Die Straßenkinder aus der Papageiensiedlung

Die ersten Häuser für VAW-Mitarbeiter waren Mitte der 1930er Jahre in Schwandorf gebaut worden. Bild: hfz
 
1983 fand das erste „Straßentreffen“ in Schwandorf statt. Bild: hfz
 
In den 1950er Jahren organisierten die Vereinigten Aluminium-Werke regelmäßig Kinderfeste für den Nachwuchs der Belegschaft. Bild: hfz
 
Rauf auf die Teppichstange - die Mädels der VAW-Siedlung Mitte der 1950er Jahre. Bild: hfz

Das erste Mal sahen sie sich 1983 wieder. Dann 1993 und 2003. Schließlich 2006, 2009, 2012. Und auch am 26. September 2015 kamen sie zum „Straßentreffen“ – die ehemaligen Kinder aus der „VAW-Siedlung“ in Schwandorf. Das in der Kindheit und Jugend geknüpfte Band ist noch nach sieben Jahrzehnten nicht zerrissen. Und das, obwohl die einstigen Spielkameraden inzwischen über ganz Deutschland verstreut sind.

Von Gabriele Weiß

Doch eine findet sie alle: Evi Bauer (geborene Becher), Jahrgang 1944, ist immer in ihrer Heimatstadt geblieben. Noch heute wohnt sie nicht weit vom Ort ihrer Kindheitsabenteuer entfernt am Schwandorfer „Hochrain“. Seit den 1980-er Jahren organisiert Bauer die regelmäßigen Treffen in der Oberpfälzer Großen Kreisstadt. Rund 40 Einladungen verschickt sie dafür jeweils.

Stolz zeigt sie die Antwortbriefe, die sie jedes Mal aus der gesamten Republik erhält. „Etwa die Hälfte der Eingeladenen kommt“, berichtet die agile Frau, die ihre Gäste einfach „Straßenkinder“ nennt. Deren Eltern arbeiteten einst für die Vereinigten Aluminium-Werke (VAW) in Dachelhofen nahe Schwandorf. Die „Straßenkinder“ selbst schlugen später sehr unterschiedliche Wege ein. Doch ob die ehemaligen Spielkameraden heute einen Doktortitel tragen oder einfache Arbeiter geworden sind, das sei noch nie ein Thema gewesen, berichtet Bauer. Ganz im Gegenteil: „Immer wieder bekomme ich gesagt, dass es alle geradezu genießen, sich so ungezwungen miteinander unterhalten zu können. Wer was geworden ist – keiner fragt danach.“ Das sei das Schönste an den Treffen, findet Bauer: Man kommuniziere auf Augenhöhe – ganz wie vor Jahrzehnten, als man miteinander auf der Straße spielte. Dabei waren auch in der Nachkriegszeit nicht alle „gleich“. Wuchsen die einen als Direktorenkinder auf, so wurden andere bei alleinerziehenden Müttern groß. Einheimische trafen auf Heimatvertriebene und Flüchtlinge, Katholiken auf Protestanten. Und längst nicht allen Erwachsenen gefiel es, wenn ihre heranwachsenden Söhne und Töchter mit unehelich Geborenen oder „Besatzungskindern“ Umgang pflegten. Doch zwischen den Buben und Mädchen selbst spielte die Herkunft keine Rolle: „Es ist wirklich niemand ausgegrenzt worden“, erinnert sich Gina Winter (geborene Görtz). Auch sie ist Jahrgang 1944 und lebt noch immer in ihrer Geburtsstadt Schwandorf.

Ihr Vater, der erst heuer im Alter von 97 Jahren verstorben ist, stammte hingegen aus Düsseldorf. Der Zweite Weltkrieg brachte Alfons Görtz in die Oberpfalz: Als Wehrmachtssoldat lag er in Schwandorf im Lazarett. Dort lernte Görtz Winters Mutter kennen. Die Oberpfälzerin und der Rheinländer heirateten und zogen in die „Papageiensiedlung“ der VAW. „Die hieß so, weil jedes Haus in einer anderen Farbe gestrichen war“, erzählt Winter.

Die 1917 während des Ersten Weltkriegs in Berlin gegründeten „Vereinigten Aluminiumwerke“ hatten 1936 in Dachelhofen bei Schwandorf mit dem Bau einer Produktionsstätte für Tonerde begonnen. Bereits 1937 ging das „Nabwerk“ in Betrieb. Denn die Nationalsozialisten wollten die Leichtmetall- und damit die kriegswichtige Flugzeugindustrie ausbauen. Dafür wurde das Aluminiumerz Bauxit über die Donau aus jugoslawischen und ungarischen Abbaugebieten nach Regensburg verschifft und dort auf Waggons verladen. Die Bahn brachte den Rohstoff nach Dachelhofen, wo bereits seit 1930 ein Kraftwerk aus der Braunkohle des nahe gelegenen „Oberpfälzer Reviers“ Strom erzeugte – ein günstiger Standortfaktor für die energieintensive Produktion von Aluminiumoxid (Tonerde).

Die arme Region in der bayerischen „Ostmark“ hatte neue Industrieansiedlungen damals bitter nötig. Arbeitskräfte, die im Schichtdienst die Waggons entluden, gab es in und um Schwandorf genug – technisches Knowhow hingegen musste anfangs „importiert“ werden. Dieses Personal kam daher zunächst aus dem VAW-Mutterwerk Lauta in der damaligen Oberlausitz (heute Niederlausitz/Sachsen). Für die neu zugezogenen „Preußen“ wurden parallel zum Bau der Fabrik bereits im Jahre 1936 Wohnhäuser in der Schwan- dorfer Wöhlerstraße errichtet: Die besagte „Papageiensiedlung“ entstand.

Nach dem Krieg blieb die Lage auf dem Wohnungsmarkt angespannt. Schwandorf war am 17. April 1945 schwer bombardiert worden, viele Gebäude lagen in Schutt und Asche. Trotzdem suchten Flüchtlinge und Vertriebene eine neue Heimat in der Stadt. Angemessener Wohnraum fehlte – einige Familien lebten deshalb auch in der VAW-Siedlung zunächst in Holz-Baracken. „Die Leute haben sich dann halt um eine Werkswohnung beworben, wenn wieder eine frei wurde“, erinnert sich Bauer. Das Leben der Kinder spielte sich in den Nachkriegsjahren ohnehin hauptsächlich auf der Straße ab. Wo heute Riesentrampoline, Schaukel-Rutsche-Kombinationen, Sandkästen, aufblasbare Pools und Fußballtore in den Gärten stehen, fanden sich in den 1950-er Jahren allenfalls Teppichstangen – und wurden für Turnübungen genutzt. Bauer erinnert sich: „Wenn ich von der Schule heimgekommen bin, hab ich so schnell es ging meine Hausaufgaben gemacht. Und dann habe ich schon bei den anderen geläutet und gefragt, ob sie auch fertig sind.“

Die Straße, der nahe Wald, die Wiesen und Äcker rundum boten Platz genug für allerhand Abenteuer. „Die Größeren waren damals oft im ,Flak-Hölzl’“, erinnert sich Bauer. „Dort gab es noch Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg.“ Die Jüngeren versteckten sich im Sommer gern in „Kornmanndln“. Doch auch im Winter verbrachten die Kinder und Jugendlichen viel Zeit im Freien. Sie rodelten, bauten Schneeburgen oder lieferten sich Schneeballschlachten. Die aus Breslau stammende Ulrike Merl (geborene Troche), Jahrgang 1938, erzählt: „Meine Freundin Gretel Potrafke wollte mit mir auf dem Weiher Eis laufen, dabei hatte ich doch gar keine Schlittschuhe. Da kam sie auf die Idee, mir ihre Rollschuhe zu leihen.“ Die Rutschpartie endete rasch auf dem Hosenboden.

Doch gab es für die Kinder und Teenager regelmäßig auch eine betrieblich „organisierte“ Freizeit. Die VAW-Leitung richtete Tanzveranstaltungen, Theateraufführungen, Lampionzüge, Kinderfeste und Weihnachtsfeiern aus. Daran erinnern sich die „Straßenkinder“ noch heute gern. „Als Weihnachtsaktion haben wir Kinder einmal Schokolade bekommen“, berichtet Winter. Die Direktorengattin höchstpersönlich bat in ihr Wohnzimmer, spielte Klavier und studierte mit den Mädchen Tänze ein. „Unter dem Tisch haben sich die Buben versteckt, uns heimlich beobachtet und ausgelacht“, erzählt Merl. Davon hat sie allerdings erst Jahrzehnte später bei einem Straßentreffen erfahren.

Die VAW versuchten nicht zuletzt auf diese Weise, ihre Mitarbeiter im Wirtschaftsboom der Nachkriegsjahre an sich zu binden. Es sollte aber auch ein reibungsloser Produktionsablauf des Schichtbetriebs sicher gestellt werden. Das Personal, das zum Teil bis aus der Region Neunburg vorm Wald mit dem Zug zur Arbeit kam, sollte in unmittelbarer Nähe zur Tonerdefabrik ansässig werden. Die Idee war nicht neu: Bereits unter nationalsozialistischer Herrschaft waren Siedlungshäuschen gebaut worden. Diese waren jedoch noch einige Kilometer vom Nabwerk entfernt auf dem Schwandorfer Weinberg entstanden.

In der Nachkriegszeit griff die VAW-Leitung das Siedlungsprojekt wieder auf und baute für ausgewählte Belegschaftsmitglieder günstige Eigenheime in Werksnähe. Innerhalb weniger Jahre wuchs in Dachelhofen die „Tratlohsiedlung“ mit 51 Häusern und 78 Wohnungen aus dem Nichts. VAW-Direktor Friedrich Wilhelm Wrigge, ein promovierter Chemiker, griff dafür höchstpersönlich zur Schaufel. Bei jedem einzelnen Haus soll er mit angepackt haben, erzählt man sich noch heute. Generell sei der Zusammenhalt der Menschen damals viel größer gewesen, berichten die ehemaligen „Straßenkinder“: „Jeder half jedem, auch beim Hausbau“, betont Bauer. Das ehemalige Pfarrdorf Dachelhofen profitierte ebenfalls – öffentliche Gebäude wie Schule, Kirche und Rathaus entstanden damals neu im Ort.

Doch längst nicht alle Beschäftigten der VAW blieben dauerhaft in Schwandorf: „Viele sind weggegangen, weil sie an andere Standorte versetzt wurden.“ Bauer schickte ihre Einladungen zum Straßentreffen heuer unter anderem nach Hamburg, Rodgau und Frankfurt-Höchst, Koblenz, in den Schwarzwald, die Region Erlangen oder an den Chiemsee. Dieter Kallenbach zum Beispiel reist aus Neuss am Rhein an. Immer wieder gerne: „Mir hat es in Schwandorf sehr gut gefallen“, sagt der 70-Jährige mit der Nachkriegsvita: Seine Eltern stammten aus Schlesien, zogen jedoch noch vor Kriegsende nach Braunau am Inn. Dort wurde Kallenbach 1945 geboren. Nach der Ausweisung landete die vierköpfige Familie zunächst im oberfränkischen Kulmbach.

1949 bekam Kallenbachs Vater Arbeit im Oberpfälzer Nabwerk der VAW. Die Familie zog abermals um und wohnte schließlich in der Schwandorfer Heinrich-Heine-Straße. Kallenbachs älterer Bruder Achim, der ebenfalls bei der VAW beschäftigt war, wurde Anfang der 1950er Jahre nach Bonn versetzt; der Vater wechselte 1958 ins VAW-Werk Pocking. 1965, nach dem Tod des Vaters, zogen Dieter Kallenbach und seine Mutter nach Neuss.

Kallenbach nutzt die Straßentreffen, um alte Erinnerungen an seine langjährige Heimat aufzufrischen. „Mir hat es in Schwandorf sehr gut gefallen“, betont der heutige Rheinländer. Schon sein Vater war ein begeisterter Fotograf und hat die Stadt in unzähligen Bildern festgehalten. Sohn Dieter versucht nun, die Motive aus heutiger Sicht abzulichten. Viele seiner Aufnahmen stellt er ins Internet: „Über Facebook habe ich einen Überblick, was in Schwandorf so alles passiert und wie fleißig der Bürgermeister ist,“ sagt Kallenbach.

Weil viele der einstigen Schwandorfer „Straßenkinder“ so weit entfernt leben, versucht Organisatorin Bauer, bei den Treffen immer auch ein wenig „Heimatgeschichte“ zu vermitteln. In den Anfangsjahren stand sogar eine Sonderfahrt mit dem „Bahnbus“ auf dem Programm. Am Steuer: Rudolf Feller, der ebenfalls in der VAW-Siedlung groß geworden war. „Im Schritttempo ging’s durch die Heinrich-Heine-Straße“, erinnert sich Bauer: „Alle haben ganz wild am Fenster rumgedeutet und erzählt.“ 2015 übernimmt Fellers Sohn Andreas die Rolle des „Reiseführers“. Statt einer Bustour gibt es einen Rundgang durchs Schwandorfer Rathaus – schließlich leitet Andreas Feller seit 2014 als Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt. Zum Abschluss des Rathaus-Sightseeings bittet der OB seine Gäste in den großen Sitzungssaal und berichtet, wo die Große Kreisstadt im Jahre 2015 steht. Die einstigen „Straßenkinder“ sind interessiert und haken nach – wie viele Flüchtlinge hat die Stadt aktuell aufgenommen, wie geht es der Wirtschaft?

Nach der Rathaus-Tour verschnaufen die „Straßenkinder“ zunächst in einem Café am Schwandorfer Marktplatz. Es wird geratscht, gefrotzelt, gelacht. Organisatorin Evi Bauer sitzt mit ihren Jugendfreundinnen Gina und Susi, die schon lange in Hessen lebt, an einem Tisch. Man tauscht Erinnerungen an Kindheitsabenteuer aus. Gina Winter freut sich über das Wiedersehen mit der alten Freundin und sagt: „Es ist schon immer wieder schön. Auch wenn man die Leute anschaut und sich dann denkt, oh je, sind wir alle alt geworden.“