Frühjahrsskifahren im Dezember
Wenn das Heidekraut blüht

Kaum zu glauben: Selbst in über 2000 Metern Höhe - wie hier in Latemar - ist im Dezember 2015 natürlicher Schnee absolute Mangeware. Ob der künstliche Schnee tatsächlich eine tragfähige Alternative für die Zukunft ist? (Foto: Fütterer)

Surreal muten die weißen Bänder in der ansonsten braunen Berglandschaft an. In der Talstation auf 1550 Meter Meereshöhe mahnen Schilder vor akuter Waldbrandgefahr. An den Südhängen, direkt neben den - beschneiten - Pisten blüht die Erika, das Heidekraut.

Obereggen in Südtirol. Dem Kalender nach herrscht Winter, dem Wetter nach bricht der Frühling aus. Im Dezember 2015 nützt es den Skifahrern nur beschränkt, wenn sie hoch hinaus wollen. Selbst in 2020 Metern Höhe zeigt das Thermometer am frühen Nachmittag 7 Grad - plus. Der nahe Alpenhauptkamm präsentiert sich bis annähernd 3000 Meter weitgehend schneefrei. Auch den gewaltigen Sella-Stock schmückt ebenso wenig eine weiße Haube wie die wilde Pala-Gruppe: Braun- und Grautöne so weit das Auge reicht. Die "Dolomiten-Zeitung" vermeldet die Sichtung einer Enzian-Blüte.

Unter dem bleichen Fels des bizarr zerklüfteten Latemar (nordöstlich von Bozen) bewirkten die "Könige des Kunstschnees" ein mittleres Wunder: Mit ihrem weltweit einzigartigen Beschneiungssystem bewerkstelligten sie rund 30 zusammenhängende Pisten-Kilometer des insgesamt 48 Kilometer umfassenden Skigebiets. Dabei geht es nicht nur um Befahrbarkeit, sondern um reines Vergnügen: So perfekt sind die Pisten gebügelt! Kein Stein und apere Flecken schmälern die Lust an Geschwindigkeit und Dynamik.

Es fehlt das Wasser


Das Skicenter Latemar besitzt das reiche Glück, über (noch) genügend Wasservorräte für die Beschneiung zu verfügen. Denn im Zuge der klimatischen Veränderungen geben selbst Hightech-Schneekanonen keine Garantie mehr für Wedel-Vergnügen. Der zuletzt knochentrockene Sommer verhinderte mancherorts in Südtirol die ausreichende Befüllung der Speicherkapazitäten für den "technisch erzeugten Schnee". Vor diesem Hintergrund "schweigen" in einigen Skiresorts vorzeitig die Kanonen, weil ihnen die "Munition" fehlt. Von den Plus-Temperaturen ganz abgesehen. Um drei Quadratmeter Skipiste mit 30 Zentimeter Kunstschnee zu präparieren, erfordert es einen Kubikmeter der über hochfeine Düsen erzeugten, winzigen Eiskristalle.

Ein Kubikmeter Kunstschnee kostet durchschnittlich etwa einen Euro: selten etwas weniger, oft deutlich mehr. Die horrend anmutenden Skipass-Preise in zahlreichen Gebieten erklären sich da von selber ...



Bild: Fütterer

Ökologischer Irrsinn


Eigentlich gleicht es einem ökologischen Wahnwitz, im grünen Dezember auf weißen Bändern in ansonsten schneefreien Bergen zu wedeln. Der emotionale Genuss- und Lust-Faktor verdrängt zumindest zeitweise das schlechte Gewissen des leidenschaftlichen Skifahrers. Der wachsenden Beschränkung, ja die Perspektivlosigkeit auch der künstlichen Pisten kann sich jedoch kein verantwortungsbewusster Skifahrer auf Dauer entziehen.
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