Auf Entdeckungstour in wildromantischer und unberührter Landschaft
Mit dem Rucksack in der Toskana

Gelegentlich eröffnen sich Blicke auf die Landschaft: Weinberge, Olivenhaine, Berge und Hügel mit Mischwäldern. Eine Wohltat fürs Auge. Bilder: hou (5)

Es ist die Begegnung mit einer Landschaft, die sich in wilder Schönheit präsentiert. Unberührt, in bunten Farben, bei denen das Grün in allen Nuancen dominiert. Dabei wird deulich: Die Toskana hat bemerkenswerte Facetten, die es zu entdecken gilt.

Drunten im Tal bei Castiglion Fibocchi ist auf dem Hof des Weingutes La Vialla der Tisch gedeckt. Käse, Salami, Weißbrot. Eine köstliche Brotzeit auf italienisch. Doch wer sie einnimmt, sollte sich diese Köstlichkeiten bei einer Wanderung verdienen. Sie führt steil hinauf in die Berge und zeigt Gegensätze auf: Tief im Tal in 20 Kilometern Entfernung liegt die historisch bedeutsame 100 000-Einwohner-Stadt Arezzo, die durch ihre mittelalterlichen Ritterspiele ebenso bekannt geworden ist wie als Mittelpunkt für den Antiquitätenhandel.

Droben in 600 Metern Höhe ein völlig anderes und neues Bild von der Toskana. Stille, Einsamkeit, dschungelartig verflochtener Mischwald beidseits des einst mit wohl großen Anstrengungen geschaffenen Weges. Wildschweine hausen dort, Trüffel gedeihen im Erdreich unter Laubbäumen.

Fein restauriert


Der Pfad ist schmal. "Eignet sich nur bedingt für Autos", hat man uns gesagt. Doch wer wollte das schon ausprobieren? Mitunter tun es Urlauber, die hinauf wollen in die 14 uralten Landhäuser, die es da oben weit verstreut in fein restaurierter Form gibt. Dazu bekommen sie aus dem Fuhrpark von La Vialla Fahrzeuge zur Verfügung gestellt, die auf der Unterseite so leicht nicht anschrammen, wenn wieder einmal Felsgestein aus dem Boden ragt oder der Regen für schlammige und tiefe Pfützen gesorgt hat.



Rucksack und feste Schuhe stellen die bessere Lösung dar. Drei Stunden dauert es schon, bis die Serpentinen genommen und bewältigt sind. Mitunter wird jeder Meter beschwerlich. Doch der Wanderer erhält Belohnungen. Denn das bisweilen bizarr und wild anmutende Gebiet, das er durchschreitet, ja fast schon erobert, ist ein Stück Italien, das fernab vom Touristentrubel neue Perspektiven eröffnet.

In der Bergregion wird nichts verändert. Wenn der Sturm Stämme knickt, bleiben sie liegen und werden von großflächigen Pilzgeflechten überwuchert. Felsbrocken haben sich irgendwann gelöst, sind beim Aufprall in Tausende kleiner Teile zersprungen und geben, wenn die Suche des Wanderes vom Glück begleitet ist, Versteinerungen frei. Am Ende des Frühjahrs blüht der Ginster. Millionen gelber Blüten setzen dann Kontraste zum Grün der Baum- und Buschblätter.

Wie aus dem Bilderbuch


Nach der nächsten von unzähligen Biegungen gibt es eine unverhoffte Begegnung. Der Wald endet, satte Wiesen ziehen sich den Hang hinab. Idealer Futterplatz für eine Schafherde, die man dort nie vermutet hätte. Weideplätze wie aus dem Bilderbuch. Wie geschaffen, um Milch für den toskanischen Pecorino-Käse zu erzeugen. Aber man fragt sich: Wie kommt der Transporter hier herauf?



Es gibt noch mehr Überraschungen bei dieser Tour. Ganz droben auf dem sich weit hinziehenden Plateau des Gipfels fällt der Blick auf ein kleines Gebäude, von dessen Dach aus sich ein Glockenturm erhebt. Wer hinein möchte, muss sich vorher den Schlüssel auf La Vialla geben lassen. Das schwere Teil wiegt ein gutes Pfund, dringt sperrig in das klobige Schloss. Erst der dritte Versuch öffnet die Holztür. Sie knarrt in den Angeln. Dann herrscht für einen Moment atemlose Stille.

In die Steinquadern der Mauern sind eher winzige Lichtscharten gehauen. Sie lassen nur wenige Sonnenstrahlen herein und machen den Schein einer mitgebrachten Taschenlampe notwendig. Sie ermöglicht es, dass sich Menschenaugen notdürftig orientieren können. Ein Altar aus zentnerschwerer Steinplatte, gleich daneben ein Stein, dem sich die Jahreszahl 715 entnehmen lässt.



Drunten im Tal hat man uns gesagt, dass schon die Etrusker den nur 25 Meter langen Bau als Kultstätte nutzten. Später wurde er zur Kirche, in dem bisweilen auch heute noch Trauungen stattfinden. Die Zahl der Gäste darf allerdings nicht sonderlich groß sein. Denn auf den hölzernen Bänken haben gerade einmal 80 Leute Platz. Aber wie kommen diese Menschen in vermutlich feiner Kleidung an diesen abgelegenen Ort?

Der Weg zurück ist begleitet von Diskussionen. Was hat diese Liegenschaft hoch über Arezzo erlebt? Wer errichtete den Bau? Warum steht er dort droben? Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Gleichwohl aber steht fest: Die Toskana ist eine Entdeckerreise wert.

Darin eingeschlossen ist auch der Bergsee, der den Wanderer auf seinem Rückweg einlädt zur Rast und zum Verweilen. Von Bächen gespeist, eiskalt das Wasser. An seinen Ufern blühen Wiesenblumen, die sich in ihrer bunten Pracht zum dominierenden Gelb der Ginsterbüsche genial ergänzen. Wie auf der Palette eines Malers, der dieses zeitlose Kunstwerk erschaffen haben könnte.




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