Geschichtliche Stationen im Weinland Burgund
Kelten und Keltern

Gedanken an ein Märchenschloss werden wach, sobald man den Innenhof des Hôtel-Dieu in Beaune betritt. Ein markantes Dach aus bunt glasierten Terrakottaziegeln bedeckt die Fachwerkgalerien des früheren Armenhospitals. (Foto: Thomas Schaller)
Freizeit DE/WELT
Deutschland und die Welt
03.09.2014
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Auf dem Mont Beuvray hatten die Haeduer ihre Hauptstadt: Bibracte. Noch immer arbeiten die Archäologen an der Ausgrabung des gallischen Oppidums in Burgund. Am "großen römischen Haus" beeindrucken allein die Ausmaße. (Foto: Thomas Schaller)
Beaune (Frankreich): Hôtel-Dieu | Von Thomas Schaller
Die französische Ferienregion Burgund ist weltweit bekannt als Weinanbaugebiet, doch sie atmet auch den Hauch der Geschichte. Auf Schritt und Tritt begegnet der Urlauber den Spuren der Romanik. Eine Perle des Spätmittelalters findet er in Beaune, in die Geburtsstunde des gallischen Volkes taucht er eine gute Autostunde weiter westlich ein, auf dem Mont Beuvray.

Vercingetorix und Gaius Julius Cäsar sind die Protagonisten, die den Berg oberhalb von Autun, im Granitmassiv Morvan, im Jahr 52 vor Christus bekannt machten. Auf der Anhöhe (821 Meter) hatten die Haeduer, ein keltischer Stamm, ihre Hauptstadt errichtet, das Oppidum Bibracte.

In der befestigten Siedlung ließ sich Vercingetorix den Oberbefehl über die gallischen Truppen bestätigen, bevor er gegen Cäsar in die Schlacht zog – und in Alesia verlor. Trotz der Niederlage gilt das Jahr 52 vor Christus den Franzosen als Geburtsjahr ihres gallischen Volkes. Cäsar überwinterte nach seinem Sieg in Bibracte und schrieb sein Werk "De Bello Gallico" ("Über den Gallischen Krieg") zu Ende. Darin nennt er Bibracte "das größte und reichste Oppidum der Haeduer", die für ihre Handwerkskunst bekannt waren.

Noch heute ist die Größe der Siedlung zu erahnen für jeden, der den bewaldeten Berg vom modernen Museum aus zu Fuß erklimmt oder den kostenlosen Zubringerbus, die sogenannte Navette, nutzt. Die Siedlung mit einer Fläche von 135 Hektar hatte einst bis zu 20 000 Einwohner. Vor allem beeindruckt die Porte du Rebout, der Hauptzugang, an dem Teile der ehemaligen, 7,2 Kilometer langen Ringmauer im originalen Baustil wiedererrichtet wurden. An allen Ecken stehen große Zelte und Pavillons. Sie gewähren den Arbeitern Schutz, die an den Ausgrabungen beteiligt sind. Die archäologischen Forschungen werden noch lange nicht beendet sein. Ihnen gilt wohl zurzeit das Hauptaugenmerk, denn die Ausschilderung des Rundwegs und die Erklärungen für die Besucher sind verbesserungswürdig. Trotzdem lohnt es sich, durch die Ruinen von Bibracte zu schlendern oder, noch besser, sich einer geführten Tour anzuschließen. Der "Gallische Tag" beinhaltet sogar eine Mahlzeit im Restaurant "Le Chaudron" ("Der Kessel"), in dem nach gallischer Art gekocht wird.

Am "großen römischen Haus", dessen Grundmauern erhalten sind, staunt der Gast über die Abmessungen des Anwesens. Wie die 3600 Quadratmeter Fläche aufgeteilt waren, zeigt ein daneben stehendes Modell. Bevor man wieder zum Fuß des Berges zurückkehrt, um das Museum Mont Beuvray zu besichtigen, sollte man unbedingt die mit Gras bewachsene Ebene La Chaume besuchen, die den besten Ausblick nach Südosten eröffnet ins Tal des Flusses Arroux und bei klarem Wetter sogar bis zu den Alpen.

Beaune, eine Stadt, halb so groß wie Weiden oder Amberg, gilt als die burgundische Winzerhauptstadt. Überall in den kleinen Altstadtgassen trifft der Tourist auf die Erzeugnisse des Weinanbaus, Weinfässer und -flaschen zieren die Auslagen, Weinkeller bieten ihre Waren feil. In der Basilika Notre-Dame erzählen historische Wandteppiche (um 1500) aus dem Leben der Heiligen Jungfrau Maria. Unangefochtener Blickfang der Stadt ist allerdings nicht eine Kirche, sondern das Hôtel-Dieu, ein spätmittelalterliches Hospital, das zu den eindrucksvollsten Bauwerken der burgundisch-flämischen Gotik zählt. Markant sind die vom Innenhof aus zu bestaunenden erker- und türmchenbesetzten Dächer aus bunt glasierten Terrakottaziegeln, die die Fachwerkgalerien bedecken.

Nicolas Rolin, Kanzler des burgundischen Herzogs Philipp der Gute, gründete das Armenhospiz im Jahr 1443 zusammen mit seiner Frau Guigone de Salins, um sich im Himmel sein Seelenheil zu sichern. Wer mit dem Audioguide durch das Hôtel-Dieu schreitet, dem erzählen Nicolas und Guigone anschaulich, wie es im 15. Jahrhundert in einer solchen mildtätigen Einrichtung zuging. Sie zeigen die mehr als 50 Meter lange Salle des Pôvres, den Saal der Armen, mit jeweils 14 Krankendoppelbetten an jeder Längsseite, sie erklären die damaligen Alltagsgeräte wie Aderlassinstrumente und Nachtgeschirr, sie führen durch die Apotheke mit ihren Fayencetöpfen in den Wandregalen sowie durch die Küche, und sie weisen auf die kunstvolle bauliche Ausstattung des Hospitals hin. Stiftungen, Schenkungen und Vermächtnisse, darunter große Weinländereien, sicherten den Betrieb durch die Jahrhunderte hindurch und den weiteren Ausbau.

Bildergalerie Burgund (Bilder: Thomas Schaller)


Bis 1971 pflegten die Krankenschwestern im Hôtel-Dieu Hilfsbedürftige, bevor sie in eine neue Klinik umzogen. Noch heute trägt das Weingut zur wirtschaftlichen Grundlage der Krankenhausgesellschaft Hospices Civils de Beaune bei. Das alte Hospizgebäude hingegen hilft den Touristen, in den spätmittelalterlichen Alltag einzutauchen. Besondere Eindrücke gewinnt der Besucher am Ende des Rundgangs: In einem Ausstellungsraum zeigt der früher in der Kapelle angebrachte Flügelaltar von Rogier van der Weyden, was die Menschen beim Jüngsten Gericht erwarten wird.
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