Empfehlung für die etwas andere Bergtour:
Auf Traumpfaden durch den Wilden Kaiser

Beglückende Momente am Berg schenkt die Abendsonne. Sie gibt den Gebirgen im Osten - vom Stripsenjochhaus aus gesehen - einen besonderen Zauber. Bilder: Fütterer (5)
 
Das Kirchlein über Ebbs nach dem großen Regen: Die Wolken lichten sich und die Sonne setzt sich durch. Wenige Stunden zuvor versank die Welt noch in grauer Flut.
 
Die schroff-markante Gipfel-"Prominenz" des Wilden Kaisers bildet die Kulisse für das Stripsenjochhaus.

In Richtung Süden rauscht jeder Autofahrer bei Kufstein an diesen mal wilden, mal malerischen Bergketten vorbei: dem Wilden und dem Zahmen Kaiser.

Der Kreuzworträtsel-Rater kennt den Tiroler Passionsspielort mit drei Buchstaben. Gleich neben Erl liegt die Ortschaft Ebbs, Ausgangspunkt für eine viertägige Hüttenwanderung. Um es gleich vorweg zu nehmen: Am dritten Tag nässen die Regengüsse eines Adria-Tiefs die Oberpfälzer Bergwanderer derart ein, dass an eine Fortsetzung der Tour nicht zu denken ist.

So muss es bei der biblischen Sintflut gewesen sein, als sich die Schleusen des Himmels öffneten. Mit einem Landregen, der sanft darnieder plätschert, hat dieses Naturereignis rein gar nichts gemein. Der Ausdruck Starkregen gleicht einer Untertreibung (wobei Journalisten doch zu Übertreibungen neigen), denn die Wassermassen durchtränken die angeblich "wasserdichte" Funktions-Bekleidung ebenso wie die "wasserdichten" Bergschuhe, finden ihren Weg durch die Rucksacknähte (trotz Schutzhülle) und selbst durch den Marken-Regenschirm tropft es wie durch ein schütteres Laubdach. Ein zweistündiger Marsch durch eine solche Regenwand relativiert jedenfalls schnell die wirklich existenziellen Bedürfnisse des Menschen ...

Beim Aufbruch in Ebbs strahlt jedenfalls noch die Sonne. Gemütlich verlaufen die ersten Kilometer in Richtung Aschinger Alm, bevor der komfortable Weg in einen steilen Pfad übergeht. Er schlängelt sich durch einen - dank der reichen Niederschläge in diesem Sommer - dschungelhaft anmutenden Mischwald. Der rauschende Lärm der Inntal-Autobahn wird wie durch Watte gedämpft, gleichmäßig gehen Schritt und Atem einher. Wie eine Wanderung im Waldnaabtal oder Pfreimdtal könnte der Aufstieg anmuten, wären da nicht gepfefferte 1000 Höhenmeter bis zur Vorderkaiserfeldenhütte. Die auf den Schildern angegebene Gehzeit von zweieinhalb Stunden wirkt recht ambitioniert.

Stille Harmonie


Wie auf einem Aussichtsbalkon über dem Inntal thront diese Hütte des Deutschen Alpenvereins auf 1388 Metern Höhe. Der Fernblick reicht bis zu den Gletschern der Hohen Tauern im Süden und zum Karwendel im Westen. Räkeln im Liegestuhl mit geschlossenen Augen, ein paar Dohlen kreischen, von den Freunden wehen launige Gesprächs-Fetzen herüber. Absolut lohnt ein Abstecher zum Hausberg, der Naunspitze (1633 Meter), in knapp einer Stunde im An- und Aufstieg auf problemloser Route. Das Gipfelchen toppt die Aussicht von der Hütte; Wendelstein und bayerisches Voralpenland rücken ins Bild. Tipp: Am Vorabend das phänomenale Frühstücks-Büfett buchen; es lässt wahrlich keine Wünsche offen und füllt die Kohlenhydrate-Depots auf. Was notwendig ist.

Denn rund 1100 Höhenmeter im Aufstieg und 900 Höhenmeter im Abstieg stehen auf der Tagestour zum Stripsenjochhaus an. Vom Petersköpfl (1745 Meter) an führt der Pfad - völlig ungefährlich - durch Latschenfelder über mehrere Gipfel, lange und recht breite Grate mit 360-Grad-Rundumschau. Dieses prächtige Schau-Erlebnis krönt die knapp 2000 Meter hohe Pyramidenspitze. Die Südseite der (bayerischen) Kampenwand liegt direkt gegenüber. Eine stille Harmonie bettet sich über eine voralpine Landschaft, die nicht jäh, schroff und felsig wirkt, sondern weit ausladend und geradezu anmutig.

Es ist nicht einmal Halbzeit auf dieser sieben- bis achtstündigen Tagesetappe. Näher rücken die Zacken des Wilden Kaisers. Im bergauf und bergab führt der Pfad an den südwestlichen Steilhängen entlang durch Latschen und über Geröllfelder. In den Latschen staut sich die Hitze. Der Wanderer ist dankbar für jeden zarten Lufthauch. Das Rinnsal der sogenannten Kaiserquelle am Wegesrand weckt Freuden wie eine üppige Oase, endlich die leeren Trinkflaschen wieder nachzufüllen. Vor dem letzten Aufschwung über den Feldalmsattel lohnt eine kurze Rast in der Hochalm. In der Idylle der Alpe zwischen wiederkäuenden Kühen schimpft der Senn über die Pflicht zur elektronischen Registrierkasse für ein paar Bier. Von wegen "tu felix Austria": Die Bürokratie erobert die Bergwelt und kehrt sogar in die abgelegenen Hütten ein.

Mehr einem Hotel gleicht das berühmte Stripsenjochhaus. Die Konfrontation mit den fast senkrechten Wänden der Wilden-Kaiser-Prominenz, die atemberaubenden, ja bestürzenden Ein- und Tiefblicke machen die Herrschaft der Zivilisation (einschließlich Souvenirshop) jedoch erträglich. Bis zur letzten Minute kosten wir auf der Terrasse die Abendsonne aus, welche die Felswände in weichen Pastelltönen anmalt. Unten im Tal blinken ferne Lichter. Die lyrische Entrückung wird spätestens eingeholt, wenn der Gast auf dieser "Hütte" des österreichischen Alpenvereins von einer Lawine der Plastik-Einweg-Packungen überrollt wird. Geht's noch? Nie was von ökologischer Nachhaltigkeit gehört? Angesichts dieses täglich anfallenden Müllbergs wirken die Appelle an allen Ecken, der Wanderer möge doch seinen Abfall gefälligst selber ins Tal bringen, etwas grotesk.

Geborgenheit im Jugendstil


In den Morgenstunden schlägt das Wetter um. Der Regen prasselt und trommelt; die Felswände wirken für den Donnerhall wie ein Verstärker. Eigentlich sollte die Tour zum Weinbergerhaus und dann über die "Steinerne Stiege" führen. Wir entscheiden uns schweren Herzens für den Abstieg zum Anton-Karg-Haus, dem sympathischen Hort an Geborgenheit und Trockenheit im Jugendstil. Da es 24 Stunden später weiter schüttet, erfolgt schließlich die Rückkehr nach Ebbs. Dort reißt bei der Ankunft der Himmel auf: Ein leuchtendes Signal zum Wiederkommen.

Bergtour-Poesie

Von Norbert Neugirg, Kommandant der Altneihauser Feierwehrkapell'n

Es kamen ein paar alte Knochen
zur Berghütte herein gekrochen,
ermattet von des Aufstiegs Leiden
und kurz davor dahin zu scheiden.
Da erschien, mit rot lackiertem Zeh,
den Männern eine Hütten-Fee,
und das Gefühl, dass es zu Ende geht,
war schlagartig wie fortgeweht.
So wie nun die üppig Dekolletierte
den ganzen Tross reanimierte,
und allein, wenn sie sich streckte,
Totgeglaubtes auferweckte,
schlussfolgerten die alten Knaben,
eine Geistheilerin vor sich zu haben.
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