappe tief ins Gesicht zieht und sich hinter einem Notizblock versteckt.

Beide waren drogenabhängig und bekamen Methadon als Ersatzdroge. Jetzt sind sie angeklagt, ihr Pflegekind, die elfjährige Chantal, vor knapp drei Jahren vernachlässigt zu haben. Mit fatalen Folgen: Chantal starb am 16. Januar 2012 an einer Überdosis Methadon.

Am ersten Tag des Prozesses gegen die Pflegeeltern am Montag prallen vor dem Hamburger Landgericht zwei Wahrheiten aufeinander: Die Staatsanwaltschaft glaubt an fahrlässige Tötung und Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht. Die Verteidigung glaubt an einen tragischen Unfall. "Es tut weh, sie verloren zu haben", sagt die Pflegemutter Sylvia L. in ihrer Erklärung und wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Am Rande der Verhandlung hofft der Anwalt sogar auf einen Freispruch für die Angeklagten.

Anweisung per Telefon

Am 15. Januar 2012 bekommt Chantal nach dem Abendessen Magenkrämpfe, im Laufe des Abends geht es ihr immer schlechter. Später rät die abwesende Mutter dem Kind per Telefon, ein Medikament gegen Übelkeit zu nehmen - das soll die Elfjährige mit dem für sie tödlichen Methadon verwechselt haben.

Am nächsten Morgen ist dem Mädchen noch immer übel und es will nicht in die Schule gehen. Der 54-jährige Pflegevater lässt das kranke Kind alleine in der Wohnung zurück. Am Nachmittag findet die Pflegemutter Chantal tot in ihrem Bett. Die Pflegeeltern hätten sich nicht ausreichend um ihr Kind gekümmert, sagt die Anklage. Wolfgang A. erklärt am ersten Prozesstag, er habe einfach "den Ernst der Lage nicht erkannt" und sei "zu keiner Zeit von Lebensgefahr ausgegangen".

Chantal wuchs in zerrütteten Verhältnissen auf, die leibliche Mutter und der Vater waren drogenabhängig und als Eltern überfordert. Mit Einverständnis der Mutter und des Jugendamtes wurde das Mädchen 2008 in der befreundeten Familie in Hamburg-Wilhelmsburg aufgenommen. Es teilte Zimmer und Bett mit der Enkelin der Angeklagten, die ebenfalls in ihrer Obhut war, sowie mit den beiden leiblichen Kindern der Pflegeeltern. Chantal fügte sich laut Verteidigung gut in die Pflegefamilie ein, nannte Sylvia L. "Mama". Für die 50-Jährige war das Mädchen "eine Bereicherung für die Familie".

"Verwahrloste Verhältnisse"

Von "verwahrlosten Verhältnissen" spricht Staatsanwalt Florian Kirstein - als "höchstens manchmal etwas unordentlich" bezeichnet hingegen der Verteidiger von Sylvia L. die Zustände in der Wohnung. Waffen und Opiate sollen in einer Klappbox aufbewahrt worden sein, sagt die Anklage. Die Verteidigung streitet das ab. Außerdem habe das Jugendamt von der Drogenvergangenheit der beiden Angeklagten gewusst und trotzdem das Mädchen in deren Obhut gegeben. Wie das Mädchen Zugang zu dem für sie tödlichen Methadon bekam, will das Gericht nun klären.
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