Auf den Spuren Bohumil Hrabals in Kersko und Nymburk
Dichter des Bieres und der Frauen

Für den großen Bierliebhaber ein eigenes Jubiläumsbier: das "Jubilejní hrabaluv ležák", also Lagerbier, der Nymburker Brauerei Postrižinské.
 
Bernhard Setzwein vor einem Porträtfoto Bohumil Hrabals. Ihm hat er sein vorletztes Theaterstück gewidmet, das am Regensburger Stadttheater Uraufführung hatte.
 
Hrabals Datscha in Kersko, in der er mit größter Bedürfnislosigkeit lebte. Nicht einmal Strom und fließend Wasser hatte er.

Er war einer der wichtigsten Repräsentanten der tschechischen Literatur, der 1914 in Brünn geborene Bohumil Hrabal. Alljährlich findet in Kersko im Mai das Bohumil-Hrabal-Festival statt. Der Oberpfälzer Autor Bernhard Setzwein besuchte zusammen mit Mitgliedern der "Theaterburg" aus Burghausen dieses Fest.

Von Bernhard Setzwein

Natürlich muss es ein Fest sein, bei dem das Bier nicht fehlen darf. Bohumil Hrabal hat den Gerstensaft geliebt und ihn eimerweise aus den Gassenschenken zu sich heim geholt. Immer wenn er "Hochzeiten im Hause" feierte. Das ist nicht nur der Titel eines seiner schönsten Romane - er erzählt darin sein Leben aus der Sicht seiner ihn bedingungslos unterstützenden Ehefrau Eliska, die ihren "Champion der Hinterhöfe" allerdings stets auch mit liebender Ironie betrachtete. "Hochzeiten im Hause" war auch Bohumil Hrabals Umschreibung für all jene spontanen Feste, die er nur allzu gerne mit seinen Künstlerfreunden und Autorenkollegen feierte. Schließlich lebt man in Böhmen und hat den ausgezeichneten Ruf eines Bohemien zu verlieren. Und was ein echter Bohemien ist, der braucht keinen Anlass für seine Bacchanale, der kann jeden Augenblick in eine Feier des Daseins verwandeln. Gemäß dem Spruch des Meisters aus Kersko: "Das Leben ist zum Verrücktwerden schön. Nicht dass es wirklich so wäre, aber ich sehe es so."


___ "Hochzeiten im Hause"
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Das Ehepaar Jana und Bronislav Kuba, beide Keramikkünstler, haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Tradition der "Hochzeiten im Hause" nicht abreißen zu lassen - auch nicht 19 Jahre nach dem Tod des verehrten Schriftstellers. Im Garten ihres "Ateliers Kuba" findet alljährlich im Mai das Bohumil-Hrabal-Festival statt, einen ganzen Samstag lang. Und da gibt es dann selbstverständlich Bier, aus der Nymburker Brauerei Postrižinské, in der Hrabal seine Kindheit verbrachte, weil nämlich sein Adoptivvater dort Buchhalter war.

Der Brauereiname ist ein rechter Zungenbrecher, auszusprechen "Postrschischinske", einfacher ist es, man bestellt ein "Bogan", das ist das 13-grädige helle Spezialbier, oder ein "Pepinova desitka", das nach Hrabals Onkel Pepin benannte Zehngrädige (es handelt sich, wohlgemerkt, jeweils um die Stammwürze, nicht den Alkoholgehalt). Onkel Pepin war ein rechter Schwerenöter und begnadeter Stegreiferzähler. Hrabal hat ihn auf wunderbare Weise in seiner Trilogie "Das Städtchen am Fluss" verewigt. Gemeint ist damit natürlich das nur wenige Kilometer entfernte Nymburk an der Elbe, das Hrabal mit so vielen traurig-schönen Erinnerungen verband. Traurig-schön deshalb, weil das meiste davon mittlerweile verschwunden ist. Nicht jedoch in Hrabals Literatur. Dort ist alles aufgehoben. Man muss es nur lesen.

Oder zuhören! An diesem Nachmittag jedenfalls wird eine kleine Szene aus einer Theaterfassung von "Harlekins Millionen" auf die Freilicht-Bühne des Hrabal-Festivals gebracht. Denn es gibt bei diesem literarischen Volksfest nicht nur Bier, eine am Spieß gebratene Sau und immer wieder Musikeinlagen verschiedener Dixie-Bands, sondern auch Wortbeiträge. Etwa ein Gespräch mit dem berühmten Regisseur Jirí Menzel, der etliche Hrabal-Stoffe verfilmt hat. Freilich dies alles auf Tschechisch. Das heißt, einmal wird ein Gedicht Hrabals vorgelesen, in deutscher Übersetzung.


___ "Das verlorene Gässchen"
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Da merkt vor allem der deutschsprachige Hrabal-Fan auf! Es war zwar bekannt, dass der ausschließlich als Prosaiker bekannte Autor ganz am Anfang seiner Schreibkarriere mit Gedichten begonnen hatte, auf Deutsch waren bislang aber nur ein paar wenige erschienen. Am Büchertisch, der am Eingang des Festival-Gartens aufgebaut ist, müssen wir gleich genauer nachschauen: Und tatsächlich, es gibt jetzt eine zweisprachige Ausgabe, "Ztracená ulicka/Das verlorene Gässchen". Was für ein Fund und was für ein zukünftiges Glanzstück meiner eben doch nicht lückenlosen Hrabal-Sammlung.

In der Folge lesen wir uns immer wieder Stellen daraus vor und staunen über die surrealistische Bildfülle dieser frühen Gedichte. "Wir", das sind Regisseur Marc Bouvet sowie die Schauspieler Walter Hauschild und Johannes Keilholz, die in Burghausen mein Stück "Hrabal und der Mann am Fenster" großartig auf die Bühne der "Theaterburg" gebracht haben. Unser Betriebsausflug ist quasi die Gratifikation für diese tolle Leistung. Uraufgeführt wurde es 2015 am Regensburger Stadttheater.


___ Besuch am Grab
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Wir sind sehr aufgekratzt. Johannes läuft sogar im Hrabal-"Kostüm" herum, nämlich barfuß, mit Ringelhemd und Elbwinzermütze auf dem Kopf. Eben genauso wie damals der leibhaftige Hrabal. Kaum jemand beachtet ihn dieses Aufzugs wegen. Nur eine Dame bleibt stehen und mustert ihn von oben bis unten. Wir kommen ins Gespräch. Erklären ihr, dass wir aus Bayern sind und dort ein Hrabal-Stück aufgeführt haben. Sie ist begeistert. Erzählt ihrerseits, dass sie Hrabal schon als Kind kannte, hier in Kersko in seiner Nachbarschaft lebte und heute eine Homepage über ihn betreut.

Die Dame holt ihre Freundin hinzu und bietet an, uns die Datscha des Dichters zu zeigen. Sie ist einiges entfernt vom Festivalgarten des Ateliers Kuba. Ohne unsere "Fremdenführerinnen" hätten wir sie nie gefunden. Leider sind Garten und Haus verschlossen, allerdings alles gut in Schuss. Nachbarn, denen Hrabal alles vermacht hat, würden sich darum kümmern, heißt es.

Nach dem Tod seiner geliebten Eliska und seiner Bruders blieb er alleine ohne nahe Verwandte zurück. Mittlerweile liegen sie alle im lediglich mit "Rodina Hrabalová" (Familie Hrabal) beschrifteten Grab in Hradistko, wo wir unbedingt auch noch hin müssen, wie die beiden Damen meinen. Und so stehen wir schließlich vor Hrabals letzter Ruhestätte, die mit Blumen und etlichen Bierflaschen geschmückt ist. Ruhig ist die Stätte allerdings, solange wir da sind, nicht. Zu viel haben die beiden Hrabal-Expertinnen uns noch mit auf den Weg zu geben. Dass wir morgen unbedingt das Hrabal-Museum in Nymburk uns ansehen sollen zum Beispiel. Und die Brauerei. Das machen wir auch, nachdem wir eine Nacht in vollkommener Ruhe direkt am Elbufer auf Höhe der alten Schleusenanlage verbracht haben. Sonntagvormittag im Stadtmuseum, wo man zwei Räume dem großen Dichter der Stadt reserviert hat, scheint man nur auf uns zu warten.


___ Literarisches Denkmal
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Wieder sind es zwei Damen, die das Andenken an ihn bewachen. Ob Hrabal besonders ein Autor für Frauen war? Er hat über Malocher im Stahlwerk geschrieben ... war ja selber einer von ihnen, in der "Schönen Poldi", dem Stahlwerk Leopoldine in Kladno. Seinen männlichen Künstlerfreunden, allen voran dem Graphiker und Aktionskünstler Vladimír Boudník, der durch Freitod endete, hat er einzigartige literarische Denkmäler errichtet. Den "Sanften Barbaren" also, so heißt nämlich der entsprechende Buchtitel. Und doch hat ihn auch immer die weibliche Seite inspiriert.

Im Roman "Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene" erzählt ein alter Mann einem jungen Mädchen sein ganzes Leben. Und die Erzählung "Die Katze Autitschko" ist vielleicht das innigste Porträt seines Zusammenlebens mit Ehefrau Eliska. Und zwar in der Datscha in Kersko, wo sie ihren Ehemann mit ungefähr zwei Dutzend Katzen teilen musste, von denen die jüngsten, frisch ins Leben geworfenen immer auch mit ins Bett des Ehepaares durften.


___ Ein Katzennarr
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Hrabal war ein ungeheurer Katzennarr. Davon zeugt auch das schöne Denkmal, das am Nymburker Hauptplatz an ihn erinnert. Aus einem großen Holzklotz hat der Künstler den kleinen Mann mit Hut herausgearbeitet, auf seinem Schoß sitzt natürlich eine Katze. Hunde hat er wohl nicht so gemocht. Und dennoch kurz vor seinem Tod auch an sie gedacht. In Prag wollte man am legendären "Damm zur Ewigkeit" im Stadtteil Liben eine Gedenktafel in das Trottoir einlassen. An der Stelle, an der einmal das höchst ärmliche Pawlatschenhaus gestanden war, in dem er die glücklichste Zeit seines Leben verbracht hat. Man riss es weg, was ihn ungeheuer geschmerzt hat. Darum wollte er auch keine Gedenktafel dort.

Und wenn überhaupt eine, dann nur an der Mauer der Nymburker Brauerei, wo er seine Kindheit verlebt hat. Und angebracht werden sollte sie unbedingt in einer Höhe, dass auch kleine Pinscher ihr Bein heben und sich dort verewigen können. Weil die Tschechen allgemein und die Nymburker insbesondere ihren Hrabal lieben, haben sie ihm diesen Wunsch erfüllt, mit einer Gedenktafel mit genau dieser Inschrift. Sie ist die letzte Station unserer Reise auf Hrabals Spuren, nachdem uns der alte Brauereipförtner mit den wenigen Zahnstumpen im Mund den Weg gewiesen hat. Danach bleibt uns nur mehr eines zu tun übrig: Das ein oder andere Krügel Postrižinské zu trinken. Auf sein Wohl!

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