Autorin Elfriede Jelinek wird 70
"Nestbeschmutzerin" mit Nobelpreis

Elfriede Jelinek polarisiert. Immer wieder eckt die Autorin mit ihren Werken an, ihre Themen sind umstritten. 2004 gewann die Österreicherin für ihre Arbeit jedoch den Literaturnobelpreis. Bild: dpa

Sie selbst bezeichnet sich als "Trümmerfrau" der österreichischen Literatur. Die Welt kennt Elfriede Jelinek als Nobelpreisträgerin. Ihr Werk polarisiert bis heute - im Buch und auf der Bühne.Nun wird die Autorin 70 Jahre alt.

Wien. Die höchste literarische Auszeichnung hatte sie zutiefst verschreckt. "Ich verspüre eigentlich mehr Verzweiflung als Freude", sagte Elfriede Jelinek 2004 zur Verleihung des Literaturnobelpreises. Ihre Reaktion war der Rückzug aus der Öffentlichkeit - kaum Interviews, keine Talk-Shows, kein Platz auf Podien. Auch zum 70. Geburtstag der scheuen österreichischen Autorin, die in ihrer Heimat lange umstritten und für viele geradezu eine Hassfigur war, ist das an ihrem Geburtstag nicht anders. Filme, TV-Sendungen, ein Symposium mit dem Titel "Nestbeschmutzerin und Nobelpreisträgerin" drehen sich um das Werk - aber ohne Auftritt der Frau, die als studierte Organistin die Musik mindestens so liebt wie das Schreiben.

Erfolg als Dramatikerin


"Sie ist abwesend, aber präsent", sagt der Leiter des Rowohlt-Theaterverlags, Nils Tabert. Gemeint ist Jelineks Erfolg gerade als Dramatikerin. Vielfach wurde ein Text von ihr zum "Stück des Jahres" gekürt. Aber bei weitem nicht alle Theatergänger sind einverstanden mit ihrem Zynismus. Für Tumulte sorgte 2010 eine Inszenierung von "Rechnitz (Der Würgeengel)" am Düsseldorfer Schauspielhaus über ein Nazi-Massaker an 180 Juden, weil auch der "Kannibale von Rotenburg" zu Wort kam.

Lange hatte die Feministin vor allem mit dem Muff und Mief in Österreich, dem Kapitalismus mit seinen verheerenden Folgen auf die menschlichen Beziehungen und mit der Kälte der Gesellschaft der Alpenrepublik abgerechnet. Seit einigen Jahren wendet sich die "Spezialistin für den Hass" mit ihrem Zorn, ihrer Leidenschaft und Streitlust globalen Themen zu.

"Der Blick hat sich verlagert", sagt Pia Janke, Leiterin der an der Universität Wien angesiedelten Forschungsplattform Elfriede Jelinek. Der Terror der Gotteskrieger und Selbstmordattentäter ist zentrales Element des jüngsten Stücks "Wut". Stücke wie die "Winterreise" - in Anlehnung an ihren Lieblingskomponisten Franz Schubert ein handlungsloser Wort-Wust über eigene Schlüsselerlebnisse sowie die Bankenkrise - haben rund 30 Inszenierungen erlebt.

Mit ihren Themen habe Jelinek geradezu "seismographische Fähigkeiten" bewiesen, meint Janke. Bereits vor der Wirtschaftskrise habe die einst bekennende Kommunistin "Die Kontrakte des Kaufmanns" und 2013 - lange vor dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle - "Die Schutzbefohlenen" geschrieben. "Jelinek ist produktiver denn je", sagt Janke. Schon jetzt handle es sich um ein monumentales Werk: 50 Theaterstücke, 800 Essays, ein Dutzend Romane, dazu Drehbücher, Übersetzungen und Lyrik. "Das Schreiben ist für mich ein Segen, weil ich dazu das Haus nicht verlassen muss", so Jelinek.

Nichts für Schnell-Leser


Die deutschsprachige Gesamtauflage liegt dem Verlag zufolge bei 1,5 Millionen Exemplaren. Bestseller sind der Anti-Porno "Lust" und der von Oscar-Preisträger Michael Haneke verfilmte Roman "Die Klavierspielerin". Die Bücher und Texte sind nichts für Schnell-Leser. Im Zentrum steht die Sprache, die Sprachbefragung, die Sprachkritik, nie die Handlung. Jelinek ist seit 1974 mit einem Informatiker und Filmkomponisten aus Bayern in einer Art "Einzelgänger-Ehe" verheiratet.
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