Leiden auf der Seidenstraße
Eindrücke von der Silk Way Rally

Mit der Witterung kämpfen nicht nur die aktiven Fahrer, sondern auch die Crews.
 
Gigantischer Sandkasten für erwachsene "Spielkinder": Die Teilnehmer der Silk Way Rallye durchqueren bei ihrer Marathon-Tour unberührte Landschaften. Bilder: X-Raid

Wenn 400 000 Menschen täglich in den ersten Disneyworld Park eines Landes strömen, kann dieser nur in China liegen. Dort scheint der Hunger nach westlicher Lebensart jedweder Qualität schier unstillbar zu sein.

Etwa zeitgleich überquert ein bunter Haufen vergnügungshungriger Enthusiasten aus aller Welt in 92 hochgerüsteten Rennautos und 24 Renn-Lkw die chinesische Westgrenze von Kasachstan aus. In Moskau gestartet, nehmen sie insgesamt 10 735 Kilometer bis nach Beijing unter die Räder ihrer skurrilen Monster: ein mobiler Abenteuerspielplatz für vernarrte Offroad-Fans.

Im Schlepptau haben sie rund 800 Helfer in Service-Trucks, Bussen und Geländewagen, hochspezialisierte Renntechniker und Service-Kräfte, einem Wanderzirkus gleich - zusammengewürfelt aus Menschen, denen Alltagsjobs zu langweilig sind. Auf der in diesem Umfang erstmals als "Silk Way Rally" durchgeführten Veranstaltung geht es um die Träume gestandener Männer. Sie kommen, um Grenzen auszuloten. Ihre eigenen und die ihrer Offroad-Monster. Und sie wollen die Welt sehen, wie viele sagen.

Auf der Seidenstraße


Wir begleiten das Team des deutschen Rennstalls X-raid aus Trebur, wo sechs Rennautos für diese Rallye entstanden. Jeweils ein BMW X3 und MINI ALL4 Racing für Privatteams sowie vier weitere MINI, die das X-raid Team auf der historischen Seidenstraße selbst einsetzt oder vor Ort betreut. Noch vor Zieleinlauf stellen "alte Rallye-Hasen" fest: Die neue Silk Way Rally sei härter als die weltberühmte "Dakar". Wenngleich nahezu gleich lang wie jene, so doch "deutlich materialintensiver", wie X-raid Team-Chef Tobias Quandt ergänzt. Was er meint, wird exemplarisch deutlich auf der 300 Kilometer Tages-Etappe von Jiayuguan nach Alashan.

Monster mit Launen


Die Strecke verläuft südlich der mongolischen Grenze auf 1500 bis 2200 Meter Höhe. Auf dürren Hochebenen vagabundieren wilde Dromedare. Gebirgszüge portionieren die Einöde in übersichtliche Etappen. Die malerische Kulisse versetzt Touristen in Entzücken. Die Rallye-Teilnehmer fahren mittendurch. Dabei nehmen Fahrer und Copilot das Naturwunder nur aus den Augenwinkeln wahr. Ihre Konzentration gilt den Wegpunkten und Launen ihrer Allradmonster.

"Wasserfall" aus Sand


Laut brüllend pflügen die hochbeinigen MINI ALL4 Racing durch den Tiefsand, tauchen am Dünenfuß mit dem Bug bedrohlich tief ein, heben dann die Nase. Wie ein Wasserfall "duscht" der feine Sand den Zweitürer, seine vier angetriebenen 245/80 R 16 Reifen graben eine tiefe Spur. Die Dünenkuppe wird oft übersprungen, dahinter stürzen die Monster ins Tal. Mit bis zu 180 km/h fliegen die MINI über Stock und Stein als gäbe es kein Morgen! Noch auf 50 Meter Distanz zu "Ross und Reiter" glaubt man, das Krachen im Gebälk der Fahrzeugstruktur zu hören. Dann steht der Betrachter für Minuten im Staub und fragt sich, wie Technik und Mensch diese Tortur überstehen. Tagesetappen von 700 Kilometer sind keine Seltenheit.

Diesel aus dem BMW-Regal


"Der MINI ALL4 Racing ist stark am MINI Countryman angelehnt, jedoch natürlich für den Einsatz neu konzipiert", antwortet Tobias Quandt. Unter der Außenhaut aus leichtem Kohlefaser-Kevlar-Mix hält ein Stahlrohr-Rahmen die Fuhre zusammen. Vorn im Rahmen hängt ein 3,0 Liter großer Twin-Turbo-Dieselmotor aus dem Regal der BMW Serienproduktion. Selbstverständlich sind zahlreiche Baugruppen durch Leichtbau-Komponenten ersetzt, verstärkt und hitzebeständiger ausgelegt. Das Aggregat befeuert das 1953-Kilo-Renn-Geschoss mit bis zu 320 PS bei 3200 Touren.

Geldadel tobt sich aus


Die Leidenschaft der Fahrer ist verschieden motiviert: Der 25-jährige Fahrer Harry Hunt stammt aus einer betuchten britischen Immobilien-Dynastie. Offroad-Rennen treiben seine Adrenalin-Maschinerie, weiten körperliche und mentale Grenzen. Unter Aufsicht des 61-jährigen Copiloten Andreas Schulz macht der MINI ALL4 Racing ihn nun zum Helden. Durch Harrys Augen betrachtet und primär für sich selbst und seine mitgereiste Mutter. Denn Zuschauer sind auf dem chinesischen Abschnitt der Rallye selten. Motorsport steckt in China noch in den Kinderschuhen.

Saudis Kindermädchen


Auch für den am Ende Zweiten im Gesamtklassement, Yazeed Al Rajhi, hat die Rallye therapeutische Wirkung: Copilot Timo Gottschalk von X-raid führt den Saudi, der in der Heimat eine Burger-Kette betreibt, zum ersehnten Erfolg. Der immer gut aufgelegte Yazeed ist ein erwachsener Bub und fährt für sich und das Königreich Saudi Arabien. So besteht die Aufgabe der beiden Copiloten von X-raid nicht nur im Navigieren. Beide beeinflussen auch die mentale Verfassung ihrer Piloten. "Wenn ich feststelle, dass ein Pilot über seine Grenzen hinausschießt", sagt Andreas, "dann bremse ich ihn sanft ein!" Er saß neben den ganz Großen des Offroad Rallye-Sports auf der Schulbank: in Rennautos von Walter Röhrl, Carlos Sainz und Jutta Kleinschmidt.

Küche fährt mit


Parallel zum Renngeschehen arbeitet ein präzise aufeinander eingespieltes 43-köpfiges Technikerteam wie ein Uhrwerk im Hintergrund. Es präpariert Rennwagen und Racer für den morgendlichen Start und erwartet sie abends. In einem Sattelzug, zwei wüstentauglichen MAN T4A 26480 6x6 sowie Kleinbussen und BMW X5 Geländewagen führt X-raid von Trebur bis nach Beijing eine völlig autonome Kleinstadt mit, die abgesehen von MINI Chassis Ersatzteilen alles bunkert, was jedes Rennauto zweimal abbildet. Hinzu kommen 280 Rennreifen auf Felgen, eine komplette Mechaniker-Werkstatt sowie ein Offroad-tauglicher Küchenanhänger und einige hundert Liter Diesel.

Harter Techniker-Job


Die Techniker sind raue Gesellen! Sie dürfen einen Tag mit 16 bis 18 Wachstunden ebenso wenig scheuen wie Dosenfutter und Zeltnächte im Staub. Gegessen wird unregelmäßig, mehr zwischendurch, wenn der Koch Zeit findet, etwas vorzubereiten. Geduscht wird, wo Wasser zur Verfügung steht. Wenn die Rennautos reibungslos funktionieren, beginnt der Tag für die Techniker um vier Uhr morgens und endet gegen Mitternacht nach dem Service der "Babies". Wenn etwas kaputt geht, wird auch die Nacht zum Tag.

Vom Roten Platz weg


Fragt man die Crew am Ende der Reise in Peking, was die nachhaltigsten Eindrücke der dreiwöchigen Strapazen sind, schauen sich viele zunächst stumm an. Vom Start auf dem Roten Platz von Moskau, der Reise durch begrünte Mittelgebirge in Russland, über grottenschlechte Straßen in Kasachstan bis zu den nicht enden wollenden Wüsten Nordchinas sind zwar Erinnerungsfetzen abgespeichert. Doch erst der Blick auf Smartphone-Fotos macht die wahre Vielfalt der passierten Landschaften deutlich.

Peugeot gewinnt


Dem Einzug aufs Olympiagelände in Peking, der auf Weisung der chinesischen Politiker-Kaste über komplett für den öffentlichen Verkehr gesperrte Autobahnabschnitte und Stadtstraßen führt, folgt der Lohn für Schweiß, Sand geschmirgelte und sonnengegerbte Haut einschließlich maßgeblicher Entbehrungen des zivilisierten Lebens: Nach dem ersten Platz des mit überwältigender Tech- und Manpower dominierenden Peugeot Werksteams, folgen MINI ALL4 Racing aus der Brutstätte von X-raid auf den Plätzen zwei, drei, vier, fünf und zehn.

Das große Zerlegen


"Wir sammeln hier wertvolle Erfahrungen für zukünftige Projekte", rechtfertigt Tobias Quandt den Einsatz seiner Mannschaft. Die Gedanken des Sohns von Sven Quandt kreisen bereits um den nächsten Einsatz des X-raid Teams in Marokko. Der liegt nur wenige Wochen in der Zukunft. Zuvor aber muss der Werkstatt-Tross auf Achse nebst Rennwagen im Auflieger die rund 10 000 Kilometer nach Trebur im wahren Wortsinn zurücklegen. Am nächsten Morgen starten die Lkw-Aggregate. Erst nach knapp drei Wochen werden sie in Trebur erkalten. Dort warten die Techniker dann bereits: Alles muss auseinandergenommen, gereinigt, gewartet und kurze Zeit später wieder startklar sein.
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