Das vorgeschichtliche Museum im französischen Solutré räumt mit einer Legende auf
Der Mythos der abstürzenden Pferde

Die markante Felsnase des Roche de Solutré ragt westlich von Mâcon aus der Weinreben-Landschaft. Am rechten Bildrand nicht mehr vollständig auf dem Bild, also nicht direkt am Fuß der Felswand, liegt die Ausgrabungsstätte. (Foto: Thomas Schaller)
 
Diese Werkzeug- und Waffenteile in Form von Lorbeerblättern haben die Forscher in Solutré ausgegraben. Nun werden sie im Museum präsentiert. (Foto: Thomas Schaller)
Solutré-Pouilly (Frankreich): Roche de Solutré | Mit lautem Geschrei treiben steinzeitliche Jäger, mit Rentierfellen bekleidet, eine Herde Wildpferde den Berghang hinauf. Dieser endet abrupt in einer senkrecht abfallenden Felswand. Die panischen Tiere poltern schrill wiehernd in die Tiefe und sterben qualvoll. Dies ist der Mythos des Roche de Solutré in Burgund – ebenso faszinierend wie falsch. Ein Museum erzählt die wahre Geschichte.

Wenige Kilometer westlich von Mâcon ragt die markante Felsnase aus der von Weinreben dominierten Landschaft. Vor 150 Jahren, 1866, entdeckten die Geologen Adrien Arcelin und Henry Testot-Ferry im Umfeld der Kalksteinformation eine meterdicke Schicht mit Pferdeknochen, wenig später auch Feuerstellen. Dies war der Beginn jahrzehntelanger Ausgrabungs- und Forschungsarbeiten, die eine bedeutende archäologische Stätte ans Tageslicht brachten. Es war ein steinzeitlicher Jagd- und Beuteplatz. Heute ist sogar eine von vier großen Kulturen der Altsteinzeit, des Paläolithikums, nach ihm benannt: das Solutréen, etwa 20 000 bis 15 000 v. Chr.

Wildpferde und Rentiere

Das Musée départemental de Préhistoire, am Fuß des Solutré-Felsens in den Berg hineingetrieben, erzählt anschaulich die Forschungsgeschichte rund um die Erhebung und erklärt deren Ergebnisse. So weiß man heute aufgrund von Pollenuntersuchungen, dass sich die Vegetation mit dem Wechsel von Kalt- und Warmzeiten veränderte, von einer offenen Steppenlandschaft in eine bewaldete Region mit Kiefer, Fichte, Tanne sowie Birke, Haselnuss, Erle, Eiche und Linde. Die Unmengen an Knochenfunden weisen auf die bevorzugte Jagdbeute der Steinzeitjäger hin: Wildpferde und Rentiere. Außerdem zogen Hirsch, Wisent, Mammut und Wollhaariges Nashorn ihre Fährten im Solutré-Gebiet.

Mit Ausgrabungsfunden, Skizzen und Filmen zeigt das vor kurzem neu gestaltete Museum, wie die Bewohner des Landstrichs die erbeuteten Tiere nach der Jagd zerteilten, und ebenso, wie sie die dafür notwendigen Werkzeuge aus Feuerstein beziehungsweise Knochen herausmodellierten. Faustkeile, Schaber, Klingen und Spitzen, Letztere häufig in Form von Lorbeerblättern, waren beliebte Erzeugnisse, aber auch kleine Kunstwerke und Schmuckstücke wie Tierfiguren oder Perlen sind zu bestaunen. Wo diese Geräte und die Tierknochen ausgegraben wurden, das sieht der Besucher im Außenbereich des Museums, der außerdem die Botanik der Region vor Augen führt.

Funde zu weit entfernt

Hier wird auch klar, warum der Mythos von der „Jagd in den Abgrund“ nicht stimmen kann: Die Fundstellen liegen nicht direkt am Fuß der Felswand, sondern in einer größeren Entfernung davon, die kein Wildpferd jemals springend hätte überwinden können. Außerdem haben die Forscher festgestellt, dass die Tierknochen keine Brüche oder andere sturztypischen Verletzungen aufweisen. Sie gehen deshalb heute von anderen Jagdmethoden aus.

Demnach trieben die Jäger die Wildpferde und andere Beutetiere an der Flanke des Solutré-Felsens entlang in einen durch herabgestürzte Gesteinsblöcke schwer zugänglichen Bereich. Dort mussten die Tiere in ihrer Flucht stark abbremsen, so dass sie, aus dem Hinterhalt mit Speeren und Speerschleudern beschossen, eine leichte Beute waren.

Der Weg zum Gipfel

Wer das vorgeschichtliche Museum besucht, sollte unbedingt auch den Gipfel des Roche de Solutré auf 493 Metern Meereshöhe besteigen. Es ist ein etwa 1,5 Kilometer langer, nicht sehr anstrengender Spaziergang auf einem gut ausgeschilderten Weg, der jedoch festes Schuhwerk erfordert. Oben auf dem Gipfel ist Vorsicht geboten, denn die Steilwände sind nicht gesichert. Die Rundumsicht reicht weit über das Weinanbaugebiet, in Richtung Osten über Mâcon hinweg bis zu den Vorbergen der Alpen. Ein beliebtes Fotomotiv von hier aus ist der fast ebenso hohe Roche de Vergisson wenige Kilometer nördlich.

Zur Burgund-Reportage „Steinerne Zeugen der Jahrhunderte“

Informationen

Solutré-Museum

Adresse
Musée départemental de Préhistoire
Chemin de la Roche
71960 Solutré-Pouilly
Koordinaten für das Navigationssystem: 46,29715 N 004,71534 E
Informationen über das Museum und bei Burgundische Museen und bei Hominidés

Öffnungszeiten
Oktober bis März: 10 bis 17 Uhr;
April bis September: 10 bis 18 Uhr

Eintritt
5 €; ermäßigt: 3 €
Jeden ersten Sonntag im Monat gratis

150 Jahre archäologische Ausgrabungsstätte Roche de Solutré
Das Festprogramm

Sonderausstellung
„Bourgogne Franche-Comté – Land der Vorgeschichte“
27. September 2016 bis 1. Oktober 2017

Maison du Grand Site

71960 Solutré-Pouilly
Telefon 0033/3 85 35 82 81
Informationen des Maison du Grand Site

Touristische Auskünfte

Office de tourisme du Mâconnais Val de Saône
1, place Saint-Pierre
71000 Mâcon
Telefon 0033/3 85 21 07 07
E-Mail: info@macon-tourism.com
Das Tourismusbüro von Mâcon im Internet

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