100 Jahre Schlacht von Verdun
Unbeschreibliches Inferno

In den letzten Kriegswochen 1918 fielen über 14 000 amerikanische Soldaten, die auf dem weitläufigen Gelände bei Montfaucon ihre letzte Ruhestätte fanden. Bilder: km (10)
 
Neue Steinkreuze und umgestaltete Außenanlagen auf dem französisch-polnischen Friedhof bei Auberive. Direkt daran grenzt ein deutscher Soldatenfriedhof an. Nur wenige Kilometer entfernt stößt man auf eine Gedenkstätte mit Toten einer russischen Freiwilligenbrigade.
 
Auf der Höhe 304 lassen die Granat-Trichter noch heute erkennen, mit welch verheerender Feuerkraft damals die Artillerie beider Seiten in die Kämpfe eingriff.
 
Waschraum im Fort Douaumont: Durch die engen und feuchten Gänge drängeln sich etwa 200 000 Besucher pro Jahr. Neben Unterkünften ist noch ein Panzerturm mit einem 155-Millimeter-Geschütz zu besichtigen.

Zwei Städte sind in der deutschen Geschichte zum Inbegriff sinnlosen Sterbens geworden: Stalingrad im Zweiten und Verdun im Ersten Weltkrieg. Das Morden in Nordfrankreich jährt sich heuer.

Vor 100 Jahren, am 21. September, setzte die Offensive an der Maas ein, im Oktober und Dezember des Jahres 1916 drängen französische Verbände die Angreifer in die Ausgangsstellungen zurück. Soweit könnte man das in nüchterner Sprache in einem Bericht der Oberkommandierenden im deutschen Feldheer lesen.

Die Realität war eine gänzlich andere. Sie lässt sich in Worte kaum fassen. Selbst heute, bei einer Fahrt durch Nordfrankreich hundert Jahre später, fallen die unzähligen Friedhöfe, Gedenkstätten und Mahnmale in einem Landstrich auf, der zum Grab für Hunderttausende werden musste. Die nackten Zahlen zuerst: 320.000 Soldaten starben auf beiden Seiten binnen weniger Monate rund um die Festung Verdun, 400.000 erlitten Verwundungen, gerieten in Gefangenschaft, gelten als vermisst.

Acht Millionen Schuss


Nun zu den Umständen, unter denen sich dieses Trauma zutrug: "Materialschlacht" heißt das verharmlosend und bedeutet unter anderem, dass die schwere Artillerie in diesen Wochen fast sechs Millionen und die Feldartillerie mehr als acht Millionen Schuss verfeuerte - ein Inferno, das die Welt noch nie gesehen hatte.

Divisionskommandeur General von Estorff schildert in seinen Erinnerungen drastisch: "Dass bewährte Offiziere vollständig mit den Nerven zusammenbrachen, war keine Seltenheit, wühlten doch die schweren Geschosse die mühsam bestatteten Leichen immer wieder aus und warfen ihre Fetzen unter die Lebenden, die unter Durst schwer litten und nichts zu essen vermochten...."

Der Krieg, der im Hurra-Stil begonnen hatte, in dem noch Kavallerie im Einsatz war und der Reiter-Attacken mit gezogenem Säbel gesehen hatte, er war 1916 zum Stellungskrieg mutiert. Geschütze waren die Hauptwaffe, dazu Maschinengewehre, die mit mörderischen Salven ganze Verbände niedermähten. Giftgas kam zum Einsatz und Flammenwerfer, die ersten Panzer verbreiteten Schrecken. Eine der Einheiten, die vor Verdun in die Schlacht geworfen wurden, war das Königlich-Bayerische 15. Infanterie-Regiment. Es zog am 23. Mai 1916 mit 3000 Man los, fünf Tage später waren 1000 Mann tot, verwundet oder vermisst. Franz Winhardt, Rekrut in der 8. Kompanie, schildert in einem Brief an zuhause: "Das Schlachtfeld ist eine schmierige, von Leichen und Unrat übersäte Lehmwüste, die von den Granaten ständig umgeformt wird. Wälder werden wegrasiert, Schluchten zu pockennarbigen Mulden zerstampft."

Kurt Tucholsky schrieb 1924 in seinem Gedicht "Vor Verdun" unter anderem:"Das ist ein Verbandsraum. Es ist ein enges Loch ... An den Wänden kleben die Schreie. Hier wurde zusammengeflickt und umwickelt, hier verröchelte, erstickte, verbrüllte und krepierte, was oben zugrunde gerichtet war ... Und die Helfer, was konnten sie tun? ... Aus blutdurchnäßten Lumpen auswickeln, was noch an Leben in ihnen stak. Das verbrannte und zerstampfte Fleisch der Kameraden mit irgendwelchen Salben und Tinkturen bepinseln und schneiden und trennen, losmeißeln und amputieren."

Dabei war Verdun eigentlich nur ein Etappenziel. Nach dem Schlieffen-Plan, benannt nach Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen, sollten die deutschen Verbände 1914 mit einer Zangenbewegung über Belgien auf Paris vorstoßen und binnen sechs Wochen die Entscheidung an der Westfront herbeiführen. Unstimmigkeiten in der Obersten Heeresleitung und Truppenabzüge an die Ostfront führten schlussendlich zum Stellungskrieg. Dessen schlimmste Ausprägung ist bis heute rund um Verdun zu sehen. Um jeden Meter Boden rangen beide Armeen, pflügten die Landschaft regelrecht um. Verdun wurde zum Inbegriff sinnlosen Massensterbens. Kilometerlange Gräben und ungezählte Granattrichter durchziehen die Landschaft, Hügel wie die Höhe "Toter Mann" schrumpften durch Sprengladungen und Beschuss um sechs Meter.

Das Schlachtfeld ist eine schmierige, von Leichen und Unrat übersäte Lehmwüste, die von den Granaten ständig umgeformt wird. Wälder werden wegrasiert, Schluchten zu pockennarbigen Mulden zerstampft.Franz Winhardt, Rekrut


Unter den Höhenzügen rund um Verdun - dem Argonner Wald - entwickelte sich ein "Krieg der Maulwürfe". Pioniere auf beiden Seiten versuchten, die gegnerischen Stellungen zu untergraben und zu sprengen. Tief in die Erde trieben sie Stollen vor und füllten sie mit tonnenschweren Ladungen. Riesige Trichter und abgetragene Hügel geben Zeugnis von diesem Wahnsinn.

Knochen beim Pflügen


Heute mahnen in diesem Kampfgebiet fast 60 deutsche und französische Soldatenfriedhöfe zum Frieden. Allein im Gebeinhaus auf dem Douaumont liegen etwa 130 000 Überreste unbekannter Toter beider Seiten. Jetzt noch finden die Bauern in der sehr landwirtschaftlich geprägten Gegend beim Pflügen Knochenreste und Munitionsteile. Neun Dörfer wurden 1916 ausradiert, heute scheint in den Ortschaften die Zeit stehengeblieben zu sein. Sie wirken menschenleer - Nordfrankreich hat wirtschaftlich den Anschluss verloren.

Die Region versucht, sich neben dem "Gedenk"-Tourismus ein Image als Wandergebiet zuzulegen. Die Gegend hat ihre Reize, durchaus vergleichbar mit dem Oberpfälzer Wald. Sanfte Hügel, von Baum- und Buschreihen durchzogen, laden zu Streifzügen ein, die Kathedralen von Reims (Krönungsstätte der französischen Könige), oder Laon, mit deren Bau bereits Mitte des 12. Jahrhunderts begonnen wurde,lassen sich bequem anfahren.

VolkstrauertagDas Gedenken am Volkstrauertag gilt den Opfern von Krieg und Gewalt weltweit:

- Den Soldaten, die in beiden Weltkriegen gefallen, ihren Verwundungen erlegen, in Gefangenschaft verstorben oder vermisst sind. In diesem Jahr wird besonders derer gedacht, die von 100 Jahren im Ersten Weltkrieg bei dem Gemetzel bei der Schlacht um Verdun umkamen.
- Den Männern, Frauen und Kindern aller Völker, die durch Kriegshandlungen ihr Leben lassen mussten.
- All denen, die im Widerstand, ihrer Überzeugung willen oder wegen ihres Glaubens Opfer von Gewaltherrschaft wurden.
- All jenen, die auf der Flucht oder bei der Vertreibung aus der Heimat und im Zuge der Teilung Deutschlands und Europas ihr Leben verloren.
- Aller Bundeswehrsoldaten und anderer Einsatzkräfte, die in Ausübung des Dienstes das Leben ließen.

In die Trauer eingeschlossen sind die Toten der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage und die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung.

(Auszug aus einem Text des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Volkstrauertag 2016)


Verdun im Spiegel der GeschichteDie Stadt an der Maas und die nähere Umgebung haben in der Geschichte deutliche Spuren hinterlassen. Historiker sehen in dem im Jahr 843 geschlossenen "Vertrag von Verdun" die Geburtsstunde von Frankreich und Deutschland. Damals wurde das Frankenreich Karls des Großen unter seinen drei Enkeln geteilt. Karl der Kahle erhielt das Westfrankenreich, Ludwig der Deutsche das Ostfrankenreich, Lothar das Mittelreich. Mit dem Tode Lothars 855 erlosch das Mittelreich.

1552 sichert sich Heinrich II., König von Frankreich, durch einen Vertrag mit protestantischen Fürsten den Zugriff auf die Reichsstädte Verdun und Metz und lässt sie besetzen. Mit dem Frieden von Münster und Osnabrück 1648 zum Ende des Dreißigjährigen Krieges gehen diese Gebiete an Frankreich.

In Varennes scheiterte 1791 die Flucht von König Ludwig XVI. und seiner österreichischen Gattin Marie-Antoinette vor den Revolutionären. Bei Valmy erzwang 1792 das französische Revolutionsheer den Rückzug der Preußen und Österreicher. Johann Wolfgang von Goethe soll nach der Kanonade am 20. September die weitsichtige Bemerkung ausgesprochen haben: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."

Im deutsch-französischen Krieg 1870 schließen preußische Truppen die Festung Verdun ein und ziehen sich erst drei Jahre später zurück, nachdem Frankreich die letzte Rate der Kriegsentschädigungen in Höhe von fünf Milliarden Goldfranken bezahlt hat.

Anfang September 1914 stoßen deutsche Truppen an der Festung Verdun vorbei weit auf französisches Gebiet vor. Am 21 Februar soll die Frontlinie mit der Eroberung an der Maas bereinigt werden. Großoffensiven der Franzosen im Oktober/Dezember 1916 schlagen die deutschen Truppen zurück. 1918 befreien französische und amerikanische Verbände Verdun endgültig aus der Umklammerung.

Im August 1936 findet anlässlich der Schlacht um Verdun ein großes Friedenstreffen damaliger Frontkämpfer statt. Es endet mit einem "Friedensschwur", niemals mehr gegeneinander die Waffen zu erheben.

Der Schwur sollte nicht lange halten. Am 13. Juni 1940 stößt die Wehrmacht auf Verdun vor und besetzt nach kurzem Kampf die Stadt und die umliegenden Festungen.

Am 22. September 1984 erfolgt der historische Handschlag zwischen Staatspräsident Francois Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof Consenvoye bei Verdun.

Am 29. Mai 2016 erinnern Staatspräsident Francois Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel vor 4000 Jugendlichen aus beiden Ländern am Beinhaus von Douaumont an das mörderische Schlachten von 100 Jahren und würdigen die Aussöhnung zwischen den ehemaligen "Erzfeinden".
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