Bassist Hellmut Hattler präsentiert seine neue CD "Warhol Holidays"
Kreative Freiheit

Das Album "Warhol Holidays" ist im Grunde auskomponierte Lebenserfahrung: Hattler hat verschüttete Erinnerungen, Empfindungen wieder freigelegt - Beglückendes, Schmerzhaftes, Sehnsüchtiges, Witziges. Auch in den Texten finden sich jede Menge biographischer Mitbringsel. Bild: hfz

Hellmut Hattler - ein Mann unter Hochdruck. Für den 64-jährigen Ulmer ist 2016 wie all die Jahre zuvor ein Großkampf-Ereignis, denn weiterhin gibt es bei ihm vier aktuelle musikalische Baustellen.

Doch auch wenn sich Hattler nach eigener Aussage in jedes seiner unterschiedlichen Projekte namens Siyou 'N' Hell, Tab Two & Friends oder Kraan "zu 150 Prozent" einbringt, wie er behauptet - im Zentrum steht für ihn momentan das nach ihm benannte Projekt samt des aktuellen Albums "Warhol Holidays". (Bassball Recordings) "Diese Platte ist gerade meine Super-Spielwiese, damit lebe ich mein ganz privates imperialistisches System aus", grinst der Schwabe. "Ich bezahle die Chose in kompletter Eigenregie, auch die Menschen, die das Ding mit mir umsetzen. Ich bin sozusagen König Hellmut im Hattler-Reich. Ein großartiges Gefühl, kann ich nur sagen."

Mit an Bord der Hattler-Formation, die eigentlich ein Projekt ist, befinden sich Hochkaräter wie die Perkussionisten Biboul Darouiche und Wolfgang Wahl, Tastenmann Martin Kasper, Gitarrist Ali Neander, sowie einige "Soundspezialisten" der jüngeren Generation, die laut Hattler "für einen möglichst aktuellen, frischen, gerne tanzbaren Sound" gesorgt haben.

Stile und Charaktere


Und dann ist da noch die ausdrucksstarke Sängerin Fola Dada, eine Stuttgarterin mit nigerianischen Wurzeln. "Viele unterschiedliche Stile und Charaktere treffen sich bei Hattler", analysiert der Projekt-Leiter, "doch im Mittelpunkt steht mein Bass. Den spiele ich auf verschiedenen Ebenen, mal Rhythmus-getrieben, mal Melodie-verbunden. Das ist Musik mit Bodenhaftung, die ich gern auch mal fliegen lasse."

Ansonsten sieht sich der groß gewachsene Mann aus dem Schwabenland als "einen der glücklichsten Menschen auf diesem Planeten", schwärmt er. "Bei mir war und ist der Weg das Ziel. Ich warte nie, bis sich das Kompositions-Blatt füllt, bin eher eine Art "aufrichtiger Autist", der ausschließlich auf sein Bauchgefühl hört. Es gibt Basisideen, auf Grund derer überlege ich mir im Anschluss, mit wem ich die Dinger umsetzen könnte. Da ich jede Menge Freunde habe, aus den verschiedensten Phasen meines Schaffens, besitze ich jede Menge kreativer Anlaufstellen. Das ist natürlich ein großes Privileg!" Obwohl mit Mitte 60 nicht mehr ganz jung, bereitet Hellmut Hattler die Tatsache, dass er seit langer Zeit beinahe die Hälfte des Jahres auf irgendwelchen Bühnen steht, keinerlei Kopfzerbrechen: "Ich bin sehr glücklich, wenn ich Konzerte absolviere, selbst nach all den Dekaden noch. Während man im Studio beim Sound tricksen kann, hast du dazu live keine Chance. Gut so, denn das ist für jeden Künstler eine echte Herausforderung."

Kennt Hellmut Hattler eigentlich auch mal Auszeiten, genehmigt er sich Pausen? "Eigentlich bin ich nie ganz entspannt", feixt er, "außer wenn mir meine Lebenspartnerin mal ernsthaft ins Gewissen redet, dass ich für sie kaum Zeit habe, diese dann einfordert. Und selbst dann ist nicht gesagt, dass wir gemeinsam relaxen - schließlich ist sie ebenfalls Musikerin. Was für ein Teufelskreis! Aber ganz ehrlich: Ich bin in diesem Kreis verdammt gerne drin ..."

Wer von "Warhol Holidays" eine Art "Kraan fürs 21. Jahrhundert" erwartet, wird ziemlich sicher enttäuscht werden. Zwar steht eindeutig der unverkennbare Sound des Ausnahme-Bassisten Hellmut Hattler im Vordergrund. Zur selben Zeit aber auch die prägnante Stimme von Fola Dada, verankert irgendwo zwischen Erykah Badu und Macy Gray. Außerdem gesellten sich die Elektronik-Spezialisten XMZ und Peter Musebrink dazu, was zur Folge hat, dass dieses neue Hattler-Werk irgendwo zwischen Jazz, Funk, Soul, Gospel und Techno changiert. Das hat Bumms und sorgt für etliche anregende Melodien. Der ganz große innovative Wurf ist diese Scheibe allerdings nicht. Aber sie zu hören, bereitet jede Menge Spaß. "Warhol Holidays" ist der Soundtrack für den perfekten Sommertag!

In sich reinhören


Doch wie kam es zum irritierenden Albumtitel? Was hat der bodenständige Ulmer mit der skurrilen amerikanischen Pop Art-Ikone Andy Warhol zu tun? "Ich habe von dessen Werk ziemlich wenig Ahnung", gibt Hattler unumwunden zu. "Doch was dieser Mann für mich verkörpert: Er hat sich stets gegen jede Form von Alteingesessenem aufgelehnt. Und ich rede an dieser Stelle auch von den Spießern, die aus den sogenannten ,freiheitlichen' und ,hippiesken' Bewegungen stammten und stammen. Ich erinnere dabei nur an Folk-Legende Pete Seeger, der Bob Dylan 1965 wutentbrannt das Kabel durchhacken wollte, als jener auf einem Festival die akustische gegen die elektrische Gitarre austauschte.

Mir jedenfalls geht es seit jeher um die absolute kreative Freiheit. Um die Tatsache, dass jeder Künstler erst mal in sich selbst rein hören muss, ehe er seine Arbeit auf die Öffentlichkeit los lässt - selbst wenn das Ergebnis noch so verstörend wirken mag. Ich kann mich jedenfalls nur dann als Kreativer ernst nehmen, wenn ich mein Inneres schonungslos nach Außen stülpe. Genau das tue ich."

___



Weitere Informationen:

www.hellmut-hattler.de

Viele unterschiedliche Stile und Charaktere treffen sich bei Hattler, doch im Mittelpunkt steht mein Bass.Helmut Hattler
Weitere Beiträge zu den Themen: Bassist (2)Hellmut Hattler (1)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.