Albanien, Bulgarien, Rumänien - Drei Länder, drei Gipfel
Auf dem Dach des Balkans

Auf dem Gipfel des Maja e Korabit (2754 Meter) verläuft die Grenze zwischen Albanien und Mazedonien. Es ist zugleich der höchste Punkt beider Länder. Bilder: Armin Eger (10)
 
Aus dem dichten Nebel taucht die Cabana Podragu auf 2136 Metern Höhe auf: Letzter Zwischenstopp vor dem Gipfel des Moldoveanus.

Der Fels ist nass - und kalt. Die Sonne versteckt sich schon den ganzen Tag im dichten Nebel. Kein guter Tag für eine Bergtour. Aber nach dem Maja e Korabit in Albanien und dem Musala in Bulgarien wollen wir noch auf den höchsten Gipfel Rumäniens.

Marian steht am Fenster. So wie seit 20 Jahren, jeden Morgen nach dem Aufstehen. Er blickt hinunter in den Hinterhof, stellt beruhigt fest: Alles ist noch an seinem Platz. Jetzt erst suchen die Augen über den Nachbardächern den Horizont ab, bleiben an den Gipfeln in der Ferne hängen. "Das ist nicht weit entfernt", zeigt der 55-Jährige hinaus, "aber ich war noch nie dort." Dort, das sind die Karpaten, mit dem höchsten Berg Rumäniens, dem Moldoveanu (2544 Meter).

"Das ist mir einfach zu beschwerlich", sagt Marian. In seiner Bar "Air-Freshener", Treffpunkt der Einheimischen aus dem Dorf Ucea, gebe es zudem immer Arbeit. "Und außerdem warten da draußen der Lupo und der Ursus. Das ist mir zu gefährlich." Ob der 55-Jährige wirklich vor dem Wolf und dem Bären Angst hat? Wir wissen es nicht. Aber er habe uns gewarnt, gibt er uns mit auf den Weg. Den Großteil unserer Ausrüstung lassen wir bei Marian zurück, in einem der drei einfachen Pensionszimmer, das wir für neun Euro die Nacht gemietet haben. "Bis Victoria lauft ihr auf keinen Fall", hat der Wirt beschlossen. Sein fülliger Körper zwingt mitten auf der Straße ein vorbeifahrendes Auto zum Anhalten. Für den Fahrer sind solche Aktionen selbstverständlich. Er setzt uns in Victoria an einem Tante-Emma-Laden ab, damit wir Proviant für die nächsten Tage besorgen können.

Langer Marsch


Jetzt geht es hinein in die Karpaten. Sieben Kilometer nach dem Ort endlich die ersten Wegweiser zu den Hütten: Cabana Turnuri 4 Stunden. Cabana Podragu 6 Stunden. Der Steig springt von links nach rechts - und zigmal wieder zurück - über Bäche, vorbei an kleinen Wasserfällen und durch dichte Wälder. Schafe scheinen herrenlos herumzustreunen. Aber die großen, zotteligen Hirten-Hunde haben alles unter Kontrolle und schützen die Herde auch vor Wölfen und Bären. 4000 Braunbären soll es immerhin in Rumänien noch geben.

Wir hatten zum Glück keinen Kontakt mit den Tieren, als wir nach sieben Stunden die Cabana Turnuri (1520 Meter) erreichen. Kurz fällt die Pause aus. Nach weiteren zwei Stunden sitzen wir in der einfachen Stube der Cabana Podragu (2136 Meter). Die Kartoffelsuppe schmeckt.

Draußen schleicht der Nebel um die Hütte. Drinnen quietschen, lange schon, bevor die Nacht hereinzieht, die metallenen Stockbetten - unentwegt. Es scheint, als ob sich immer einer der etwa 20 Bergsteiger umdreht. Am Morgen ist das Wetter nicht besser. Tief hängende Wolken und ein kühler Wind sind nicht optimal für die Gipfeltour. Kaum einer will hinauf auf den Moldoveanu.

"Hin und zurück etwa fünf Stunden brauchen die Leute im Schnitt", sagt Wirtin Corina - auf Deutsch. Sie ist eine von etwa 175 000 Siebenbürger Sachsen, die noch in Rumänien leben. Orte wie Hermannstadt (Sibiu), Kronstadt (Brasov) oder Klausenburg (Cluj) erinnern an die Deutschen, die im 12. Jahrhundert ein ungarischer König angesiedelt hat. Brezen, Buchhandlung oder Weinstube ist noch immer auf den Schildern in den Städten zu lesen. "Nur die Älteren in den Familien sprechen noch Deutsch", bedauert Corina, als sie vor dem Abmarsch heißen Kaffee serviert. Der Weg hinauf zieht sich. Manchmal reißt der Wind eine Lücke in die Nebel-Wolken-Decke. Dann sind kurz die grün bewachsenen Hänge zu sehen, mit kleinen, farblosen Seen in den Senken. Kurz vor dem Gipfel müssen die Hände (2. Schwierigkeitsgrad) in den kühlen und nassen Felsen greifen. Nur wenige Meter. Geschafft. Den drei Rumänen am Gipfel des Moldoveanu ist kalt. Schnell fotografieren sie sich gegenseitig mit der blau-gelb-roten Landesflagge. Viel ist auf den Bildern sicher nicht zu sehen.

Lupo und Ursus


Zurück zur Cabana Podragu und zu Marian geht es am gleichen Tag. "Schön, dass ihr wieder hier seid", sagt der 55-Jährige. Wie es in den Bergen aussieht, möchte der Wirt wissen. "Vielleicht mache ich mich ja doch noch einmal auf den Weg", sagt er. "Wenn da nur nicht der Lupo und der Ursus wären."

Und außerdem warten da draußen der Lupo und der Ursus. Das ist mir zu gefährlich.Marian, der 55-jährige Wirt der Gaststätte "Air-Freshener"


Die drei höchsten Gipfel des BalkansEs gibt die Seven Summits, die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente, die Seven Summits der Alpen, die sieben höchsten Gipfel der sieben Alpenländer. Für Viele bleiben diese Touren nur ein Wunsch. Eine kleine, interessante Alternative sind die drei höchsten Gipfel des Balkans.

Der Maja e Korabit , 2754 Meter, ist die höchste Erhebung in Albanien und zugleich von Mazedonien. Anreise mit dem Flugzeug nach Tirana, von dort weiter mit Kleinbussen in die Stadt Peshkopi und eine weitere Stunde ins Dorf Radomir. Ab hier zwei bis drei Tage einplanen. Es gibt allerdings auf dem gesamten Weg keinerlei Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten. Zelten überall in den Bergen problemlos möglich.

Der Gipfel des Musala ist 2925 Meter hoch, und damit geht es in Bulgarien nirgends höher hinauf. Über Sofia ist mit Bussen der Touristenort Borovets (1340 Meter) zu erreichen. Dort genügend Übernachtungsmöglichkeiten von Pensionen bis hin zu Hotels. Auf dem Weg zum Gipfel durch den Rila-Nationalpark liegt die Musala-Hütte (2389 Meter).

In den Südkarpaten Rumänien s ist der Moldoveanu (2544 Meter) zu finden. Anreise über Bukarest nach Brasov und Ucea (Zug). Mit dem Bus/Auto nach Victoria. Sehr langer Marsch zum Gipfel. Übernachtungen möglich in der Cabana Turnuri (1520 Meter) oder in der Cabana Podragu (2136 Meter).

Die Besteigung der drei Gipfel ist mit keinen großen Schwierigkeiten verbunden. Es geht meist über Wege und Pfade. Leichte Kletterei (2. Schwierigkeitsgrad) nur unterhalb des Gipfels am Moldoveanu.
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