Tin Lizzie: Modell T von Ford steht bei Robert Pilz in Weihenhamer
"Lizzie" lernt wieder laufen

Das Ford Modell T - auch unter den Namen "Tin Lizzie" oder "Blechliesel" bekannt - ist das erste serienproduzierte Auto der Welt. Ein Exemplar des fast 90 Jahre alten Autos steht in Weiherhammer. Bis 1972 war das Modell das meistverkaufte Automobil der Welt. Erst der VW Käfer hat ihm den Titel streitig gemacht. Bild: esc

Sie ist groß, schwarz, ihr Fahrgestell legendär. Für ihre knapp 90 Jahre sieht sie blendend aus. Ihr Spitzname: "Blechliesel", besser bekannt unter "Tin Lizzie". Das Modell T von Ford war das erste serienmäßig hergestellte Auto der Welt. Heute existiert noch etwa ein Prozent aller gefertigten Exemplare. Eines davon steht in Weiherhammer.

Weiherhammer. Robert Pilz ist stolz: In seiner Einfahrt steht seit kurzem das Auto, das er vor etwa 25 Jahren gekauft hat: die "Tin Lizzie". So oft es geht, schraubt der gebürtige Engländer an dem Oldtimer rum. Dabei legt er Wert darauf, dass wirklich alles im Originalzustand bleibt. Das einzige Teil, das nicht mehr zur Originalausstattung gehört, ist der Rückspiegel. "Den habe ich selbst eingebaut, weil keiner mehr drin war", erzählt er. "Die Halterung ist aber noch die alte." Für die Sitze hat er noch den letzten Ballen Original-Stoff erwischt. Ein amerikanischer Polsterer hat ihm die Sitze aufgepolstert und mit dem grau-grün gestreiften Stoff bezogen.

Aus USA nach Deutschland

Der 63-Jährige war aus beruflichen Gründen schon fast auf der ganzen Welt: Er ist Senior Project Manager bei Siemens in Nürnberg. Vor 25 Jahren war er in Amerika und entdeckte in Michigan das Ford Modell T. "Es stand auf einem Pritschenwagen", erinnert er sich. Dessen Besitzer Larry hatte es von seinem Urgroßvater geerbt. "Ich hab' ihn gefragt: ,Was machst du damit?' Und seine Antwort war: ,Ich verkauf's.'" Larry wollte damals 6000 Dollar für den Wagen, für Tausend weniger hätte er ihn an Pilz verkauft. Der aber überwies an den Amerikaner den ursprünglichen Preis - einzige Bedingung: Larry sollte dafür sorgen, dass der Ford von Michigan nach Baltimore im US-Bundesstaat Maryland an der Ostküste Amerikas kommt. Von da aus verschiffte der neue Besitzer das Modell T nach Bremerhaven.

Die Fahrt verzögerte sich

Für den Weg von Michigan nach Baltimore sollte der Ford in einem geschlossenen Container auf einem Lkw transportiert werden. Weil das aber leider nicht klappte, verzögerte sich die Fahrt um ein Vierteljahr. "Die Überfahrt mit dem Schiff dauerte etwa zehn Tage", erinnert sich Pilz. Aus der deutschen Hafenstadt holte er sich dann sein Auto ab, beim Zoll waren etwa 400 bis 500 D-Mark fällig. Von Norddeutschland ging es nach Karlsruhe, wo Pilz zu dieser Zeit lebte. Zuerst musste er das Auto von Lehm, der typisch für Michigan ist, befreien. "Sieben Jahre habe ich das Auto restauriert", erzählt er. "Ich habe jedes Teil sauber gemacht und alles auseinandergeschraubt." Ob beim Zusammenbau ein Teil übriggeblieben ist? "Nein", lacht der Diplomingenieur. "Meine Kinder waren damals ganz klein und haben aus Hipp-Gläschen gegessen. In die leeren habe ich die Teile mit einem Zettel rein."

Kutsche oder Auto?

Bis vor kurzem stand der Wagen noch in Karlsruhe, seit ein paar Wochen ist er in Weiherhammer. Dort lebt der "Europäer", wie er sich selbst bezeichnet, mit seiner Lebensgefährtin in einem Haus. Die Garage haben sie extra so bauen lassen, dass die "Tin Lizzie" hineinpasst. Ihre Form erinnert stark an eine Kutsche. Kein Wunder - der Hersteller orientierte sich wohl am Vorgänger des Autos. Mit dem Fahrwerk des ersten serienproduzierten Wagens der Welt konnten auch schlechte Wege und sogar Furten befahren werden.

Das Auto fährt nicht

"Alles funktioniert", erzählt Pilz. "Aber es fährt nicht, weil der Vergaser Luft zieht." Befreundete Nachbarn helfen ihm, das Auto zum Laufen zu bringen. "Zwei Hände sind einfach nicht genug." Ansonsten weiß der Brite sich selbst zu helfen. "Das ist einfachste Fahrrad-Technik." Der Leiterrahmen des Modell T besteht aus vernieteten U-Stahlprofilen. Die mit Blech beplankte Karosserie ist auf einem Holzgerüst befestigt. "Das ist Hickory-Holz", erklärt Pilz. Auf 100 Kilometer verbraucht "Tin Lizzie" etwa 11 bis 18 Liter Benzin, bei 18 bis 22 PS erreicht der Wagen eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde.

Kein klassischer TÜV

Noch hat die "Blechliesel" ein Karlsruher Kennzeichen, Pilz möchte es aber in ein Neustädter eintauschen. "Ich muss noch auf den Fahrzeugbrief warten", sagt er. Um den zu bekommen, hat er das Fahrtenbuch, in das er akribisch alle seine Touren mit "Lizzie" eintragen musste, nach Karlsruhe geschickt. Sobald der Fahrzeugbrief da ist, will er sich ein "NEW"-Kennzeichen holen. Um durch den TÜV zu kommen, seien heute Originalteile viel wichtiger geworden. Deswegen gibt es für das Modell T und andere Oldtimer keinen klassischen TÜV, sondern andere Regeln.

LIzzie als Brautauto

Ob er seine fast 90-jährigen Dame auch verleiht? "Das geht nicht", sagt er lächelnd. "Man braucht eine Fahreinweisung, weil die Pedale und der Gang anders angeordnet sind." Drei Fußhebel befinden sich auf der Fahrerseite: links für den langsamen Gang, in der Mitte der Rückwärtsgang und rechts die Bremse. Der Hebel links neben dem Lenkrad ist Handbremse und Gangschaltung zugleich. "Das ist die Klimaanlage", lacht Pilz und öffnet das obere Drittel der Frontscheibe. Spätestens nächstes Jahr soll das Ford Modell T wieder laufen - dann heiratet Pilz' Tochter. "Lizzie" soll dann das Brautpaar kutschieren.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.