Business as usual in Detroit
Bei der Motorshow geht alles seinen gewohnten Gang

Toyotas Luxusmarke Lexus zeigt den betont sportlichen LC 500, der sich gegen Konkurrenz wie BMW 6er und Mercedes SL behaupten soll. Bilder: dpa (4)
 
Appetithappen: Mit der Studie Tiguan GTE Activ Concept will VW den US-Kunden die Markteinführung des Tiguan in einem Jahr schmackhaft machen.
 
Die neue Mercedes E-Klasse steht vor allem für die Autonomie beim Fahren. Entwicklungschef Thomas Weber spricht von der "intelligentesten Limousine der Welt".

Mit großem Tamtam läutet der PS-Zirkus in Detroit das neue Autojahr ein. Doch kurz nach der CES in Las Vegas sind die meisten Premieren weder überraschend noch sonderlich innovativ. Einiges ist aber doch anders als sonst.

Der Absatz auf Rekordniveau, die Prognosen rosig und die Benzinpreise im Keller: So gut wie in diesem Jahr war die Stimmung auf der Motorshow in Detroit selten. Selbst VW-Konzernchef Matthias Müller und sein Markenvorstand Herbert Diess ernten höflichen Applaus, als sie sich beim ersten großen US-Auftritt seit dem Beginn der Abgaskrise noch einmal öffentlich entschuldigen.

Doch das Feuerwerk der Neuheiten strahlt lange nicht so hell wie die Gesichter der Manager. Denn bestärkt vom Erfolg der letzten Jahre und kurz nach der von vielen technischen Innovationen geprägten Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas heißt das Programm auf den Premieren-Bühnen vor allem: business as usual. Alles geht seinen gewohnten Gang. Und bis auf wenige Ausnahmen rollen die Autohersteller lediglich Modellvarianten oder die Nachfolger bestehender Baureihen ins Rampenlicht.

Dabei strotzen allen voran die Gastgeber General Motors, Ford und die amerikanische Hälfte von Fiat Chrysler nur so vor Stärke, zeigen aber dennoch wenig große Neuheiten. Und was sie enthüllen, hat kaum Relevanz für Europa: Weder der erstmals auch als Plug-in-Hybrid ausgestellte Chrysler Pacifica als Nachfolger des Voyager wird es in dieser Form über den Atlantik schaffen, noch der luxuriöse Lincoln Continental. Der wunderbar unvernünftige Rallye-Pick-Up Ford Raptor oder die traumhaft schöne Buick-Studie Avista ebenso wenig.

Der elektrische Chevrolet Bolt hat zwar mit 320 Kilometern Reichweite und einem Preis von knapp 30 000 Dollar das Zeug, den US-Markt durcheinanderzubringen. Doch erstens kennt man das Auto bereits aus Las Vegas, und zweitens kommt es nur auf dem Umweg über Opel nach Europa - und dann wohl auch frühestens zum Jahreswechsel. Deshalb ist es am Ende aus Amerika nicht viel mehr als der überarbeitete Ford Fusion, den es mit seinem neuen flacheren Grill bei uns auf absehbare Zeit auch als Mondeo geben wird.

Die deutschen Hersteller, sonst in Detroit oft die dominante Größe, können die Schwäche der Gastgeber diesmal nicht für einen Auswärtssieg nutzen. Zwar lassen die Manager bei VW, Audi, BMW oder Porsche keine Gelegenheit aus, um die Bedeutung des US-Marktes für ihr Geschäft zu unterstreichen. Doch auf die Bühne fahren sie nur serienferne Studien oder schlichte Modellvarianten.

So sieht das mit einem Plug-in-Antrieb ausgestattete Tiguan GT Active Concept mit seinen grobstolligen Reifen, der großen Bodenfreiheit und den robusten Anbauteilen zwar spektakulär aus, ist aber nicht viel mehr als ein Lückenfüller, der die Amerikaner bis zum Debüt des gestreckten US-Tiguan im Jahr 2017 vertrösten soll. Und auch der seit dem IAA-Debüt in Frankfurt vom Elektro-Auto zur Brennstoffzelle umgerüstete Audi und nun gelb statt blau lackierte Audi h-tron ist nur eine Absichtserklärung: "Er zeigt die Richtung, in der wir forschen", sagt Audi-Chef Rupert Stadler.

Bei den Serienmodellen ist die Bodenhaftung größer, das Überraschungsmoment aber dafür umso geringer. Denn der neue Allroad ist die logische Fortschreibung des Generationswechsels beim Audi A4 genau wie das Update für den Porsche 911 Turbo, nachdem im Herbst bereits die Standardvarianten des Elfers aktualisiert wurden. Und auch der BMW M2 und der X4 M40i mit 370 beziehungsweise 360 PS sind nach all dem Vorgeplänkel fast schon alte Bekannte.

Einzig Mercedes hat mit der nächsten Generation der E-Klasse einen echten Star auf die Bühne geholt und lässt sich vor allem für die neue Autonomie beim Fahren feiern: Entwicklungschef Thomas Weber spricht von der "intelligentesten Limousine der Welt". Dass nebendran der SLK mit einem Facelift zum SLC geworden ist, gerät dabei fast in Vergessenheit. Allerdings genießt die E-Klasse nicht alleine die Aufmerksamkeit der Firmen- und Vielfahrer: Nur ein paar Meter weiter buhlt im gleichen Segment der ebenfalls nagelneue und ähnlich autonome Volvo S90 um Aufmerksamkeit.

Während Amerikaner und Europäer ihre Standards ins Spiel bringen, trumpfen vor allem die Asiaten in Detroit diesmal wenigstens ein bisschen auf. Die Nissan-Tochter Infiniti und Toyota-Ableger Lexus zeigen mit Q60 und LC 500 die Serienfassungen zweier betont sportlicher und schnittiger Coupés, die als Konkurrenten für BMW 4er und BMW 6er nach Europa kommen. Hyundai lanciert nach dem gleichen Vorbild die neue Nobelmarke Genesis mit dem Fünf-Meter-Flaggschiff G90. Wer es eine Nummer kleiner mag, der schaut am besten nach dem frisch gemachten Cadenza, mit dem Kia jenseits des Atlantiks antritt.

Selbst in den Kernsegmenten des US-Marktes stehlen die Asiaten den Amerikanern die Show: Der kraftstrotzende Nissan Titan Warrior sieht gefährlicher aus als der Ford Raptor. Als Antwort auf Ford Ranger und Chevrolet Colorado enthüllt Honda den neuen Pick-Up Ridgeline. Und Kia reitet mit der feudalen SUV-Studie Telluride ganz oben auf der Welle der großen Geländewagen.

Sieht man einmal von den Studien bei Kia, VW und Audi ab, sind ausgerechnet neue SUVs im Heimatland des Geländewagens Mangelware. Auch alternative Antriebe spielen in Zeiten rekordverdächtig niedriger Benzinpreise kaum mehr eine Rolle. Tesla ist gar nicht auf der Messe, Chevrolet gönnt dem Bolt nach der CES-Enthüllung nur noch einen zweiten Aufguss, und seitdem der Plug-in-Hybrid bei fast allen Herstellern in der Serie angekommen ist, frönen die Hersteller wieder ungestört dem üblichen Wettrüsten.

Wie weit das Pendel tatsächlich zurückgeschlagen hat, sieht man nirgends besser als auf dem Stand von VFL. Denn bei dem Nischenhersteller zieht Henrik Fisker das Tuch von seinem jüngsten Sportwagen. Hat der dänische Designer noch bis vor kurzem das Hohelied des Hybrid-Antriebs gesungen und seinen Karma beworben, montiert er im Force 1 den mit 745 PS stärksten Saugmotor der Welt mit einem Verbrauch, nach dem man besser gar nicht fragt. Business as usual eben in Detroit.
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