Bayernweites Pilotprojekte in Nabburg - Schüler unterrichten Asylbewerber
Schüler coachen Asylbewerber

Die jungen "Lehrer" verbrachten fünf Vormittage damit, Asylbewerbern Begrüßungen, Zahlen und Vokabeln näherzubringen. Bild: Völkl
Nabburg. (cv) Wie spät ist es? Nega liest auf der Uhr die Zeit ab - in deutscher Sprache. Und das Wort "Backpulver" ist wichtig. Der Äthiopier hatte es im Supermarkt mit Vanillezucker verwechselt. Tanja sorgt dafür, dass das nicht mehr passiert. Die 16-jährige Realschülerin ist eine der "Lehrerinnen" für Asylbewerber - in einem bayernweiten Pilotprojekt.
Angi Hirmer ist ein Energiebündel. In zwei Monaten erwartet sie ihr drittes Kind, und in Pfreimd managt die 36-Jährige den 60-köpfigen Arbeitskreis Asyl. Zum harten Kern gehören 25 Leute, die sich einfach kümmern, damit das Zusammenleben mit den 100 Asylbewerbern - 60 sind in der Gemeinschaftsunterkunft an der Wernberger Straße untergebracht - klappt. Es gibt einen Pool mit gebrauchten Fahrrädern.

Raum für Sachspenden

Bürgermeister Richard Tischler hat Räume für Sachspenden zur Verfügung gestellt. Bei der Renovierung packen die Asylbewerber mit an. Es gibt elf Sprachpaten - und einen ungewöhnlichen Deutschkurs. Angi Hirmer unterrichtet an der Naabtal-Realschule evangelische Religionslehre und Deutsch. Zwischen Abschlussprüfung und Entlassfeier gibt es Tage, "in denen die Motivation verständlicherweise nicht mehr allzu groß ist". Hirmer schlug den Abschlussschülern vor, Deutschlehrer für Asylbewerber zu werden. Von 180 Schülern meldeten sich 13. Der Kreis erstreckt sich auf 15- bis knapp 40-jährige Flüchtlinge. Darunter sind etliche, die in die Berufsschule gehören, "doch die Wartelisten sind lang".

Eis schnell gebrochen

Die frisch gebackenen Deutschlehrer zogen in den Vorbereitungsraum der Töpferei: Fünf Tage, von 8 bis 12 Uhr, wurde mit Asylbewerbern aus Äthiopien, Sierra Leone, Syrien und Albanien gepaukt. Hirmer wählte für den Kurs nur englischsprechende Flüchtlinge aus, um die jungen Lehrer nicht zu überfordern. "Anfangs gab es etwas Distanz auf beiden Seiten", erzählt die Pädagogin. "Doch das Eis war schnell gebrochen". In der Pause wurde von Land und Leuten erzählt, von der Familie, von Schicksalen.

Für den Unterricht griff Angi Hirmer auf das Thannhauser Modell zurück, ein Buch, das für Asylbewerber-Kurse entwickelt wurde. Die Kosten von 6,50 Euro trägt der Arbeitskreis. "Wir bekommen auch Spenden", berichtet die Leiterin. Beispielsweise 200 Euro von der AG "Mach was", die in der Schule Pfandflaschen sammelt. Angi Hirmer und ihr Kollege Thomas Spörer freuen sich auch darüber: Ihre Schüler haben in den letzten zehn Jahren nicht nur Inhalte gepaukt, sondern didaktisches Handwerkszeug und methodisches Vorgehen abgespeichert, das sie nun in den Kleingruppen einbrachten.

"Was Sinnvolles tun"

"Viele hängen in den letzten Tage etwas ab, schauen sich lieber Filme an und haben keinen Bock mehr", erzählt die 16-jährige Tanja Kräuter aus Inzendorf. "Ich habe mich entschieden, was Sinnvolles zu tun". Tanja Kräuter wird Konstruktionsmechanikerin, Pascal Graja beginnt eine Brauerlehre. Beide wundern sich, wie gut ihre Schüler Englisch sprechen. Saharia, Sufian, Suraffey und Nega aus Äthiopien pauken voller Ernst. Der eine hat Literatur studiert, der andere arbeitete bei einer Bank und Nega war im "Business Management". Sie erzählen von politischer Verfolgung, ihrer Flucht über Libyen, die Wüste, Syrien, die Toten auf dem Flüchtlingsboot, Lampedusa. Nega würde gerne in Bayern bleiben, seinen Beruf ausüben, aber auch eine Chance ergreifen und "etwas anderes machen". Nega ist es ein Anliegen, danke zu sagen: dafür, "dass diese Menschen freundlich zu uns sind".

Angi Hirmer möchte das Modell im nächsten Jahr in einer Arbeitsgemeinschaft weiterführen, es für Asylbewerber umliegender Orte ausdehnen. Nega und seine Freunde geben ihr Buch nicht mehr aus der Hand. Es öffnet Türen.
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