Auf nach West-Berlin

Ton Steine Scherben haben eine Sonderstellung in der Geschichte der deutschen Rockmusik. Die Band um Sänger und Texter Rio Reiser und seinen Partner, den Komponisten, Gitarristen und musikalischen Kopf , R.P.S. Lanrue, hat es wie keine zweite geschafft, politischen und musikalischen Anspruch zu verbinden.

"Die Moderne mag stetig neoliberaler, globalisierter und dadurch beliebiger werden. Trotzdem gibt es in ihr immer Platz für Gegenkultur und Widerstand." Dieser festen Überzeugung ist Ralph Peter Steitz, in der Öffentlichkeit lediglich als R. P. S. Lanrue bekannt ist. Der 65-Jährige, der in Grenoble das Licht der Welt erblickte, mit seiner Familie aber bereits als Kind ins hessische Nieder-Roden nahe Offenbach übersiedelte, ist eines der Urgesteine in der künstlerischen "Anderssein"-Bewegung.



Denn Lanrue brach 17-jährig mit dem nur fünf Tage älteren besten Kumpel Ralph Christian Möbius alias Rio Reiser nach West-Berlin auf. Einerseits wollten die Freunde der drohenden Wehrpflicht entkommen, zum anderen wollten die Abenteurer konsequent ihre Kreativ-Karriere verfolgen. Und dabei dem subversiven Untergrund verbunden sein.

Diesem Anspruch blieben sich Lanrue und Reiser stetig treu: Zunächst beim anarchisch geprägten "Hoffmanns Comic Theater", ab 1970 schließlich bei der eigenen linksradikalen Politrock-Band, die mit Titeln wie "Keine Macht für niemand" oder "Macht kaputt, was euch kaputt macht" für gehörig Wirbel im Establishment sorgten.

"Volksmund Produktion"

"Die Scherben" avancierten rasch zur Kultband des linksalternativen Spektrums, riefen mit "David Volksmund Produktion" eine der ersten unabhängigen Plattenfirmen ins Leben, nahmen fünf Studioalben und eine Live-Platte auf, ehe das Kollektiv sich 1985 nach einer Abschieds-Tournee voneinander trennte - es kriselte Band-intern, was in erster Linie an einer hohen Schuldenlast lag. Zudem hatte Frontmann Reiser einen lukrativen Solo-Deal beim Major-Label "CBS" in Aussicht, den er auch wahr nahm und den er bis zu seinem viel zu frühen Tod 1996 auch, mit gemischtem Erfolg, erfüllte. Es dauerte 29 Jahre, ehe "Die Scherben" im April 2014 unter Lanrues Leitung, als einzig verbliebenem Gründungsmitglied, erstmals wieder auf Tour gingen. Zu Neunt und mit dermaßen großem Erfolg, dass die Polit-Kommune problemlos Anschluss gefunden hat mit dem Agitprop von einst an scheinbar unpolitisch gewordene Zeiten - worüber Lanrue sich im Gespräch außerordentlich freut.

Wie viel Relevanz haben "Scherben"-Lieder heutzutage, vor allem deren Texte?

R. P. S. Lanrue: Gerade in den letzten Tagen stelle ich fest, wie prophetisch unsere Verse zum Teil sind. Anlässlich der aktuellen Flüchtlings-Problematik ist ein Lied wie "Mein Name ist Mensch" von 1971, in dem es speziell um dieses Thema geht, unheimlich durch seine Aussagekraft. Aber auch Stücke wie "Allein machen sie dich ein" oder "Die letzte Schlacht gewinnen wir" haben dank ihrer aufrührerischen Slogans nichts von ihrer Brisanz eingebüßt.

Man läuft also nicht Gefahr, in Nostalgie zu versinken, wenn man 2015 ein Scherben-Konzert besucht?

Lanrue: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Inhalte unserer Lieder so relevant wie vor 40 Jahren sind. Und musikalisch sind wir eh Klassiker, weil wir uns seit jeher an den Rolling Stones, unserer Lieblingsband, orientiert haben.

Was hat euch im Frühjahr letzten Jahres dazu gebracht, Ton Steine Scherben wiederzubeleben?

Lanrue: Die Grundidee geht auf 2012 zurück. Wir wollten das 40-jährige Jubiläum unseres bekanntesten Albums "Keine Macht für niemand" live begehen. Doch unser Schlagzeuger "Funky" Götzner, der seit 1974 dabei ist, hatte einen Herzinfarkt, von dem er sich erholen musste. Also legten wir die Sache erstmal auf Eis.

Neben Götzner und Ihnen ist von der alten "Scherben-Garde" noch Bassist Kai Sichtermann im Boot. Wie verstehen sich die alten Recken heutzutage untereinander?

Lanrue: Nach Rios Tod hatte ich zunächst null Kontakt zu irgendjemandem aus der Ton-Steine-Scherben-Blase. Aber irgendwann sahen wir es als unsere Pflicht an, sich wieder zusammenzuraufen. Unser musikalisches Erbe ist zu wichtig und besonders, als dass man es für nachfolgende Generationen verschütt gehen lassen darf.

Wie kam es zum Motto der aktuellen Tour mit dem kindlichen Titel "Ding Ding Dang Dang"?

Lanrue: Das ist ein Auszug von "Heimweh". Klingt schön albern, passt demnach gut zu uns. (lacht) Wir hatten auch wenig Lust, über einen schlauen Slogan nachzudenken.

Wie darf man sich eure Konzerte heutzutage vorstellen?

Lanrue: Wir sind zu Neunt auf der Bühne, junge und alte Hasen, die gut aufeinander eingegroovt sind. Vor allem weil wir einen Saxofonisten und geballt Percussion an Bord haben, tut sich mächtig was bei uns. Jeder Abend ist große Anarcho-Party!

"Wir spielen unsere Lieder, wie sie 2015 zu klingen haben". Wie ist das zu verstehen?

Lanrue: Ich habe die alten Kracher ein wenig umarrangiert, damit sie live so gut klingen wie nie zuvor, vor allem Sound-technisch. Zwar proben wir nicht allzu viel. Aber wenn wir Neun aufeinander treffen, rumpelt es gewaltig. (lacht) Außerdem sind wir stolz darauf, dass wir nach jedem Auftritt viele glückliche, teilweise vor nostalgischem Glück weinende Besucher hinterlassen.

Gibt es über die Tour hinaus weitere "Scherben"-Zukunftspläne?

Lanrue: Ein neues Scherben-Album wird es definitiv nicht geben. So etwas funktioniert unmöglich ohne Rio Reiser. Dessen Fußstapfen sind einfach zu groß. Dieser einzigartige Mann ist schlicht durch niemanden auf der Welt zu ersetzen.

Ton Steine Scherben spielen am 5. Oktober in Nürnberg im Hirsch.

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unterTelefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0
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