100 Jahre "Hölle Verdun"
"Es ist ein Feuersturm"

Eine Gruppe deutscher Soldaten, die während der großen Offensive im April 1918 an der Westfront in britische Kriegsgefangenschaft gerieten. Die Bilanz des mit der Niederlage der Mittelmächte 1918 beendeten Weltkriegs: rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste. Bild: dpa (3)
 
Die künstlerische Darstellung eines sterbenden Boten steht in der neugestalteten Gedenkstätte von Verdun.
 
Auf den Überresten des Fort de Douaumont bei Verdun wehen die Fahnen Deutschlands, Frankreichs und der EU.

Zehn Monate lang rangen Deutsche und Franzosen 1916 um Verdun - ein brutales Blutvergießen, das sich in beiden Ländern ins Gedächtnis gebrannt hat. Zum 100. Jahrestag stehen am einstigen Schlachtfeld die gemeinsamen Erfahrungen im Fokus.

Von Sebastian Kunigkeit, dpa

Am frühen Morgen bricht das Inferno los. Aus mehr als 1200 Geschützen feuern die deutschen Truppen auf die französischen Stellungen nördlich von Verdun, stundenlang, bis zum späten Nachmittag fallen mehr als eine Million Granaten. "Das hatte man noch nie gesehen, es ist ein Feuersturm", sagt Édith Desrousseaux de Medrano, Kuratorin der Gedenkstätte von Verdun. Das Blutbad sollte 300 Tage dauern, 300 000 Soldaten auf beiden Seiten starben, 400 000 wurden verwundet. Am Sonntag (21. Februar) jährt sich der Beginn der bekanntesten Schlacht des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal.

In der komplett umgestalteten Schlachtfeld-Gedenkstätte wird zu diesem Anlass eine "kleine Revolution" angekündigt: Künftig spielen im Mémorial de Verdun auch die Erlebnisse deutscher Soldaten eine zentrale Rolle. Die Neueröffnung der Dauerausstellung unterstreicht, dass Verdun über die Jahre auch zu einem Bezugspunkt der deutsch-französischen Aussöhnung geworden ist: Verkörpert von Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident François Mitterrand, die sich 1984 über den Gräbern von Verdun die Hand reichten.


___ Keine große Bedeutung
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Verdun sei die symbolträchtigste Schlacht des Ersten Weltkrieges, sagt Mémorial-Direktor Thierry Hubscher. Diese herausragende Stellung ist nicht auf den ersten Blick zu verstehen. Sie war weder die blutigste Schlacht des Konflikts, noch hatte sie nach Ansicht von Historikern große Bedeutung für den Kriegsverlauf. Die Deutschen konnten zunächst das wichtige Fort von Douaumont einnehmen, in heftigen Kämpfen rückten sie bis auf wenige Kilometer an Verdun heran. Nur geradeso hielten die Franzosen stand. Doch dann eroberten sie Stück für Stück das verlorene Terrain zurück, nach zehn Monaten verlaufen die Linien fast genauso wie zuvor.

"Es hat sich eigentlich mit Verdun gar nichts geändert", sagt der deutsche Historiker Herfried Münkler. "Aber das steht natürlich auch paradigmatisch für diesen Krieg: Stellungskrieg und Materialschlachten." In der "Hölle von Verdun" entfaltet sich auf einem kleinen Gebiet der ganze Horror der industrialisierten Kriegsführung, mit Trommelfeuer, Giftgasattacken und Flammenwerfern. Soldaten versinken im Schlamm, das von Granattrichtern übersäte Gelände gleicht einer Mondlandschaft, neun Dörfer werden ausradiert.

"Im Gedächtnis der Deutschen ist die Schlacht von Verdun zum Inbegriff der Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Ersten Weltkriegs geworden", schreibt Deutschlands Botschafter in Paris, Nikolaus Meyer-Landrut. In Frankreich wurde Verdun auch deshalb zu einem allgemeinen Bezugspunkt, weil ein großer Teil der Armee irgendwann einmal dort kämpfte. General Pétain ließ die Truppen regelmäßig austauschen, um Erschöpfung zu verhindern.


___ Qualen und Ängste
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In der für 12,5 Millionen Euro erneuerten Gedenkstätte läuft der Besucher auf Glasscheiben über Nachbildungen des schlammigen Untergrunds. Im Dämmerlicht sollen Alltagsgegenstände einen Eindruck vom Leben der Frontsoldaten vermitteln. Briefauszüge lassen ahnen, was in ihnen vorging: "Mama, warum hast du mich zur Welt gebracht?" Eine riesige, gestaffelte Videowand zeigt Filmszenen und gemalte Bilder mit Schlachtszenen, darüber ein deutsches Flugzeug. Es ist auch ein Versuch, nach dem Tod der Veteranen des Krieges trotzdem ihre Erinnerungen weiterzuvermitteln.

Kontrovers sei die stärkere Herausstellung der deutschen Soldaten nicht gewesen, sagt Mémorial-Direktor Hubscher: "Was vor 50 Jahren schwierig gewesen wäre, wird heute geradezu offensichtlich." Die Männer auf beiden Seiten hätten die gleichen Qualen und Ängste durchlitten. Historiker Münkler meint, weil in Verdun nur Deutsche und Franzosen kämpften, biete sich die Schlacht als Symbolpunkt der Umwandlung der einstigen "Erzfeindschaft" in "Erzfreundschaft" an. Auch Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef François Hollande setzen 100 Jahre danach ein Zeichen: Am 29. Mai werden sie gemeinsam auf dem früheren Schlachtfeld erwartet. "Ich weiß nicht, ob sie noch weiter gehen werden in der Verbrüderung oder im Austausch von Freundlichkeiten", sagt Thierry Hubscher lachend mit Blick auf die legendäre Geste Kohls und Mitterrands. "Aber ich denke, dass es auch etwas Symbolisches geben wird."

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Weitere Informationen:

http://memorial-verdun.fr/

HintergrundDeutschland war im Ersten Weltkrieg Anfang des Jahres 1916 in der Zwickmühle. Der Zwei-Fronten-Krieg im Westen und im Osten ließ sich auf Dauer nicht durchhalten, das gegnerische Lager verfügte langfristig über mehr Ressourcen. Generalstabschef Erich von Falkenhayn wollte mit einem Großangriff auf die Franzosen einer geplanten gemeinsamen Offensive französischer und britischer Truppen zuvorkommen. Er sei davon ausgegangen, dass Frankreich im Falle einer großen Niederlage erschöpft aufgeben und einen Separatfrieden beantragen würde, so der französische Historiker Antoine Prost.

Verdun lag damals in einem Frontbogen, auf französischer Seite waren die Eisenbahnlinien von Westen und Süden unterbrochen. Die Franzosen konnten Verstärkung daher nur über eine Straße und eine kleine Bahnlinie mit einem Meter Spurweite heranbringen. Zudem hatte das Oberkommando im August 1915 die schwere Artillerie abgezogen und an andere Frontabschnitte geschickt. "Die Forts waren leere Hüllen", sagt der Geschichtslehrer Nicolas Czubak vom Mémorial de Verdun.

In seinen nach den Krieg verfassten Memoiren schreibt Falkenhayn, dass er die Franzosen an einem symbolträchtigen Ort, den sie nicht aufgeben konnten, "Weißbluten" wollte, ihnen also möglichst hohe Verluste zufügen wollte. Dies halten Historiker inzwischen aber für eine nachträgliche Rechtfertigung nach dem Scheitern der Strategie. Prost und der deutsche Historiker Gerd Krumeich weisen darauf hin, dass Verdun für die Franzosen vor der Schlacht nicht die große symbolische Bedeutung hatte: Erst durch die Schlacht sei sie zum Sinnbild des nationalen Widerstands geworden. (dpa)
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