Hinter den Kulissen des Kreuzfahrtschiffs „MSC Orchestra“
Kreuz und quer durchs Mittelmeer

Die "MSC Orchestra" nimmt Kurs auf Genua.
 
Klassisches Unterhaltungsprogramm an Bord. (Foto: Thomas Schaller)
 
Die Kathedrale Sagrada Família in Barcelona. (Foto: Thomas Schaller)

Ein beständiges Grummeln dröhnt aus den Tiefen des Schiffsbauchs. Es knarzt und ächzt mit jeder Welle, über die die „MSC Orchestra“ reitet. Als Passagier rollt man im Bett im selben Rhythmus nach links und rechts wie das riesige Kreuzfahrtschiff auf dem Wasser. Aber irgendwann kommt der Schlaf doch. Und als am Morgen das erste Tageslicht durch den Vorhang lugt, fährt die „Orchestra“ in den Hafen von Barcelona ein.

Der fast 300 Meter lange Koloss mit 1275 Kabinen für gut 3000 Passagiere gehört zur (Stand: 2008) neunteiligen Flotte der italienischen Reederei MSC-Kreuzfahrten. Die nächsten Schiffe sind bereits im Bau. Unter ihnen die luxuriösen „MSC Fantasia“ und „MSC Splendida“, mit jeweils 3959 Passagierplätzen die größten Schiffe, die bisher für eine europäische Reederei konstruiert wurden.

Fünf Restaurants

Vor ihnen braucht sich die Orchestra jedoch nicht zu verstecken. Schließlich ist auch sie schon länger als die Allianz-Arena in München. Und auch auf ihren 13 Decks genießen es die Passagiere sichtlich, sich verwöhnen zu lassen. Zum Beispiel in der „Villa Borghese“, einem von fünf Restaurants auf dem Schiff. Roter Samt, golden glänzende Verzierungen und blitzblanke Weingläser – all das vermittelt den Eindruck eines hochklassigen Restaurants an Land. Die 3000 Gäste müssen sich auf zwei Essenssitzungen aufteilen. Und trotz voller Besetzung bekommt jeder seine Auswahl an Speisen schnell und genau so wie bestellt. Dafür sorgt das vielköpfige Servicepersonal, das vor allem aus Indonesiern besteht. Sie sind mit einer Stärke von 315 Leuten auch insgesamt die größte der 40 Nationengruppen unter den derzeit 1004 Mann Besatzung auf der „MSC Orchestra“.

Bildergalerie "MSC Orchestra"

Hotelmanager Nicola Rotulo, ein 34-jähriger Italiener, betont: „Es kommt nicht darauf an, woher die Leute kommen. Wichtig ist die richtige Balance.“ Jede Nation habe ihre Vorzüge. Während die Indonesier im Service punkten, seien die Matrosen aus Samoa sehr gute Seefahrer. „Da ist einer so gut wie drei aus anderen Ländern.“ Durchschnittlich ist jedes Crew-Mitglied acht Monate auf dem Schiff, bevor es für zwei Monate auf Heimaturlaub geht. Nicht nur der Personalaufwand ist immens. Auch die gesamte Logistik muss klappen wie am Schnürchen. „Wir kochen für 4000 Menschen gleichzeitig“, erzählt Rotulo. „Das Essen muss immer frisch sein. Da können wir uns keine Pannen leisten.“

Versorgungsoffizier Joydeep (Joy) Chatterjee, 40-jähriger Westbengale aus dem indischen Kalkutta, hat für die siebentägige Kreuzfahrt von Genua über Neapel, Palermo, Tunis, Palma de Mallorca, Barcelona und Marseille zurück nach Genua (3050 Kilometer) unglaubliche Mengen eingekauft: unter anderem 52000 Eier, 6600 Kilogramm Kartoffeln, fast ebenso viel Frischfleisch, 21 Tonnen Obst, 4900 Kilogramm tiefgefrorenen Fisch und 130 Kilogramm Knoblauch. An Getränken werden für eine Woche zum Beispiel verladen: 30 Hektoliter Fassbier, 35000 Flaschen Mineralwasser, 2775 Liter Wein und Sekt sowie 53 Flaschen Whisky.

Da die Lagerräume begrenzt sind, bemüht Joy sich um eine möglichst gezielte Order. „Wir sehen uns vorher die Passagierliste an und wissen dann, was wir einkaufen müssen.“ Da gebe es zwischen den einzelnen Nationalitäten ziemliche Unterschiede, berichtet der 1st Purser. „Wenn ein Amerikaner nicht sein von zu Hause gewohntes Heinz-Ketchup bekommt, ist er unzufrieden“, weiß Chatterjee aus seiner 15-jährigen Erfahrung auf Kreuzfahrtschiffen. „Der Deutsche mag die Ente knusprig, der Italiener bevorzugt sie weich.“

Auf einem kleinen Rundgang stellt Joy uns den Bäckermeister vor, der mit seinem Team jeden Tag 1600 Kastenbrote bäckt. Und den Chef-Metzger, der für die Versorgung der Gäste mit qualitativ hochwertigem Fleisch verantwortlich ist. Schon um 3 Uhr morgens beginnt die Kombüsen-Crew mit der Zubereitung des Frühstücks, ab 16 Uhr wird das Abendessen gekocht. Für die Besatzung gibt es eine eigene Kantine, die nur wenige Stunden am Tag schließt.

Auf der Mittelmeer-Tour wird nachts gefahren. Am Morgen läuft die „Orchestra“ den nächsten Hafen an und bleibt dort liegen bis zum Abend. So haben die Passagiere genug Zeit, auf diversen Landausflügen das jeweilige Reiseziel zu erkunden. In Tunis etwa lockt ein Einkaufsbummel auf dem arabischen Markt. In Barcelona lernen die Gäste bei einer Stadtrundfahrt auf den Spuren Antoni Gaudís die wichtigsten Sehenswürdigkeiten kennen, darunter die bis zum heutigen Tag unvollendete Kathedrale de la Sagrada Família, oder besichtigen das berühmte Fußballstadion Camp Nou.

Von Marseille aus führt ein Ausflug in die Stadt Aix-en-Provence mit ihren wunderschönen Märkten, die von den Römern wegen der warmen Quellen gegründet wurde und in der Paul Cézanne den Umbruch der Malerei hin zur Moderne wesentlich mitgestaltete. Wer nicht an Land gehen will, dem fehlt auch auf dem Schiff nichts: Auf Deck 13 wartet die Poollandschaft, im Spa-Bereich sorgen Massagen für Wohlbefinden. Nach dem schweißtreibenden Besuch des Fitness-Centers oder einem Match auf dem Tennisplatz auf dem obersten Deck kann man sich in einer der elf Bars Erfrischung holen. Für Kinder und Jugendliche, die bis zum Alter von 17 Jahren in der elterlichen Kabine gratis mitreisen, gibt es jede Menge Spaß und Spiele.

Tennis auf dem Oberdeck

Am Abend, nach dem Essen, müssen die Kreuzfahrtpassagiere noch lange nicht ins Bett. Neben einer Disco und einem Kasino gibt es ein Theater mit 1240 Plätzen. Kreuzfahrtdirektorin Anna Bisso (57) sorgt mit ihrem Team für das gesamte Animations- und Unterhaltungsprogramm, also auch für die abendlichen Bühnenshows, durch die sie selbst führt. „Das Schiff ist mein Leben und meine Liebe“, bekennt die sympathische Italienerin aus Genua, während aus ihren Augen die Begeisterung sprüht, mit der sie ihren Auftrag erledigt.

So ist eigentlich alles dafür vorbereitet, dass jeder die Kreuzfahrt genießen kann – vorausgesetzt, man wird nicht seekrank. Doch auch dafür hat man auf der „Orchestra“ vorgesorgt. Im medizinischen Bereich erhält der Patient neben Tabletten auch wirksame Tipps gegen Übelkeit: „Am besten beschränken Sie sich heute auf Cola und Brot.“ Gar nicht so einfach bei dem Schlemmer-Angebot.
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