Skigebiet Livigno
Paradies für Freerider

Einkehren mit einer traumhaften Aussicht: Mitten zwischen den Pisten von Mottolino thront die Hütte Camanel di Planon. Bilder: Eger (5)
 
Ein Mountainbike mit fetten Reifen, da macht das Radeln auch im Winter Spaß.

Noch vor einem halben Jahrhundert ist der italienische Skiort im Winter nicht erreichbar. Das ändert sich erst mit dem Bau des Munt-La-Schera-Tunnels 1964. Seitdem geht es in Livigno ständig bergauf. Skifahrer, Snowboarder und vor allem Freerider kommen gerne in die Gemeinde auf 1800 Metern Meereshöhe, die zudem ein steuerfreies Einkaufsparadies ist.

Es ist der 6. Dezember 1944. Schon seit Tagen schneit es unaufhörlich. Aus den Fenstern im Erdgeschoss der einfachen Bauernhäuser kann man nicht mehr herausschauen, als Menia Silvestri auf die Welt kommt. "Der Schnee reichte damals bis zum Hals der Pferde, hat mir meine Mutter immer wieder erzählt", erinnert sich die 71-Jährige. Als Menia heranwächst ist in all den Jahren immer wieder tiefster Winter auf dem norditalienischen Hochplateau. Auch Domenico Bormolini (84) kennt es nicht anders. "Es gab wochenlang immer das Gleiche zu essen. Wir konnten ja nicht raus aus dem Ort." Monate waren die 1000 Bewohner von Livigno von der Außenwelt abgeschnitten und mussten so manche Entbehrung auf sich nehmen.

Januar 2016: Auf 1800 Metern geht Skifahren und Snowboarden gut. Ohne die Schnee-Erzeuger würde das anders aussehen. Freerider hingegen müssen momentan (noch) auf den Spaß im Tiefschnee verzichten. Selbst auf 2800 Metern Höhe ist nicht daran zu denken, abseits der Pisten zu fahren. Trotzdem ist Fabiano Monti, Wissenschaftler am Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, jeden Morgen unterwegs.

Jeden Tag unterwegs


"Um 5.30 Uhr beginnt der Tag", berichtet der 34-Jährige Meteorologe. Nach einer Inspektion vor Ort werden die gesammelten Daten mit modernster Technik ausgewertet und aufbereitet. Das Livigno-Freeride-Projekt sucht in Europa seinesgleichen. "Sicherheit ist extrem wichtig", erklärt Freeride-Experte Monti. Seinen Bericht über Schneesituation, Lawinengefahr und Lawinenentwicklung gibt es in allen Unterkünften in Livigno, und auch die Monitore im Skigebiet informieren über die aktuelle Lage. An Check-Boxen können die Freerider ihre Lawinenpiepser zudem auf Funktion testen. "Ich möchte den Leuten das Freeriden vermitteln und schmackhaft machen", sagt der 34-Jährige. "Wir stellen die bestmöglichen Informationen zur Verfügung und erklären den Leuten, wie sie diese nutzen können. Dann ist aber jeder für sich selbst verantwortlich und muss entscheiden, ob er dort runterfährt oder nicht. Wenn sich jemand unsicher fühlt, sollte er immer einen Bergführer mit ins Gelände nehmen."

Anders als in vielen Skigebieten sonst, sind die Abseits-der-Pisten-Fahrer in dem italienischen Skiort willkommen. Luca Moretti, der Tourismuschef des Ortes, früher Skirennläufer, ist stolz auf das Projekt. "Wir haben eigens dafür einige Strecken freigegeben, die wie im Gebiet Mottolino, auch mit dem Lift erreichbar und für Einsteiger bestens geeignet sind", weiß Moretti, der immer auf der Suche nach Neuem für seinen Ort ist. So ist der 36-Jährige ein Fan der Mountainbikes mit den extrem breiten Reifen. 40 Kilometer Strecken gibt es schon für die Fatbike-Fahrer. "Das ist sehr beliebt", erklärt Moretti, "und eine willkommene Abwechslung für die Skifahrer und Snowboarder." Eine andere Art von Abwechslung ist in Livigno das Shoppen. Denn in 250 Geschäften kann steuerfrei eingekauft werden. Die Zollerleichterungen gehen auf das Jahr 1865 zurück. Ausschlaggebend dafür war die geografische Isolation des Dorfes in der Lombardei, das selbst in schneefreien Monaten schwer erreichbar war. Die arme Bevölkerung sollte nicht mit Zollabgaben für die aus der Schweiz eingeführten Waren belastet werden.

Ekstatische Freerider


In Livigno sollte also, auch bei wenig Schnee, für Abwechslung gesorgt sein. Aber vielleicht sieht es in der Zukunft schon wieder ganz anders aus, und irgendwann erinnern sich die Leute an Zeiten, in denen der Schnee bis an die Fenster der Häuser reichte und Freerider ekstatisch ihre Spuren in die tief verschneiten Hänge zogen.

Ich möchte den Leuten das Freeriden vermitteln und schmackhaft machen.Fabiano Monti, Wissenschaftler am Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. In Livigno ist er zuständig für das Freeride-Projekt

Livigno-InfosDie Anreise im Winter nach Livigno (1816 Meter) muss gut geplant werden. Zunächst einmal sind Buchungen fast nur von Samstag bis Samstag möglich, bis auf ganz wenige Ausnahmen. Erreichbar ist der italienische Wintersportort in dieser Zeit ausschließlich über den knapp 3,5 Kilometer langen Munt-La-Schera-Tunnel, der im Besitz der Schweizer ist. Und die lassen sich die Einreise einiges kosten.

Die Hin- und Rückfahrt kostet von Sonntag bis Freitag 35 Euro (nachts von 20 bis 8 Uhr 37 Euro), an den Samstagen tagsüber 42, nachts 44 Euro. Zudem ist von 5. Dezember bis zum 16. April an Samstagen die Ausreise nur von 5 bis 9 Uhr möglich, die Einreise von 11 bis 17 Uhr, da der Tunnel nur einspurig befahrbar ist.

Wer diese Hürde genommen hat, findet in Livigno beste Möglichkeiten vor zum Skifahren, Snowboarden, Langlaufen (40 Kilometer), Fatbiken, Freeriden und sogar zum Heliskiing . 115 Kilometer Pisten gibt es von 1800 bis auf 2800 Meter. Die Skipasspreise sind annähernd so wie überall in den Alpen. Die Tageskarte kostet in der Hauptsaison 44,50 Euro.

Eine Besonderheit ist das steuerfreie Einkaufen in Livigno. 250 Sportläden, Boutiquen, Parfümerien, Elektronikshops und Uhrengeschäfte haben da so manches Schnäppchen in der kilometerlangen Fußgängerzone im Sortiment.
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