Die Mutter der Fahrfreude
50 Jahre BMW 02

Reduziertes Cockpit: Neben dem spindeldürrem Lenkrad ist eigentlich nur das fürs Fahren Nötige an Bord. Die digitalen Instrumente rechts unter dem Handschuhfach sind nachträglich eingebaute Messgeräte zum Beispiel für die Zeitmessung bei Oldtimer-Rallyes.
 
Der Motor im 202tii leistet 130 PS.

BMW feiert in diesem Jahr zwar gerade den 100. Geburtstag, und Autos bauen sie immerhin seit 1929. Doch die sprichwörtliche Freude am Fahren und damit der große Durchbruch kamen erst vor 50 Jahren mit der 02er-Reihe. Höchste Zeit, an den kleinen Rebellen zu erinnern.

Von 0 auf 100 km/h in 9,4 Sekunden, 130 PS und 190 Sachen Spitze - heute lächeln BMW-Kunden über solche Werte nur müde. Doch vor nicht einmal 50 Jahren huschte den Schnellfahrern bei diesen Zahlen ein helles Strahlen übers Gesicht. Sie stehen im Datenblatt des BMW 2002tii. Der galt in seiner Zeit als sportliche Speerspitze der Bayern. Und ein Grund dafür, weshalb BMW sich bis heute die Freude am Fahren auf die Fahnen geschrieben hat.

Zwar kam der 2002tii erst 1971 in den Handel. Doch seine Geschichte begann bereits 1962 mit dem Debüt der "Neuen Klasse". Sie hat BMW vor der drohenden Pleite gerettet und den Vorstand mit ihrem Erfolg zu einer weiteren Modellreihe inspiriert: Eine technisch weitgehend identische, aber deutlich kleinere Limousine sollte die 1600er-Reihe flankieren, schildert BMW-Classic-Sprecher Stefan Behr.

02 steht für zwei Türen


Und weil sie nur zwei Türen haben sollte, wurde dem 1600 in der internen Typologie einfach eine -2 angehängt. Dass daraus mal der Name "02" werden würde, konnte am 7. März 1966 noch niemand ahnen, als Vorstandschef Gerhard Wilcke den 1600-2 bei der Feier zum 50. BMW-Geburtstag in der Bayerischen Staatsoper wie ein Kaninchen aus dem Hut zauberte: Mit 4,23 Metern 27 Zentimeter kürzer, im Radstand aber nur 5 Zentimeter beschnitten, mit niedrigerem Dach und flacherer Frontscheibe war er eine flotte Erscheinung. Die kam bei den Kunden trotz des stolzen Preises von 8650 Mark sofort gut an.

"Bereits im ersten Jahr produzierte BMW 13 244 Einheiten, 1967 erreichte der Zweitürer mit einer Auflage von 38 572 Stück fast schon die Viertürer-Produktion von 39 930 Exemplaren", zitiert Behr aus dem Archiv. Und der Höhenflug ging weiter: Noch 1973, kurz vor der Premiere des eigentlich als Ablösung gedachten 3ers, kam der 02 auf ein Rekordergebnis von 111 239 Einheiten und konnte sich damit in die Verlängerung retten. Denn statt ihn 1975 wie üblich durch den Nachfolger zu ersetzen, baute BMW den 02er noch bis 1977 parallel weiter, verkaufte so noch einmal über 70 000 Autos. Insgesamt wurden in zwölf Jahren rund eine Million 02er produziert. Zeitgenössische Tester feierten bereits das 85 PS starke und 166 km/h schnelle Basismodell als genau das Auto, "auf das viele sportlich interessierte Fahrer schon lange warten". Aber BMW hat über die Jahre immer wieder nachgelegt. Auf der IAA 1967 kam der 1600ti ("Turismo Internazionale") bereits auf 105 PS. 1968 wurde er mit einem Zweiliter-Triebwerk zum 2002, kurz darauf mit Solex-Doppelvergasern zum 120 PS starken 2002ti. 1971 gab der 2002tii mit einem weiteren i für "Injection" seinen Einstand.

Turbo kam 1973


Mit dem Wechsel auf eine mechanische Kugelfischer-Einspritzung stieg die Leistung auf 130 PS und das Drehmoment kletterte auf 178 Nm, die mit den mickrigen 990 Kilo der kleinen Limousine leichtes Spiel hatten. Vom Wolf im Schafspelz war die Rede, als das Auto in den Handel kam und sich auf der Autobahn in den Rückspiegeln von Porsche & Co gefährlich breit machte. Und obwohl der 2002tii für jene Zeit stolze 12 765 Mark kostete, verkaufte er sich entsprechend gut: Bis zur Ablösung durch den noch schärferen 2002 turbo im Jahr 1973 wurden fast 40 000 Exemplare gebaut. "Spätestens in dieser Zeit legt BMW den Grundstein für den bis heute aktuellen Slogan "aus Freude am Fahren", erklärt Wolfgang Herz, Präsidiumsmitglied beim BMW 02 Club in Wuppertal. Auch wenn heute fast jeder normale BMW stärker und schneller ist als der 2002tii, ist vom alten Biss noch viel zu spüren, wenn man mit der kleinen Limousine eine Runde dreht. Munter dreht der Motor, und vehement schiebt die Hinterachse das Leichtgewicht voran.

Doch Vorsicht: Es ist nicht allein das riesig große und spindeldürre Lenkrad, das die Spurführung etwas schwieriger macht als bei modernen Autos. Sondern die ganze Straßenlage ist sehr viel fragiler. Den Bremsen fehlt es an Verbindlichkeit. Elektronische Fahrhilfen waren damals noch unbekannt. Wer mit dem Wolf tanzen will, muss deshalb höllisch aufpassen, sonst verbeißt er sich in den Straßengraben. Neben dem hungrigen Rostfraß und den wilden 80ern, in denen der 02er vom Führerscheinnachwuchs als billiges Auto zum Heizen und Tunen geliebt wurde, ist das der Hauptgrund, weshalb der Bestand kontinuierlich abgenommen hat, sagt Club-Manager Herz. Dennoch hält er den 02er für einen nahezu idealen Oldtimer. "Die Autos sind extrem zuverlässig, und man muss sich beim Losfahren keine Sorgen über das Ankommen machen", sagt er. "Die Ersatzteilversorgung ist besser als bei vielen anderen Volumenmodellen dieser Zeit." Und abgesehen von der rostanfälligen Karosserie sei die Technik schier unverwüstlich.

Noch erschwinglich


Obwohl selbst der 02er schon als Anlageobjekt entdeckt und deshalb nicht mehr nur von Liebhabern gekauft werde, gingen die Preise noch nicht durch die Decke: "Sieht man einmal von 5000-Euro-Schnäppchen mit akutem Handlungsbedarf ab, gibt es vernünftige, fahrbereite Autos in einem soliden Zustand noch immer für 10 000 bis 12 000 Euro", taxiert er den Markt. Allerdings müsse man für einen ti oder tii schon mit 5000 bis 8000 Euro mehr rechnen. Raritäten wie das Cabrio würden deutlich teurer gehandelt, sagt Herz und berichtet von Angeboten, die knapp ans Sechsstellige gehen.
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