"Eine neue Freundin": Neuer Film des französischen Erfolgsregisseurs François Ozon ("8 Frauen")
Sturm auf die Geschlechterrollen

David (Romain Duris) muss sich nach dem Tod seiner Frau um das Kind kümmern. Das macht er nicht immer in Männerkleidung - manchmal trägt er Perücke, Make-up und Kleid. Bild: Mandarin Cinema/Mars Film/dpa
Der französische Filmemacher François Ozon spielt gern mit Geschlechterklischees. Egal, ob er in dem Erfolgsmusical "8 Frauen" deren Rollen überzeichnet auf die Spitze treibt oder in "Swimming Pool" den sexy Körper der Hauptdarstellerin inszeniert. Nun zieht er das Thema einmal anders auf: In "Eine neue Freundin" wandert er zwischen den Geschlechtern und bricht mit gesellschaftlichen Tabus. Die Tragikomödie kreist um Transvestismus und konsequente Selbstfindung.

Weibliche Kniffe gezeigt

Geheimnisvoll geht es los. Weil sie von drinnen Baby-Schreien hört, dringt Claire (Anais Demoustier) in das Haus ihrer jüngst gestorbenen Jugendfreundin Laura ein. Denn sie hatte ihr versprochen, nach deren Tod auf den Mann David (Romain Duris) und den Säugling aufzupassen. Im Wohnzimmer angekommen, erkennt Claire auf dem Sofa die Rückenansicht einer blonden Dame mit dem Kind auf dem Arm. Doch als die Person sich zu ihr umdreht, wird klar: Es ist David - mit Perücke, Make-up und in einem Kleid von Laura. Claire reagiert geschockt.

Dabei meint es Ozon (47), Verehrer von legendären Melodram-Regisseuren wie Douglas Sirk und Rainer Werner Fassbinder, ungemein ernst. Er will sein Publikum förmlich bei der Hand nehmen und es zu Aufklärung und Respekt gegenüber Geschlechtervarianten führen - ihm überhaupt mehr Mut machen zum Ausleben ureigener Wünsche, Sehnsüchte und Anlagen.

Das suggeriert sein Film, dessen Drehbuch Ozon sehr frei und teils schablonenhaft nach einer alten Kurzgeschichte der britischen Krimiqueen Ruth Rendell verfasst hat. Und das erklärt er auch ausdrücklich in den Pressenotizen zu seinem Werk. Da heißt es etwa: "Mein Ziel ist es wirklich, Männern die weiblichen Kniffe zu eröffnen, sie mit Zärtlichkeit und Humor in das Universum des Cross-Dressings einzuführen. Und zwar ohne sich über sie lustig zu machen."

Didaktische Absicht

Überdeutlich merkt man dem Film die didaktische Absicht Ozons denn auch an - und gerade das könnte so manchen Zuschauer abschrecken. Dennoch dürfte "Eine neue Freundin" im Rahmen der Gender-Debatte viele Fans aller Geschlechter finden.

Für diese erwünschte, sich wandelnde Einstellung beim Kinobesucher steht die betont bürgerlich lebende Claire, eine in ihren Eigenarten undeutlich gezeichnete Figur, die von Demoustier in zauberhafter Zartheit dargestellt wird. Zunächst abgestoßen von David, den sie kaum kennt, in Kleidern und Highheels, wird sie mehr und mehr seine Freundin - zunächst wohl aus Treue zur Toten.

Dann entdeckt die burschikose, in einer langweiligen Ehe lebende Frau ausgerechnet durch David alias Virginia ihre Weiblichkeit und ihr Begehren. Sie geht mit ihm Shoppen, in die Transvestiten-Disco - sie hat etwas Sex mit ihm. Bis ein Autounfall beiden die Augen für einander öffnet.

___

"Une nouvelle amie" (Originaltitel) - Regie: François Ozon - Mit Romain Duris, Anaïs Demoustier, Raphaël Personnaz, Isild Le Besco, Bruno Pérard - Musik: Philippe Rombi - 107 Minuten - frei ab 12 Jahren - Im Internet: www.eine neuefreundin.weltkino.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Filmkritiken / netzhaut (1432)März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.