80. Geburtstag Wolf Biermann
Nicht verbittern lassen in bitteren Zeiten

Der Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann, der am Dienstag 80 Jahre alt wird, stellte im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse eine grandiose Autobiografie vor, die ein Zeitdokument ist. Bilder: dpa (2)
 
Wolf Biermann, Liedermacher aus der DDR, während seines Auftritts in der Sporthalle in Köln am 13. November 1976. Es war sein erstes Konzert auf einer bundesdeutschen Bühne seit Ostern 1965. Das Konzert wurde vom Westdeutschen Rundfunk live übertragen. Der Künstler, der in der DDR Auftrittsverbot hatte, war von der Jugendorganisation der Industriegewerkschaft Metall und von einer Bochumer Studentengruppe eingeladen worden.

Es gibt wohl nur wenige Biografien, in denen sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts so exemplarisch widerspiegelt wie in der des Liedermachers und Poeten Wolf Biermann. Es ist nicht übertrieben, wenn er feststellt: "Die große Weltgeschichte ist für mich eben Familiengeschichte."

Berlin. So steht es am Ende seiner 540-seitigen Autobiografie, die sich nicht nur großartig liest, sondern die ein einzigartiges Zeitdokument darstellt, das er mehr uns Lesern als sich selbst an seinem heutigen 80. Geburtstag zum Geschenk macht. Es ließe sich lange darüber philosophieren, ob Biermann denn nun ein Glückskind der Vorsehung war und ist oder eher besonders geschlagen vom Schicksal. Jedenfalls gab ihm sein Leben, das 1936 in Hamburg begann, schon sehr früh ein solch einzigartiges Erlebnis- und Erfahrungskapital mit, dass damit alles grundgelegt war, was diese besondere Künstlerexistenz ausmacht.

Alles in die sprichwörtliche Wiege gelegt bekommen also, könnte man sagen. Und dabei waren es furchtbare Schrecknisse, die das Leben ihm früh "überreicht" hat. Biermann war gerade eingeschult, als seine Mutter, eine glühende Kommunistin, die Nachricht bekam, dass Dagobert Biermann, Ehemann und Vater des kleinen Wölfleins, im KZ Auschwitz ums Leben gekommen sei. "Sechseinhalb Jahre war ich damals. Und so alt blieb ich mein Leben lang", schreibt Biermann im für ihn so typischen sarkastisch-ruppigen Ton.

Kindliches Staunen


Ähnlich auch im starken Kapitel "Englische Bomben, wie Himmelsgeschenke", in dem er schildert, wie er nur um Haaresbreite zusammen mit seiner Mutter der "Operation Gomorrha" entkam, jenem infernalischen Höllenfeuer, das vor allem die Royal Air Force im Juli/August 1943 mit ihrem Bombardement entfachte. Die kleine Lebensuhr in seinem Rippenkäfig sei damals in diesem Feuersturm festgeschmolzen, schreibt Biermann, "ich bin ein grau gewordenes Kind, das immer noch staunt".

In der Tat ist es das kindliche Staunen, gepaart mit Lebensweisheit und einem unverkennbar an Bertolt Brecht geschulten Ton, das die Lektüre dieser Memoiren so besonders macht. Etwa die Episode, wie der 17-jährige Wolf, grad so wie Hänschen klein, allein in die DDR-Welt des Jahres 1953 hinein ging. Er fand Aufnahme in einem Schulinternat nahe Schwerin. Die Mutter blieb in Hamburg zurück, wollte ihre westdeutschen Kommunistenfreunde nicht im Stich lassen.

Der Sohn sollte im wahren Arbeiter- und Bauernstaat aufwachsen, lernte dort aber vor allem sehr schnell die Widersprüche des Systems kennen. Als er einmal mitbekam, wie Schulkameraden wegen ihres Engagements in kirchlichen Kreisen in geradezu schauprozessartiger Weise angeklagt wurden, erhob er rebellisch das Wort: Dafür sei sein Vater nicht in Auschwitz gestorben, dass hier die jungen Menschen so unterdrückt würden! Die Antwort des Schuldirektors: Der Karl-Wolf aus Westdeutschland, der müsse in der DDR noch sehr, sehr viel lernen.

"Verdorbene Greise"


Tat er aber nicht. Wie es nun zur immer mehr sich aufschaukelnden Gegnerschaft zwischen dem Sänger mit der Gitarre und den "verdorbenen Greisen" von der SED, wie er sie in einem seiner Spottlieder nennt, kam, erzählt Biermann mit Chuzpe, bärbeißigem Spott, aber auch immer spürbarem Zorn. Denn der damals Verfemte, den bald ein jahrelanges Auftrittsverbot traf, vergisst nie die Kampfgenossen, die es teilweise viel härter hatten als er. Gut, er konnte seine Lieder Freunden und gezielt vorbeischauenden Besuchern wie etwa Joan Baez oder Rudi Dutschke nur mehr in seiner Berliner Wohnung in der Chausseestraße vorsingen. Andere aber wanderten in die Kerker der Staatssicherheit oder wurden mit anderen "zersetzenden Maßnahmen" nicht nur sprichwörtlich bis aufs Blut bearbeitet. Das hat man sich bei Biermann nie getraut. Und so wurde er immer populärer, trotz des über ihn verhängten Schweigens.

Geplanter Coup


Irgendwie mussten Honecker und Co. ihn loswerden. Das geschah dann im November 1976. Der von langer Hand geplante Coup war das Dümmste, was den DDR-Oberen einfallen konnte. Sie ließen Biermann zu einer Konzertreise in den Westen ausreisen, nach dem ersten Auftritt in Köln teilten sie mit, er dürfe wegen Hetze gegen den Arbeiter- und Bauernstaat nicht mehr zurück. Für Biermann ein ungeheurer Schlag, hielt er sich doch noch immer für einen Kommunisten, ja sogar für den besseren. Denn schließlich war sein Vater dieser Überzeugung wegen in Auschwitz gestorben.

Biermanns Ausbürgerung hatte eine enorme Solidarisierung zur Folge. Vielleicht war das mit der Anfang vom Ende der DDR. Es bildeten sich Protestbewegungen gegen dieses Vorgehen, weitere Intellektuelle folgten Biermann in den Westen, Manfred Krug, Jurek Becker und andere. Im Sommer 1989 lief dann das "einfache Volk" den SED-Zwingherren davon, über Ungarn und die Botschaft in Prag. Biermann hat das wohl nie als Triumph empfunden.

Sammelband mit Lyrik


Aber glauben an die Menschheitserlösung durch den Kommunismus konnte er auch nicht mehr, zumal nachdem er sich durch seine Stasiakte hindurch gequält hatte und darin lesen musste, was das System aus den Menschen gemacht hatte. In den entsprechenden Passagen der Autobiografie spürt man Biermanns Bitternis, die ihn aber nie völlig übermannt. Schließlich wird er sich sein "Ermutigungs"-Lied selbst oft genug vorgesungen haben: "Du lass dich nicht verbittern/In dieser bittren Zeit". Nachzulesen in dem parallel zur Autobiografie erschienenen Sammelband "Im Bernstein der Balladen".

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Wolf Biermann: "Warte nicht auf bessere Zeiten. Die Autobiographie". Propyläen Verlag. Wolf Biermann: "Bernstein der Balladen. Lieder und Gedichte", 242 Seiten, 24, Euro. Propyläen Verlag.
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