Run auf Kino-Karten
Phänomen «Fifty Shades of Grey»

Die Bücher «Shades of Grey» sind ein Phänomen, nun kommt der Film in die Kinos. Bild: Universal Pictures/dpa

Millionen verkaufte Bücher, Zigtausende vorbestellte Kinokarten, wissenschaftliche Abhandlungen - und ein Sexspielzeug-Boom. Die Bücher «Shades of Grey» sind ein Phänomen. Ein Soziologe meint aber: Wäre der Autor ein Mann, wäre es einfach nur ein Porno.

München. (dpa) Wer in diesen Tagen ein erotisches Geschenk für den Valentinstag sucht, der kann aus einer ganz besonderen Reihe wählen: der Produktserie «Fifty Shades of Grey». Da gibt es Peitschen, Fesseln, Handschellen oder Liebeskugeln.

Die Sex-Shop-Kette Orion hat sich vorbereitet auf den Kinostart von «Fifty Shades of Grey», jener Trilogie von Autorin E.L. James, die Sado-Maso in den vergangenen Jahren salonfähig gemacht zu haben scheint. Am 12. Februar kommt die Verfilmung des Bestsellers über die unschuldige Studentin Anastasia Steel, die von dem erfolgreichen Unternehmer Christian Grey in die SM-Welt eingeführt wird, in die Kinos. Die Hauptrolle spielt Dakota Johnson, Tochter von Melanie Griffith und Don Johnson.

Neun Millionen Mal wurden die Bücher in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft. Sie lösten auch einen Sexspielzeug-Boom aus. So verkaufte Orion nach eigenen Angaben deutlich mehr Peitschen und Fesseln; auch Liebeskugeln wurden zum Verkaufsschlager.

Die Kinokette CineStar, nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland, hat nun, eine Woche vor Kinostart, schon mehr als 80.000 Karten verkauft. «Das ist schlicht sensationell und selbst bei Filmen wie «James Bond» oder bei der «Der Herr der Ringe»-Trilogie noch nicht vorgekommen», sagt CineStar-Geschäftsführer Oliver Fock.

Der Trailer zum Film "Fifty Shades Of Grey" wurde bei Youtube über 50 Millionen mal geklickt






Der Erfolg ist wohl vor allem ein gesellschaftliches Phänomen. Das Besondere: Kaum jemandem scheint es unangenehm zu sein, den Film in aller Öffentlichkeit anzuschauen oder das Buch gut sichtbar im Zug zu lesen. «Die Kunden gehen offen mit dieser Buchreihe um», teilt die Buchhandelskette Hugendubel in München mit, die «eine bunt gemischte Käufergruppe» sieht - «tendenziell mehr Frauen als Männer in der Altersgruppe von 20 bis 60 Jahren».

«Faszinierend ist an dem Phänomen, dass so etwas in der Öffentlichkeit gelesen wird», sagt auch der Soziologe Sven Lewandowski von der Uni Würzburg, Autor von «Die Pornographie der Gesellschaft. Beobachtung eines populärkulturellen Phänomens». Er erinnert sich an eine Situation im Zug, in der vier Frauen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft «Shades of Grey» lasen, während er selbst ein Buch von Alice Schwarzer aufgeschlagen hatte. «Es scheint etwas zu sein, wofür man sich nicht schämen muss. Man stelle sich mal vor, ich würde als Mann irgendein Pornoheft auspacken.»

Lewandowski ist nicht der einzige Wissenschaftler, der sich mit dem sensationellen Erfolg der Sado-Maso-Trilogie auseinandergesetzt hat, der vergleichbar ist mit dem von «Harry Potter». Die israelische Soziologin Eva Illouz schrieb eine Abhandlung mit dem Titel «Die neue Liebesordnung: Frauen, Männer und Shades of Grey». Und Amy Bonomi, Professorin an der Michigan State University, hat sich in einer Studie mit den Leserinnen der Buchreihe befasst. Die Kurzfassung der Ergebnisse: Die durchschnittliche Shades-of-Grey-Leserin trinkt öfter mal einen über den Durst und hatte in ihrem Leben fünf oder mehr Sexpartner.

Auch die TV-Sexexpertin Paula Lambert («Paula kommt») hat eine Meinung zum Bucherfolg: Ihrer Erfahrung nach haben die Bücher vor allem die Männer durcheinandergebracht, sagt sie im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Die waren eine Zeit lang wirklich verunsichert: Was wollen die Frauen plötzlich von uns? Warum müssen wir sie mit Handschellen fesseln? Warum wollen sie, dass wir ihnen auf den Hintern hauen?» Das Gute sei aber, «dass die Leute angefangen haben, über ihre Bedürfnisse zu sprechen».

An eine durchschlagende gesellschaftliche Wirkung glaubt der Soziologe Lewandowski dagegen eher nicht. «Alle fünf bis zehn Jahre schreibt irgendeine Frau irgendein pornografisches Buch und das wird dann gehyped nach dem Motto: was Frauen wirklich wollen», sagt er und nennt Skandalromane wie «Feuchtgebiete», «Das sexuelle Leben der Catherine M.» oder «Geschichte der O» als Beispiele. Alle Bücher suggerierten, sie wüssten die Antwort auf die Frage, frei nach Sigmund Freud: Was will das Weib? Wäre der Autor von «Shades of Grey» ein Mann, so glaubt Lewandowski, würden die Bücher wahrscheinlich einfach nur als Pornos gelten.

Für ihn stellt sich noch eine ganz andere Frage: Die nach dem literarischen Geschmack so vieler Frauen. «Schundliteratur» nennt er die Romane - nicht wegen ihrer Thematik, sondern wegen ihrer literarischen Qualität. «Der Erfolg dieser Bücher ist ein Anzeichen für den Verfall des literarischen Geschmacks.»


Zulauf für die Notaufnahmen

Christopher Ingraham hat für die Internetseite der Washington Post (Link zu Christopher Ingraham bei der Washington Post) Daten der Kommission für Produktsicherheit in den USA (Link) ausgewertet. Besonders interessiert hat ihn dabei der Zusammenhang zwischen dem Buch "50 Shades of Grey" und der Zahl der Menschen, die in der Notaufnahme wegen Verletzungen mit Sex-Spielzeug behandelt wurden.






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