Conti hat für den TS 860 eine neue Rezeptur
Chili macht auch Reifen scharf

Eine Küchenmaschine, Knethaken und verschiedenfarbige Knete: Mit einfachen Mitteln demonstriert Dr. Stefan Torbrügge, welchen Einfluss das Mischen auf die Entwicklung neuer Reifen hat. Bild: Continental
 
Da ändern auch moderne Assistenzsystem nichts: Moderne Winterreifen auf Autos ohne Helferlein, sind sicherer als alte Pneus auf solchen mit allem technischem Schnickschnack. So hält der "alte BMW" mit dem Conti Wintercontact TS 860 seinen aktuellen 1er Bruder mit dem TS 790 in Schach. Bild: bz

Reifenentwickler sind wie Sterne-Köche. Sie probieren immer wieder Neues aus. Und weil Conti statt Garküche Spitzengastronomie servieren will, spielt da eine Zutat eine Rolle, die man nicht erwartet hätte: Chili. Mit dem Scharfmacher hat das aber gar nichts gemein.

Eigentlich haben die Hannoveraner Spezialisten ja schon eine ausgesprochen erfolgreiche Rezeptur. Die steckt im Winter Contact TS 850 und hat in den vergangenen fünf Jahren 47 Testsiege bei diversen Produktvergleichen in Europa eingefahren. Und dennoch will der Nachfolger TS 860 noch eins draufsatteln.

Der kommt im Herbst speziell für Fahrzeuge der Kompakt- und Mittelklasse in 21 Dimensionen für Felgen zwischen 14 und 17 Zoll Durchmesser in den Handel und soll im Jahr 2017 um mindestens 20 Versionen noch erweitert werden. Preise stehen derzeit noch nicht fest, sollen sich aber auf dem Niveau des Vorgängers bewegen.

Wir wissen aus eigener Erfahrung: Der Winter in Europa ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Wer der bekannten Empfehlung von "O bis O" folgt, muss von Oktober bis Ostern wahre Alleskönner aufziehen. Denn die Grobstoller müssen mit unterschiedlichsten Straßenverhältnissen zurecht kommen: Eis und Schnee, Trockenheit und Nässe verlangen ebenso unterschiedliche Reifenbeschaffenheiten. Und die widersprechen sich oft genug.

Nicht die Spezialisten sind hier gefragt, sondern die Allrounder. Ohne Kautschuk, Ruß, Harze und verschiedene andere Zutaten kommt auch ein moderner Reifen nicht aus. Was und wie genau verwendet wird, das ist Contis Küchen-Geheimnis, lässt sich aber kurz zusammenfassen: Die Mischung macht's. Und das Mischen. "Cool Chili" nennen die Hannoveraner dieses Rezept, das deutlich mehr Haftung und ein Plus an Grip liefert, gleichzeitig aber auch die Bremswege aus nasskalten, vereisten und verschneiten Untergründen reduziert.

Dazu kommt noch eine filigrane, aber ausgesprochen wichtige Neuerung im Profildesign. Da baut Conti eine zusätzliche Drainage ein. Die Kanten der Profilblöcke wirken dann wie unendlich viele Scheibenwischer und leiten das beim Bremsen auf vereister Fahrbahn entstehende Schmelzwasser über ein Kanalsystem in den Lamellen ab. Und letztendlich gibt es da noch die dritte Dimension. Die Profilelemente sind nicht nur in der Breite und dem Umfang der Lauffläche ausgeformt, sondern auch in der Tiefe. Eine zusätzliche Rille in der Wand der Profilblöcke sorgt für eine stärkere Verzahnung bei schneebedeckter Fahrbahn. Einfache Regel: Mehr Kanten bringen mehr Grip und damit deutlich höhere Übertragungskräfte.

Die Fortschritte in der Winterreifentechnik durften wir bei ersten Testfahrten schon erleben. Damit nicht moderne Assistenzsystem den Vergleich verfälschten, hatte der Hersteller einen 15 Jahre alten TS 790 V nochmals aufgelegt und auf einen modernen 1er BMW montiert. Der brandneue TS 860 dagegen musste sich auf einem 20 Jahre alten 3er Compact bewähren - und bestand die Probe mit Bravour.

Aber was nützt das beste Profil, wenn der Reifen selbst nichts mehr taugt? Auch das konnten wir mit unterschiedlich abgenutzten Reifen selbst erfahren. Neue Pneus werden mit etwa acht Millimeter Profiltiefe ausgeliefert. Da lässt sich ein Auto aus 50 km/h einigermaßen kommod zum Stehen bringen. Wer nur noch über 4 Millimeter verfügt, das ist beispielsweise in der benachbarten Alpenrepublik Österreich das Mindestmaß, braucht schon 14 Meter mehr Abstand, damit es nicht kracht.

Deutschland hat zwar die situative Winterreifenpflicht, hierzulande aber sind sogar 1,6 Millimeter noch erlaubt. Wer so unterwegs ist, genügt zwar dem Gesetz, ist aber sträflich leichtsinnig: Satte 26 Meter braucht er mehr bis zum Stillstand. Und wer sich gar mit Sommerreifen auf schneebedeckte Straßen traut, hat gegenüber einem Winterpneu den doppelten Bremsweg: 62 Meter.
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