Giglio ist das Juwel im toskanischen Archipel - "Costa Concordia" der einzige Schandfleck
Kleinod mit großem Kratzer

Fast ein bisschen wie in Saint-Tropez mutet die Insel Giglio an, wenn man die bunten Häuserzeile im Hafen betrachtet. Bilder: dpa (3)
Als sich die Fähre nach einer Stunde dem kleinen Hafen mit der mediterran-farbigen Häuserzeile nähert, hat kaum ein Passagier einen Blick für das Inselrelief. Alle sind auf Steuerbord, halten erwartungsvoll Smartphone oder Kamera hoch. Denn dort liegt das Wrack der "Costa Concordia", der unübersehbare Schandfleck des Eilands und ein Symbol für das aus dem Ruder gelaufene Krisenland Italien. Dort liegt aber noch etwas: Giglio selbst, eine der sieben Inseln des toskanischen Archipels, die man die "schönsten Kinder der Toskana" nennt.

Wie in Saint-Tropez

Im Hafen stehen zwei auffallende kleine Leuchttürme in Grün und Rot und ein wuchtiger Sarazenenturm. Hinter der Mole ist die Zeile der ein wenig an Saint-Tropez erinnernden Häuser zu erkennen, die in schöner Abwechslung in all den warmen Farben des Südens gestrichen sind. Ein Bild, das einstimmt auf das, was die östlich von Korsika gelegene Isola del Giglio zu bieten hat - wenn das inzwischen aufgerichtete Wrack des Kreuzfahrtriesen aus dem Blickfeld verschwunden ist. Von Giglio Porto aus führt der Weg auf kurvigen Straßen über die Granithügel zur westlichen Inselseite. Vorbei an kleineren, in traditionellen Steinterrassen angelegten Weinbergen führt die Fahrt der Bucht von Giglio Campese entgegen. Und das Wrack ist wie vergessen.
Oben auf dem Berg thront Giglio Castello, der dritte Ort auf der nur 21 Quadratkilometer großen Insel. Das Eiland hat 1600 Einwohner, davon sind einige Hundert Wahl-Insulaner. Unterhalb des kleinen Ortes liegen die anmutig geschwungene Bucht und das smaragdgrüne, klare Meer, das hier ein Paradies für Sporttaucher ist. Und über dieses Paradies kam im Januar 2012 der Schiffbruch wie ein Sündenfall.

Frühstück am Strand von Giglio Campese: Die Sonne hat sich über den Berg gewagt und bescheint den imposanten Torre di Vendetta (Turm der Rache). Danach geht es hoch zum wuchtigen Kastell, Schmuckstück von Giglio Castello, das sich "uno dei più belli borghi d'Italia" rühmen darf, eines der schönsten Dörfer von Italiens. Heimelige, winzige Sandbuchten, umrahmt von Felsen, dicht bewaldete Bergkuppen und im Frühjahr eine Vegetation, die mit Farben und aromatischen Gerüchen besticht.

Gebete für die Opfer

Warten auf die Fähre für das Festland in Giglio Porto: Hier hat sich das Schreckliche zugetragen, hier hat sich der ganze Rummel der Medien abgespielt, hier arbeiten Hunderte Bergungsspezialisten, um den Schandfleck nächstes Jahr wegschaffen zu können - am besten vor Beginn des Sommers, damit nicht noch eine dritte Saison im Schatten der "Costa Concordia" steht.
In der kleinen Kirche des Hafenortes wird weiter zum Gebet für die 32 Opfer des Schiffbruchs aufgerufen. Die Bergungsleute des amerikanisch-italienischen Konsortiums bevölkern noch die Hafenzeile mit den kleinen Restaurants. Daneben liegen die Läden, die Honig von Giglio verkaufen oder auch den raren und darum teuren Wein ihrer Insel. Wenn die Fähre ablegt, bleibt eine Insel zurück, die ihre Normalität zurückhaben will.
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