Abschied vom Mahner

In einem Interview kurz vor seinem Tod warnte Günter Grass vor einem neuen Weltkrieg. Außenminister Steinmeier nimmt in Lübeck Abschied und schreibt: "Halte Dein kritisches Auge auf uns".

Kurz vor seinem Tod hat Günter Grass in einem Interview vor einem neuen Weltkrieg gewarnt. "Wir steuern auf den dritten großen Krieg zu", sagte der Literaturnobelpreisträger ("Die Blechtrommel") der spanischen Zeitung "El País", die das nach ihren Angaben am 21. März in Lübeck geführte Gespräch am Dienstag erstmals veröffentlichte. "Es gibt überall Krieg. Wir laufen Gefahr, die selben Fehler wie früher zu machen. Ohne es zu merken, als wären wir Schlafwandler, können wir in einen neuen Weltkrieg gehen."

Trauerfeier Anfang Mai

Am Rande des G7-Außenministertreffens in Lübeck erwiesen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini dem am Montag 87-jährig gestorbenen deutschen Autor ihre Reverenz. Beide trugen sich - außerhalb des offiziellen Programms des G7-Außenministertreffens - in das Kondolenzbuch im Günter Grass-Haus ein, später auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig.

Die Trauerfeier für Grass soll Anfang Mai im Lübecker Theater stattfinden. Grass habe ihm zu Lebzeiten gesagt, im Todesfall mit einem Gedenken im Lübecker Theater einverstanden zu sein, sagte Thomsa. Zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland, darunter der Schauspieler Mario Adorf und der "Blechtrommel"-Filmregisseur Volker Schlöndorff, würden erwartet. Über den Ort und den Termin der Beerdigung machte das Sekretariat Günter Grass am Dienstag keine Angaben.

In dem "El País"-Interview machte sich Grass große Sorgen um die Zukunft: "Heute haben wir auf der einen Seite die Ukraine, deren Situation einfach nicht besser wird. In Israel und Palästina wird es immer schlimmer. Im Irak haben uns die Amerikaner ein Desaster hinterlassen. Es gibt die Gräueltaten des Islamischen Staates und das Problem in Syrien, das fast aus den Nachrichten verschwunden ist, obwohl sich die Menschen dort weiter gegenseitig umbringen."

Die Europäer rief Grass dazu auf, den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu verstehen und sich nicht so sehr von den Interessen der USA leiten zu lassen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion seien "keine ernsthaften Versuche" unternommen worden, unter Einbeziehung Russlands eine neue Sicherheitsallianz zu gründen. Das sei ein Riesenfehler gewesen.

Soziales Elend auf der Welt

Neben den vielen politischen Konflikten beklagte Grass im Gespräch auch "das soziale Elend überall auf der Welt" sowie die Probleme der Überbevölkerung, des Klimawandels und des Atommülls, "deren Folgen gar nicht beachtet werden". "Es gibt ein Treffen nach dem anderen, aber die Problematik bleibt bestehen: Es wird nichts getan", meinte er. Der Kapitalismus zerstöre sich unterdessen selbst. "All diese irrationalen Mengen Geld, die weltweit fließen, haben mit der Realwirtschaft nichts mehr zu tun."

In Hamburg werden Punk-Ikone Nina Hagen, Schriftsteller Feridun Zaimoglu und andere Weggefährten von Grass am 26. April mit einer konzertanten Lesung an den Schriftsteller erinnern. "Es ist für mich, als wäre ein Familienmitglied gestorben: Günter Grass war ein großer Dichter - und ein großer Mensch", sagte Zaimoglu, der Ende Februar noch zu den Teilnehmern von Grass' 10. Lübecker Autorentreffen gehörte.
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