Schaulaufen im Reich des Drachen
Auto-Neuheiten aus Peking

Lange Limo: Die auf 5,06 Meter gestreckte Mercedes E-Klasse baut Daimler gemeinsam mit einem chinesischen Partner nur für Käufer in China. Bild: Daimler AG
 
Wie ein Tarnkappenbomber: Das exaltiert gestaltete chinesische SUV Karlmann King soll mehr als 1,5 Millionen Euro kosten. Bild: dpa

Das ganz große Rekordrennen ist zwar erst einmal vorbei. Doch China ist und bleibt das Dorado der deutschen Autohersteller. Entsprechend groß fahren Audi, Mercedes oder VW zur Automesse in Peking auf. Die Heimspieler lassen sich aber nicht mehr so leicht die Schau stehlen.

Mit seinem Chinesisch ist es zwar nicht so weit her, doch wenn Dieter Zetsche in Peking auftritt, ist das für den Daimler-Chef fast ein Heimspiel. Seinen Kollegen bei BMW oder VW geht es nicht viel anders. Denn auch wenn China ein wenig den Fuß vom Gas genommen hat, ist das Reich der Mitte für die deutschen Autobosse noch immer das große Dorado: "Nirgends auf der Welt verkaufen wir mehr Autos als hier", sagt Zetsche. Und VW-Markenchef Herbert Diess klingt bei seinem Auftritt in Asien kaum anders.

Kein Wunder, dass die sonst auf eine weltweit weitgehend einheitliche Produktpalette bedachten Konzerne für die Chinesen ein paar Ausnahmen machen und deren Sonderwünsche in Serienmodellen umsetzen.

Lang kommt an


Die mit Abstand wichtigste deutsche Neuheit auf der Motorshow in Peking (27. April bis 4. Mai) ist ein Auto, das es in Deutschland gar nicht geben wird: Die um 14 Zentimeter gestreckte Langversion der Mercedes E-Klasse, die Hinterbänklern entsprechend viel Freiraum lässt und so zum Eroberer im Segment des chinesischen Luxusmarktes werden soll.

Weil das gut ankommt im Reich der Mitte, feiern solche Langversionen auch bei Audi und BMW Premiere: Die Ingolstädter haben dafür den neuen A4 um 9 Zentimeter gestreckt. Und BMW zieht mit dem X1 sogar erstmals ein SUV in die Länge und erweitert den Radstand um 12 Zentimeter. VW geht noch weiter und baut - zusammen mit seinen lokalen Partnern - oberhalb des europäischen Passat zwei neue Limousinen für die Besserverdiener von Beijing: Den Magotan aus der Kooperation mit FAW und den Phideon aus dem Joint Venture mit SAIC.

Doch ganz ohne Neuheiten mit europäischer Perspektive sind die deutschen Hersteller nicht zum Heimspiel in der Fremde gefahren. So zeigt Daimler neben der E-Klasse den auf 109 PS erstarkten Smart Brabus. Bei Audi gibt es den TT RS mit künftig 400 PS zu sehen. Und Porsche hat nach dem Boxster nun auch den Cayman zur Modellreihe 718 sortiert und mit dem Facelift die Sechszylinder-Motoren gegen Vierzylinder-Turbos getauscht. Auch in dieser Kategorie geht VW wieder am weitesten: Während die anderen nur Motorvarianten und Modellpflegen vorstellen, rollt Designchef Klaus Bischoff die neue Designstudie T-Prime ins Rampenlicht und verspricht: Das allermeiste an und in dieser mehr als fünf Meter langen SUV-Studie geht im kommenden Jahr als neuer Touareg in Serie.

Koleos wird ein Koloss


Andere Aussteller aus dem Westen haben nicht nur den Fernen Osten im Blick. Zwar wird der lange Jaguar XF ebenfalls nur in China verkauft. Und für das schmucke SUV-Coupé CX-4 schließt Mazda-Sprecher Jochen Münzinger den Weg nach Westen fürs Erste auch aus. Doch der beim Generationswechsel deutlich gewachsene Renault Koleos soll nach Angaben des Herstellers sehr wohl nach Europa kommen - selbst wenn das noch bis 2017 dauert. So viel Zeit braucht auch Infiniti noch, bis aus der SUV-Studie von Peking der nächste QX 50 wird.

Chinesen lieben SUV


Das Programm der Importeure ist imposant. Doch ihre unangefochtene Stellung schwindet auf der Messe genauso wie auf der Straße. Natürlich mag man die Oberklasse-Limousinen von Honqui ("Rote Fahne") nicht so recht ernst nehmen, und beim mehr als 600 PS starken Elektrosportwagen Arcfox-7 von BAIC funktionieren noch nicht einmal die Flügeltüren. Aber nach den richtig großen Lachnummern sucht man im Land des Lächelns mittlerweile vergebens. Stattdessen sieht man bei Geely, Cherry, SAIC, Great Wall, JAC & Co immer öfter Neuheiten mit einer stilistischen Substanz, die auch für den Export reichen würde - darunter insbesondere SUVs in allen Klassen. Schließlich machen Geländewagen bei den heimischen Herstellern nach Angaben von Marktbeobachter John Seng von LMC Automotive mittlerweile rund 50 Prozent der Zulassungen aus. Was man noch sieht auf den Ständen der Chinesen, sind Fahrzeuge mit Plug-in- oder reinem Elektroantrieb. Denn während die alternativen Antriebe in Deutschland nur schleichend in Fahrt kommen, zeigt der Druck der chinesischen Regierung gleich doppelt Wirkung: Auf der Straße, weil sich die Zulassungen der New Energy Vehicles mehr als verdreifacht und im vergangenen Jahr die 300 000er Marke geknackt haben. Und auf der Messe, weil es dort Dutzende neuer Ökos vom umgerüsteten Kleinwagen wie dem Zoyte E200 im Smart-Style bis zum Tesla-Gegner LeSee gibt.

Aber allen seriösen Serienmodellen und all den Akku-Autos zum Trotz: Bei den einheimischen Herstellern gibt es noch genügend Kopien und Kuriositäten zu sehen. Der Smart, der Mini, der Range Rover Evoque, die Mercedes G-Klasse oder der Audi Q7 - es gibt kaum ein Erfolgsmodell aus dem Westen, das im Fernen Osten nicht mindestens einen Klon hat. Und wer nicht stumpf kopiert, der karikiert eben, um Aufmerksamkeit zu erregen. Nirgends gibt es deshalb so schillernde Kühlergrills, so funkelnde Scheinwerfer und so glitzernde Rückleuchten wie in China. "Man muss schließlich etwas tun, wenn man unter allen 180 lokalen Marken wahrgenommen werden will", sagt Chenqunyi, der das Design des Entwicklungsdienstleisters IAT leitet. Wie weit man dabei mitunter gehen muss, zeigt das Unternehmen aus Peking mit dem kolossalen Geländewagen Karlmann King, der aussieht wie ein Tarnkappenbomber auf Rädern - selbst wenn das SUV in Form und Format eines Kampfpanzers nun wirklich nicht zu übersehen ist. Angetrieben von einem 8,6 Liter großen V10-Motor und in 4000 Stunden hergestellt, soll der Wagen umgerechnet mehr als 1,5 Millionen Euro kosten. Die geplante Kleinserie von zehn Exemplaren ist bereits verkauft, sagt Chenqunyi und liefert einen weiteren Grund für den Erfolg der PS-Branche in China: "Auf so einem großen Markt gibt es für jede Kuriosität genügend Kunden."
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