Alain Dalis hat die Höhlenmalereien von Chauvet in Südfrankreich nachgeahmt
"Höhle der vergessenen Träume"

Die Malereien reichen von abstrakten roten Flecken auf der Felswand über einen mit dem Finger in einen feuchten Untergrund geschabten Uhu bis hin zu einem zwölf Meter breiten Panorama, in dem sich Pferde, Löwen und Rhinozerosse tummeln. Namenlose Künstler haben die Felswände vor über 30 000 Jahren bemalt. Bild: dpa
 
Mit einem Computermodell, zahlreichen Fotos und den Eindrücken aus der Originalhöhle entwarfen die Architekten die Replik mit 3000 Metern Grundfläche. Bild: Guillaume Horcajuelo/dpa
 
Die Originalhöhle, die zum Unesco-Welterbe zählt, ist für Besucher zum Schutz der mehr als 20 000 Jahre alten Höhlenmalereien nicht zugänglich.

Kunst aus gar nicht so grauer Vorzeit: Die bunten Felsbilder der südfranzösischen Chauvet-Höhle gehören zu den ältesten Malereien der Menschheit. Das Original ist für Touristen tabu - doch nun öffnet eine millionenteure Replik.

Von Sebastian Kunigkeit, dpa

Obwohl er die Geschichte schon x-mal erzählt haben muss, ist Jean Clottes die Begeisterung auch nach 20 Jahren noch anzumerken. "Das war einer der großen Schocks, eins der großen wissenschaftlichen Gefühle meines Lebens", sagt der Prähistoriker über den Tag, als er über eine Leiter in eine kurz zuvor entdeckte Höhle in Südfrankreich hinabstieg. Auf den Felswänden sah er eine Sensation: Hunderte Tierfiguren, vor mehr als 30 000 Jahren auf die Felswände gemalt.


Streng abgeschirmt


Die Chauvet-Grotte zählt inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe und wird streng abgeschirmt, nur ausgewählte Wissenschaftler und Ehrengäste dürfen diese Kunstgalerie der jüngeren Altsteinzeit bewundern. Doch nun können sich auch Touristen einen Eindruck verschaffen: Für 55 Millionen Euro ist in der Ardèche-Region, etwa 60 Kilometer nordwestlich von Avignon, eine aufwendige Kopie der Grotte gebaut worden. Im April diesen Jahres wurde sie eröffnet.

Die wissenschaftliche Bedeutung der 8500 Quadratmeter großen Höhle nahe dem Ort Vallon-Pont-d'Arc, Ende 1994 von drei Hobbyforschern entdeckt, ist enorm: Nach Angaben der Unesco, der UN-Organisation für Wissenschaft und Kultur, enthält sie die ältesten bekannten und am besten erhaltenen Figuren-Zeichnungen der Welt. Allerdings sind die deutlich einfacheren Hand-Abbildungen in der Höhle von El Castillo in Spanien mit 40 000 Jahren noch älter.

Die Malereien reichen von abstrakten roten Flecken auf der Felswand über einen mit dem Finger in einen feuchten Untergrund geschabten Uhu bis hin zu einem zwölf Meter breiten Panorama, in dem sich Pferde, Löwen und Rhinozerosse tummeln. Ein detailverliebtes Meisterwerk, das nicht nur die natürliche Felsstruktur für eine Art 3-D-Effekt nutzt, sondern möglicherweise auch schon versucht, Bewegung darzustellen. So jedenfalls lässt sich interpretieren, dass manche Tiere mit zu vielen Beinen gezeigt werden.

Sogar eine Art Minotauros findet sich, wie Projektleiter Pascal Terrasse erzählt: ein Bisonkopf, der in ein Frauenbein übergeht. Der Regisseur Werner Herzog nannte die Grotte in einer Dokumentation die "Höhle der vergessenen Träume".

"Wenn man Stück für Stück in die Intimität dieser Malereien einsteigt, wird einem die Größe dieser Künstler klar, ihre Meisterschaft", erzählt Alain Dalis. "Da kann man nur Respekt haben." Der Franzose ist einer der Künstler, die in den vergangenen Jahren die Höhlen-Bilder abgekupfert haben - die "Fälscher", wie sie einer der Verantwortlichen grinsend nennt. Mit Hilfe von Wissenschaftlern vollzogen sie detailliert nach, wie die Urzeit-Künstler vorgegangen waren: teilweise mit den Fingern, teilweise mit Stöcken. Sie nutzten die gleichen Materialien wie damals, Eisenoxide und Holzkohle. Selbst die Kratzspuren der Bären an den Felswänden wurden nachgeahmt.


Tonnenweise Beton


Mit einem Computermodell, zahlreichen Fotos und den Eindrücken aus der Originalhöhe entwarfen die Architekten die Replik mit 3000 Metern Grundfläche. Tonnenweise Beton steckt in den falschen Felswänden, für täuschend echtes Höhlengefühl soll die Klimatisierung auf 18 Grad sorgen, sogar Duftstoffe werden freigesetzt. Die Mitarbeiter flüstern, wenn sie die Besucher über die Metallstege durch die Replik führen. "Das ist ein Spektakel, aber auch so nah wie möglich an der Wahrheit", beteuert der Architekt Vincent Speller.

Natürlich steckt hinter dem Projekt auch eine wirtschaftliche Absicht, 350 000 Touristen soll die Replik pro Jahr anziehen - ein Stück Strukturpolitik für eine Region, die bislang vor allem für ihre Natur bekannt ist, zu großen Teilen finanziert vom Staat und aus EU-Mitteln. Entsprechend groß ist das Tamtam, auch Staatspräsident François Hollande war bereits vor Ort.

Die Detailgenauigkeit der Replik ist dennoch beeindruckend, selbst für Fachleute. Jean Clottes, der vor mehr als 20 Jahren für die französische Regierung die Echtheit der Höhlenmalereien bestätigte und das Original so gut kennt wie kaum jemand sonst, fühlt sich jedenfalls an seinen ersten Besuch erinnert: "Ich glaube, dass das Publikum diese Emotion in der Replik spüren kann."

Das war einer der großen Schocks, eins der großen wissenschaftlichen Gefühle meines Lebens.Prähistoriker Jean Clottes

Interview mit dem Künstler Alain Dalis


Mehr als drei Jahre hat der französische Künstler Alain Dalis an der Reproduktion der Felsmalereien aus der Höhle Chauvet-Pont d'Arc in Südfrankreich gearbeitet. Er kennt jedes Detail der Tierzeichnungen. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur erzählt er, wie er und seine Kollegen dabei vorgingen - und was die Bilder aus der Vorzeit in ihm auslösen.

Wie schafft man es, zu malen wie vor 30 000 Jahren?

Alain Dalis: Um eine exakte Reproduktion zu schaffen, braucht man einen ebenso exakten Untergrund. Also musste zuerst die gesamte Felswand nachgebildet werden: Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, mit derselben Korngröße, dem gleichen Eindruck von Feuchtigkeit, den Kratzern und Bärentatzen - dann erst kam die Malerei. Wir haben mit Prähistorikern zusammengearbeitet, die uns zum Beispiel gezeigt haben, wie eine Gravur gemacht wurde: Nur mit dem Daumen oder mit einem Werkzeug? Sie haben uns das alles beigebracht - und dann haben wir es mit unserem Gespür als bildende Künstler umgesetzt.

Welche Materialien haben Sie verwendet?

Wir haben übliche Eisenoxide verwendet, außerdem Holzkohle: Dazu verbrennt man Kiefernäste. Wir haben die gleichen Farbstoffe, die gleichen Materialien benutzt wie damals. Wir hatten eine Versuchsphase von etwa eineinhalb Jahren, danach hat es zwei Jahre gedauert, um das Faksimile zu machen.

Zur PersonDer Künstler Alain Dalis hat sich auf die Reproduktion prähistorischer Kunst für Museen und Ausstellungen spezialisiert. Sein Atelier ist in Montignac in der Dordogne - ganz in der Nähe der Höhle von Lascaux, einem weiteren Fundort von Steinzeit-Malereien.
In dieser intensiven Beschäftigung mit den Bildern, haben Sie da gewissermaßen eine Beziehung zu diesen Ur-Künstlern aufgebaut?

Wir haben eine intime Beziehung aufgebaut zu dem, was übrig ist: den Figuren. Aber sie hatten sicher eine andere Art zu denken, die man heute nicht nachvollziehen kann. Wir sind uns in einer Geste begegnet. Aber die ganze Bedeutung, das entzieht sich uns.

Einer der Verantwortlichen der Grotte nannte Sie scherzhaft einen "Fälscher". Finden Sie sich darin wieder, oder sehen Sie Ihre Arbeit hier doch als die eines Künstlers?

Klar, das ist eine künstlerische Arbeit. Aber in diesem Fall haben wir versucht, so gut wie möglich das zu respektieren, was wir gesehen haben. Wenn man Stück für Stück in die Intimität dieser Malereien einsteigt, wird einem die Größe dieser Künstler klar, ihre Meisterschaft. Da kann man nur Respekt haben. Unser Ziel war es, das Beste zu tun, damit es sich ähnelt. Wir wissen: Wichtig ist, was vor 36 000 Jahren gemacht wurde - nicht wir, die wir das nachbilden.

Information und ServiceHöhle Chauvet (circa 8500 Quadratmeter):
  • Circa 36 000 v. Chr.:Erste Malereien in der Höhle.
  • Über einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren entstehen rund 1000 Zeichnungen mit einer Gesamtlänge von etwa 400 Metern, darunter 425 Tierbilder.
  • Felsverschluss des Höhleneingangs für mindestens 20 000 Jahre.
  • 18. Dezember 1994: Entdeckung durch die Höhlenforscher Jean-Marie Chauvet, Éliette Brunel und Christian Hillaire.
  • 29. Dezember 1994: Authentifizierung der Malereien.
  • 13. Oktober 1995: Schließung der Höhle, nur ausgesuchte Wissenschaftler haben weiter Zugang.
  • 2010: Der deutsche Filmemacher Werner Herzog dreht in der Grotte die 3D-Dokumentation "Die Höhle der vergessenen Träume"
  • 22. Juni 2014: Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe

Replik Höhle Pont-d'Arc (circa 3000 Quadratmeter)
  • August 2007: Gründung einer Gesellschaft für den Bau der Replik
  • 2008: Architekturwettbewerb aus dem das Pariser Büro Fabre/Speller als Sieger hervorgeht
  • 12. Oktober 2012: Erster Spatenstich, 35 Firmen verbauen in 30 Monaten auf einem insgesamt 27 Hektar großen Gelände 55 Millionen Euro aus Mitteln von Region, Land und EU.
  • 25. April 2015: Eröffnung.

Ort: Caverne du Pont d'Arc - Plateau du Razal - F 07150 Vallon Pont d'Arc.

GPS-Koordinaten: N 44° 24' 22.4676" - E 4° 25' 53.76"

Öffnungszeiten: täglich geöffnet. Juli/August 9 bis 20.30 Uhr, September 10 bis 19 Uhr, Oktober bis zum 14. November 10 bis 18 Uhr.

Audioführer in deutscher Sprache.

Kontakttelefon: +33.(0)4.75.94.39.40.

Mehr Informationen:

Weitere Informationen im Internet:
http://de.cavernedupontdarc.fr
http://archeologie.culture.fr/chauvet
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