Mit dem Wohnmobil ins Havelland, nach Fehmarn, Boltenhagen und Rügen
Sonnenjagd an der Ostsee

Das Fischerdorf Vitt liegt auf der Halbinsel Wittow nahe dem Kap Arkona auf Rügen. Bilder: ma (3)
   

Wer sich für das Reisen mit einem Wohnmobil entscheidet, bekommt vor allem eines: größtmögliche Flexibilität. Wer sich die Ostsee als Ziel aussucht, ist froh darum. Die Jagd nach der Sonne startete ausgerechnet im heißen Sommer 2015.

Eigentlich war die Sache - bei mehr als 30 Grad und stabiler Schönwetterlage - klar: Es reicht mit der großen Hitze, Abkühlung muss her. Und die versprach mit "frischen" 22 bis 24 Grad der Norden der Republik. Das Gefährt, zur Verfügung gestellt von Knaus in Jandelsbrunn (siehe separaten Bericht), ist ein sogenannter Vollintegrierter, der auf einer Gesamtfläche von sechs Metern vier vollwertige Schlafplätze, Wohnzimmer, Küche und Bad mit Toilette und Dusche bereitstellt.

Der Wohnmobilist ist komplett autark, kann in der Theorie überall stehen bleiben und ein paar Tage mit dem Strom der Zusatzbatterie und Energie aus der Gasflasche über die Runden kommen. Ein ausreichend großer Frischwasservorrat, ein Tank für "Grauwasser" (also den Abfluss von Dusche und Spülbecken) und ein Behälter für die Chemietoilette sorgen dafür. In der Praxis taucht spätestens an Tag zwei die Polizei auf und vertreibt den wilden Camper.

Wer noch nie am Steuer eines Klein-Lkw gesessen hat, sollte ein wenig üben, ehe er auf die große Reise geht. Wir sind erfahren und starten deshalb gleich die erste Etappe von Weiden aus ins Havelland. Ja, genau, dorthin wo Theodor Fontane seinen Herrn von Ribbeck aus Ribbeck hingedichtet hat. Ketzin heißt der malerische Ort mit schönem Campingplatz und gemeindeeigenem Naturbad an der Havel. Wer mag, kann sich bei der Anreise das letzte Stück mit der Autofähre übersetzen lassen und gleich noch einkehren im Gasthaus "Zur Fähre", wo beispielsweise Schmorgurke, ein Eintopf aus Kartoffeln, Hackfleisch und Gurken serviert wird. Der Campingplatz ist familiär, die Sprache der freundlichen Menschen stark berlinerisch angehaucht. Das abendliche Bad in der Havel eine willkommene Erfrischung.

Wie aus der Werbung

Schon bereuen wir, dass die Weiterreise bereits für den nächsten Tag ansteht. Fehmarn wartet. Die Ostseeinsel ist über eine Brücke ans schleswig-holsteinische Festland angebunden, die aussieht wie ein sehr großer Kleiderbügel und deshalb im Volksmund auch so genannt wird. Wir fahren in den Norden der Insel auf den Campingplatz Belt-Camping Fehmarn im Ort Altenteil, der - nur durch den Deich getrennt - direkt an der Ostsee liegt. Eine Landschaft, wie man sie aus der "Jever"-Werbung kennt: Dünen, Wellen, ein bisschen Grün. Auf der Dammkrone verläuft ein Rad- und Spazierweg, Schafe halten den Grasbewuchs kurz, ein über die Tage immer heftiger werdender Ostwind bläst das Hirn durch. Fehmarn - Achtung, Millionenfrage! - kann sich damit rühmen, dass Jimi Hendrix hier das letzte Konzert seines kurzen Lebens gab; daran erinnert ein Denkmal; ein weiteres steht im Naturschutzgebiet "Am grünen Belt". Es besteht aus einem Schiffsmast und diversen Ketten, die vom Schulschiff Niobe stammen, das 1932 acht Kilometer von hier im Meer versank und 69 Menschen mit ihm.

Weitere Highlights? Dünn gesät. Man fläzt sich hier mit seiner Strandmuschel in die Dünen, lässt Drachen steigen, schaut den verrückten Kite-Surfern bei ihren spektakulären Stunts zu, liest und atmet durch. Tief. So ließe es sich also die geplanten acht Tage aushalten, wäre da nicht ein Wetterbericht, der nichts Gutes verheißt. In der dritten Nacht kommt der Regen, und er bleibt.

Einpacken, anlassen, weg

Jetzt spielt das Wohnmobil seinen großen Vorteil aus: Binnen 15 Minuten bist du reisefertig, auch wenn alle vier Fahrräder und jede Menge weiteres Gepäck noch zu verstauen sind. Im Prinzip geht's darum: Strom abstecken, Wäscheleine einholen, auschecken, Abfahrt. Der Campingplatz ist so nett und berechnet, trotz längerer Buchung, nur die tatsächlichen Übernachtungstage.

Wo ist die Sonne? Dank Smartphone und Wetter-App stöbern wir sie in Boltenhagen auf, einem Ostseebad rund 200 Kilometer weiter im Osten. Die Anfahrt durch die dünn besiedelte Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns lässt nicht erwarten, dass man auf einmal in einem fast schon mondän anmutenden Badeort herauskommt. Laden an Laden, Flaniermeile, ein Ferienhaus schmucker als das andere. Hier gibt es zwar einen Campingplatz, doch der ist proppenvoll. Das gibt uns Gelegenheit, einen sogenannten Wohnmobil-Stellplatz zu testen. Das sind Parzellen, die einen ähnlichen Service bieten wie ein Campingplatz, nur halt enger, bescheidener und - in unserem Fall - auch ein wenig schmuddelig. Das Waschhaus ist in Ordnung, auch wenn Duschen extra kostet, und der Verwalter in seinem zum Büro umfunktionierten Plüsch-Wohnwagen für Strom und Chemie-Toilette die Hand extra aufhält. Die Müllcontainer quellen über und riechen entsprechend. So relativiert sich der günstigere Preis zum Campingplatz.

Dass der nächste Nachbar nur zwei Meter entfernt steht, muss man schon mögen. Vielen macht es offensichtlich nichts aus, denn beide Womo-Stellplätze in Boltenhagen hängen noch am gleichen Tag das "Voll"-Schild hinaus. Zu unserem Platz gehört die Cocktail-Bar "Banana Jack", in der es einen kostenlosen Begrüßungs-Drink gibt. Der fußläufig ganz nah liegende Strand dagegen ist schön, die Strandkorbmiete (ohne geht es bei dem Wind nicht) günstig, die Menschen nett. Der Kiosk "Up'm Sprung" bietet russische Soljanka-Suppe für vier Euro. Im Selbstbedienungs-Lokal an der "Meile" gibt's Bratwurst und Bier und Udo Jürgens vom Unterhalter-Duo. Wir sind im Osten Deutschlands angekommen.

Dorthin folgt nach zwei Sonnentagen auch der Regen. Das Einpacken gerät zur Routine-Übung, die Meteorologen versprechen Sonne auf Rügen. Go east again. Die Insel stöhnt unter dem Tourismus. Leserbriefschreiber in der lokalen Tageszeitung befassen sich mit dem Thema und damit, dass es kaum Personal im Gastgewerbe gibt. Wir meiden die Hauptorte Bergen und Binz und steuern den Knaus-Campingplatz in Altenkirchen im Norden der Insel an. Der bietet "normale" Campingplätze und Stellplätze für Womos, die aber alle vergeben sind, und wir wundern uns ein bisserl warum. Denn auch hier stehen die weißen Riesen eng an eng, während die Areale auf dem Campingplatz großzügig geschnitten und noch zu haben sind. Sind Womo-Fahrer möglicherweise Knauser?

Das Fischerdorf Vitt ist fünf Kilometer entfernt und nur zu Fuß oder per Fahrrad zu erreichen. Erneut zeigt sich, dass sich der Aufwand, die Bikes einzupacken gelohnt hat. Die Einheimischen angeln in der Hauptsache nach Touristen, aber fair. Drei Fischbrötchen kosten zehn Euro, das frische Lübzer Pils aus der Flasche dazu 2,50. Auf halber Strecke bietet ein alter Seebär, der konsequent platt spricht, eine Stärkung an. Die Rügener Sonne brennt, der Kreidefelsen ist irgendwo ums Eck und kann dort auch bleiben. Im Supermarkt gibt's Fleisch, Gemüse und Brot, und überall auf dem Platz gehen am Abend die Grillfeuer an. Campingtisch und -stühle ducken sich in den Windschatten des Wohnmobils. Der Strand ist schmal und ein wenig steinig an dieser Stelle; wer ein paar Minuten fährt, kommt an den schönsten Strand der Insel, fünf Kilometer lang mit feinem Sand. "Die Ostsee ist das neue Mittelmeer" hat ein Bekannter vor der Abreise gesagt. Das trifft es schon. Vor allem, wenn man mobil ist und die Sonne jagen kann. Michael Ascherl
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